DIE 275 WASSERSPRÜNGE VON IGUAZU

Auf Spanisch heißt Wasserfall ‚SALTO‘. Mir gefällt die Vorstellung, dass das Wasser nicht fällt, sondern springt.
Vom Flugzeug aus sehen wir das Flussdelta des Rio Iguazu mit seinen breiten Verästelungen. Wie ruhig der Fluss vor sich hinfließt. Noch ist nichts vom bevorstehenden Sog, von den Strudeln und Schnellen zu ahnen. Unvorbereitet auf den Fall oder den Sprung über die Klippe, von einem Abgrund noch keine Spur. Rostrot strömt das Wasser, mäandert friedlich durch die Grüntöne seiner Umgebung, gefärbt von der eisenhaltigen Erde des brasilianischen Regenwaldes.

Breit, viel breiter als unsere Flüsse, und ruhig fließt der Rio Iguazu auch aus der Nähe gesehen, langsam und arglos. Erst kurz vor dem Abgrund scheint er Fahrt aufzunehmen. Inmitten des Flusses, halten sich immer noch kleine Bäume und Gräser, fest verwurzelt und biegsam zugleich, widerstehen sie dem Sog. Sie haben sogar noch die Kraft zu blühen. Angstblüten?

An der Klippe dann der tiefe Fall – was schreibe ich? – die Fälle: 275 Wasserfälle werden gezählt, 20 große und 255 kleinere, aber was heißt hier schon groß oder klein? Der Name ‚Iguazú‘ hat seinen Ursprung in der Sprache der Guarani, der indigenen Bevölkerung dieses Gebiets. ‚Y‘ steht für Wasser und ‚guasu‘ für groß. Für diejenigen, die an Zahlen glauben: Bis zu 82 Meter Höhendifferenz sollen es sein, die das Wasser überwindet. 275 Übergänge. Überfälle? Übersprünge? 275 mal springt das Wasser über die Klippen, Jahrmillionen, immer wieder aufs Neue. Unersättlich, unerbittlich.

Klatschnass von der hochhaushoch aufschäumenden Gischt, stehen wir auf der Brücke über der Garganta del diabolo, dem Teufelsschlund, und schauen blinzelnd in die Regenbögen. Es tost und brüllt in den Ohren. Die weiße Gischt bildet wulstige Muster vor dem Rostrot des fallenden Wassers, über dem Höllenschlund, der aufgerissenen Kehle des Teufels. Dieser Durst ist nicht zu stillen. Beim Blick nach unten wird uns schwindelig. So eine erhabene Naturgewalt, so ein Wunder der Natur ergreift. Da ist kein Halten mehr.

Und doch hat der Mensch seine Hand im Spiel: Wie die schmalen Brücken, auf denen wir nur einige Zentimeter von dem Schlund entfernt stehen, gebaut worden sind, erscheint mir als beinahe kongeniales Wunder der Technik. Wie sie sich halten, erst recht. Als wäre der Mensch angesichts dieser Machtdemonstration der Natur bei seinem Ehrgeiz gepackt. Dass wir darauf vertrauen und den Weg über den Fluss zur Klippe für einen Blick in den tosend-reißenden Abgrund wagen, ist mit jedem Schritt ein unausgesprochenes Glaubensbekenntnis an die Ingenieurskunst. Naivität oder menschliche Überheblichkeit? Allmachtsglaube oder Sensationslust. Kommt da Hochmut oder Demut vor dem Fall? Vor dem Sprung.

Ein neuer Lebensabschnitt. Grenzgang nach Argentinien. Fallen oder Springen.

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