GEHST DU GUT? Psycho-somatische ÜberGänge

Ich gehe nicht gut. Meine Schultern und mein Rücken mucken bei jedem Schritt. Da saß mir die Angst im Nacken, festgekrallt. Diesen körperlichen Schmerz hat sie mir zurückgelassen: Nicht, dass ich übermütig werde, jetzt da es mir langsam, und ebenfalls Schritt für Schritt seelisch wieder besser geht, ich meinen UmGang mit den Verlusten finde und mit dem, was war.
Gestern Abend habe ich per Zufall, nachdem wir im Boca a Boca, einem netten Restaurant im Stadtteil La Boca in der Nähe der Kunstfabriķ Usina de arte, gegessen haben, an einer Yogastunde teilnehmen können. Das Restaurant hat einen kleinen Veranstaltungssaal. Hier gibt Diego Yogaunterricht. War das eine Wohltat. „Bandoneon“ nennt Diego eine Übung zum Dehnen, Strecken und Zusammenziehen der Wirbelsäule. Yoga auf Argentinisch. Beziehungsweise ebenso globalisiertes Yoga wie das Instrument, das von dem Krefelder Musiklehrer Heinrich Band entwickelt wurde, aber schon bald über die Grenzen des Rheinlands hinaus bekannt wurde und aus dem argentinischen Tango nicht wegzudenken ist.

Nach der Yogastunde versuche ich, anders zu gehen, den Rucksack anders zu tragen, aufrechter zu sitzen: „Pecho abierto“, hatte Diego mir mit auf den Weg gegeben: Brustkorb öffnen. Ein anderes Körpergefühl. Aber auch das erfordert Mut. Wenn man mit Leib und Seele darauf getrimmt war, sich auf den nächsten dräuenden Schicksalsschlag vorzubereiten, hat sich das in den Körper eingeschrieben.

Ich erinnere mich an unseren ersten Tag auf Kuba im April 2017, unseren ersten Tag in der Neuen Welt, meinen ersten Tag in meinem neuen Reiseleben, meiner neuen Lebensreise, Lebensweise. Wir gingen, überwältigt von der Farbenpracht des Meeres und des Himmels – so viele unterschiedliche Blautöne hatte ich noch nie auf einmal gesehen –, überwältigt auch von der flirrenden Mittagshitze und den würzig-süßlichen, bisweilen fauligen Gerüchen, langsam durch die Straßen.

Vor einem Café, in dem wir Schatten fanden, saß ein alter Kubaner an einer Bushaltestelle, einen Zigarrenstumpen im Mund. Seine Haut gegerbt, sein drahtiges Haar schwarz-grau meliert. „Como andas, mi vida?“, fragte er mich. „Wie geht’s?“, heißt das, aber wenn man es wortwörtlich übersetzt, hat er gefragt: „Wie gehst Du, mein Leben?“. Ich antwortete, wie man halt so antwortet: „Bien, mucho calor, y tu, como te va?“ – „Gut, heiß ist es, und Dir, wie geht es Dir?“ Er lächelte mich an: „Mas o menos“ – „Mehr oder weniger“.

Als wir einige Tage später vor den riesenhaften Wandbildern von Che Guevara und Camilo Cienfuegos auf der Plaza de la Revolucion in La Habana stehen, fällt es mir auf: „Vas bien, Fidel!“ steht unter dem Bild von Camilo: „Du gehst gut, Fidel!“. Revolutionären geht ES nicht gut oder schlecht; SIE gehen – gut oder schlecht, mehr oder weniger.

Wann ging bei uns das ‚es träumt mir‘ oder ‚es dünkt mich‘ in ein ‚Ich denke‘ über? Licht der Aufklärung oder ihr Ballast, den wir bis heute mit uns auf den Schultern herumschleppen? In unserem ‚es geht mir‘ scheint sich noch etwas von der Vorstellung einer Unverfügbarkeit des ‚Ich’, das halt nicht alles unter Kontrolle hat, zu erhalten, scheint etwas noch nicht von den aufklärerischen Allmachtsideen des Subjekts besetzt zu sein.

Trotzdem: Wenn ich daran denke oder wenn mich wieder jemand fragt, „wie ich gehe“ – und das passiert hier ständig, nach jedem Hallo oder Guten Tag – dann richte ich mich auf. Pecho abierto — offener Brustkorb. Der Ausruf „Pecho!“ meint im Spanischen übrigens „Nur Mut“. Ich übe ÜberGang.

Ein Freund hat mich nach dem Lesen dieses Beitrags auf ein Radiofeature des Deutschlandfunks über das GEHEN in der Literatur hingewiesen. Das möchte ich Euch nicht vorenthalten. Schaut oder hört doch mal rein: http://www.deutschlandfunkkultur.de/das-gehen-in-der-literatur-vom-traum-unterwegs-ein-anderer.976.de.html?dram%3Aarticle_id=400889

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