Rites de passage? Biographische Übergänge als PASSAGEN

Rites de passage — eine ethnologische Perspektive

Der Ethnologe Arnold van Gennep unterscheidet in seiner Untersuchung „Les rites de passage“ (1909) über die Übergangsriten indigener Völker drei Phasen, die sich durch jeweils spezifische Rituale voneinander unterscheiden. Die Rituale bilden schützende Passagen oder Übergänge zwischen einzelnen Lebensphasen und Lebensaltern. Sie bilden auch Passagen zwischen dem sakralen und dem profanen Raum in einer Gesellschaft. Interessanter Weise findet sich die Dreiteilung der Phasen in den unterschiedlichsten ethnischen Gruppen und Religionen wieder.

Die Passagen beginnen jeweils mit einer Ablösungsphase, in der man sich von der Ordnung des Ausgangszustands trennt, z.B. der Jugend, trennt. In ihr werden Trennungsriten durchgeführt.

Es folgt eine Schwellen- oder Zwischenphase, die durch ein chaotisches „betwixt and between“ (Victor Turner) gekennzeichnet ist. In ihr werden Schwellen- oder Umwandlungsriten durchgeführt, die bisweilen auch gefährlich sein können.

Am Ende des Übergangs schließt sich die Integrationsphase des Ankommens im neuen Stadium, in der neuen Lebensphase, im neuen Status, der neuen Identität an. In ihr werden Angliederungsriten durchgeführt. Der Übergang ist beendet.

Alle drei Phasen des Übergangs sind jeweils in sich rituell und zeremoniell überformt. Es sind sozial geteilte Rituale, die alle Mitglieder der Gemeinschaft kennen und gemeinsam tragen. Alle Beteiligten wissen um die sozialen Rollen, die sie zu spielen haben. Der Übergang hat eine Form: Wie die Architektur einer Passage, die eine Straße mit einer anderen verbindet und in sich — wie Walter Benjamin in seinem „Passagen-Werk“ schreibt — eine ganz eigene Welt birgt, wölbt sich die rituelle Form der ‚rites de passage‘ über den anstehenden Übergang des Mitglieds oder der Mitglieder einer Gemeinschaft.

Vom Verschwinden der Rituale — eine philosophische Perspektive

Heute sind viele solcher Übergangrituale längst verschwunden. Der Philosoph Byung-Chul Han mahnt den allgemeinen Verlust unserer Rituale in seinem Essay „Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart“ (2019) an. Ein verlässlicher Tagesablauf gliederte die Zeit. Feste strukturierten das Jahr. Heute wird der Verlust dieser orientierenden temporalen Ordnung beklagt.

Han versteht Rituale als symbolische Techniken der „Einhausung“: „Sie verwandeln das In-der-Welt-Sein in ein Zu-Hause-Sein. Sie machen aus der Welt einen verlässlichen Ort. Sie sind in der Zeit das, was im Raum eine Wohnung ist. Sie machen die Zeit bewohnbar. Ja, sie machen sie begehbar wie ein Haus. Sie ordnen die Zeit, richten sie ein.“ (ebd., S. 10).

Rituale — so Han — sind nicht nur zentral für das Zeiterleben der Einzelnen gewesen. Sie seien Verkörperungsprozesse. Durch Rituale seien die gültigen Ordnungen und Werte einer Gemeinschaft körperlich erfahrbar gewesen: Eingeschrieben in den Körper versinnbildlichten sie ein verkörpertes Wissen und Gedächtnis einer Gemeinschaft. Dieses verkörperte Wissen über den Abschluss einer Lebensphase und den Übergang in die nächste gehe heute verloren. Jede*r einzelne sei unter den Paradigmen des Neoliberalismus aufgerufen, die eigenen Übergänge individuell, authentisch und kreativ zu gestalten. Han erkennt in diesem den*die einzelne*n überfordernden Leistungsanspruch einen der Gründe für die Zunahme von Erschöpfungszuständen und Aufmerksamkeitsschwierigkeiten.

Übergangskrisen als kreative Prozesse – eine psychotherapeutische Perspektive

Man kann im Verschwinden der Rituale auch eine Befreiung von sozialen Regulierungen und sozialer Kontrolle sehen, die überhaupt erst die Freiheit der Entscheidung über die eigene Biographie ermöglicht. Die Realisierung dieser Freiheit der Entscheidung kann mit Krisen und Ängsten einhergehen.

Die Psychologin und Psychotherapeutin Verena Kast unterscheidet in ihrer Theorie krisenhafter biographischer Übergänge 4 Phasen (Vgl. Verena Kast: Lebenskrisen werden Lebenschancen. Wendepunkte des Lebens aktiv gestalten, Freiburg 2014 (2000), S. 22f.).

Dabei fokussiert auch sie sich auf biographische Übergänge, für die es keine sozial ritualisierten Prozesse gibt und bei denen die Übergänger*innen auch nicht auf ihre bisher erworbenen Kompetenzen zurückgreifen können.

Wenn Probleme nicht auf die gewohnte Art zu lösen seien und die bisherigen Kompetenzen nicht ausreichen, dann müsse ein schöpferischer Prozess in Gang gesetzt werden.

Doch auch solche kreativen Prozesse folgen laut Kast einer spezifischen Struktur:

Sie unterscheidet vier Phasen — eine Einteilung, die sie nicht nur aus ihrer psychotherapeutischen Praxis ableitet, sondern auch aus der Struktur von Volksmärchen. Kasts Phaseneinteilung erinnert dabei stark an die Phaseneinteilung der Übergangsriten.

In der ersten Phase, der Vorbereitungsphase, versuchen die Übergänger*innen, ein Problem mit den ihnen bekannten Methoden zu lösen. Man sammelt Wissen, aber wenn keine Idee greift und das gesammelte Wissen nicht weiterhilft, dann — so Kast — „geben wir scheinbar auf und ziehen unser Interesse von dem Problem ab“.

Die Inkubationsphase ist durch Rückzug gekennzeichnet. Das Problem gärt weiter. Der rettende Einfall, die kreative Idee lässt auf sich warten. Diese Phase ist durch Angst gekennzeichnet. Die Angst blockiert die Kreativität. Die Angst kann sich entweder in unruhiger Panik oder in Versteinerung äußern.

Die Einsichtsphase beendet die vorangehende durch einen meist plötzlichen Einfall. Sie ist durch Inspiration und Freude gekennzeichnet.

In der Verifikationsphase wird der Einfall auf seine Gangbarkeit geprüft. Sie ist laut Kast durch Inspiration und Konzentration gekennzeichnet.

Bio-Graphie — vom Schreiben des Lebens. Erzähltheoretische Perspektiven

Interessanter Weise lässt sich die erzählerische Struktur und die narrativen Topoi von beispielweise mittelalterlichen Heldenepen mit den Phaseneinteilungen der Übergangsriten und der Phaseneinteilung, die Verena Kast aus Märchen und therapeutischen Gesprächen ableitet, vergleichen.

Sogar im zeitgenössischen Roman kommt die Struktur der Übergangsriten noch zum tragen. Das habe ich am Beispiel von sogenannten „Reifungsromanen“ untersucht. „Reifungsroman“ ist die Gattungsbezeichnung für Bildungsromane, in denen die Bildungsprozesse von älteren Menschen im Zentrum stehen (vgl. Miriam Haller: Altern erzählen. Rites de passage als narratives Muster im zeitgenössischen Roman. In: Dieter Ferring, Miriam Haller, Hartmut Meyer-Wolters, Tom Michels (Hg.), Soziokulturelle Konstruktionen des Alters. Transdisziplinäre Perspektiven, Würzburg 2008, S. 95-117).

Die Übergansriten haben sozusagen in der Literatur überlebt. Sie sind in sie eingegangen.

Man kann die Phasen in vielen zeitgenössischen Erzählungen oder Filmen wiederfinden. Selbst ein Film wie „Eat.Pray.Love“ folgt der Struktur der Übergangsriten.

In Ratgebern zum kreativen Schreiben ebenso wie zum biographischen Erzählen findet sich der Rückgriff auf die Phasen von Übergangsriten, der zum Teil zu einer noch wesentlich detaillierter untergliederten Phaseneinteilung ausgearbeitet wird:

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Christopher Vogler, online unter https://finde-deine-story.de/, zuletzt gesehen am 23.10.2017.

1001 Pasajes – Erkundungen und Fragen

Mich interessieren in diesem Blog folgende Fragen besonders:

Werden (biographische) Übergänge oder transformatorische Bildungsprozesse wirklich immer wieder in einer solchen narrativen Struktur erzählt?

Wo finden sich Anregungen und Beispiele für andere Muster, Topoi, Bilder, Gebäude, Erzählungen und Rituale von Übergängen und Passagen? In der Kunst?

Wie kompensieren wir den Verlust der Rituale, durch die biographische Passagen unterstützt wurden?

Wie wollen wir Übergänge gestalten?

Wie können Menschen, die das wünschen, heute in ihren biographischen Passagen gut begleitet werden?