PASAJES SOCIALES. MIT DEN BUSLINIEN 152 ODER 29 DURCH DIE SCHICHTEN VON BUENOS AIRES

22. NOVEMBER 2017

Mit den Buslinien 152 oder 29 lässt sich das Zentrum von Buenos Aires mit seinen unterschiedlichen Barrios leicht durchqueren. Diese Pasaje ist gleichzeitig eine Reise durch soziale Schichten der Stadt.

Von Olivos und Belgrano aus, den beschaulichen und ruhigen Wohnvierteln der reichen Mittelschicht, geht die Fahrt über das Chinesenviertel (Barrio Chino) in Belgrano ins junge Palermo, wo sich in unzähligen Bars, Restaurants, Galerien und Fahrradgeschäften eine Speerspitze von Trendsettern und Bobos bildet. Nirgendwo sonst wird in Buenos Aires so viel Fahrrad gefahren, nirgendwo sonst finden sich so viele vegetarische Restaurants und Bioläden, in denen glutenfreies Brot verkauft wird. Das Fahrrad hat hier so einen herausragenden Kultstatus erreicht, dass es als Dekorationsobjekt vieler der jungen Startup-Läden herhält: Bunt lackiert, mit lässig arrangierten Blumen im Korb stehen sie vor den Schaufenstern.

Nach den in Argentinien allgegenwärtigen Parillas, den Restaurants mit Holzgrill, auf dem riesige Bife de Chorizo, neben Brat- und Blutwürsten, Nieren und daumendicken Grillkäsescheiben brutzeln, kann man hier lange suchen – aber wir finden sie doch.

Von Palermo aus geht die Fahrt mit der 29 weiter über den Stadtteil Recoleta mit seinen an Paris erinnernden ebenso hohen wie hochherrschaftlichen Appartement-Häusern. In den Eingängen glänzen die Messingklingeln, bewachen Portiere die Häuser mit ernster Miene. Der Friedhof Recoletas bildet mit seinen prunkvollen neoklassizistischen und Art déco-Mausoleen eine eigene kleine Stadt in sich, in der die nicht nur an Einfluss reichen Porteños begraben sind.

Weiter geht es mit der Buslinie ins Mikrozentrum mit seinen Einkaufs- und Fußgängerzonen, dem Zentrum der politischen Macht Argentiniens, dem rosafarbenen Präsidentenpalast, der Casa Rosada, und dem Parlament und der geschichtsträchtigen Plaza de Mayo.
Hier jubelten 1945 die sogenannten ‚descamisados‘, die ‚hemdlosen‘ und ebenso mittellosen Arbeiter, Juan Perón und vor allem seiner Frau Evita zu.

Seit 1977 laufen die ‚Madres de la Plaza de Mayo‘, heute die Abuelas (Großmütter) de la Plaza de Mayo, jeden Donnerstag ihre Runde über den Platz, weil Stehenbleiben wegen des eingeschränkten Versammlungsrechts während der Militärdiktatur (1976 – 1983) nicht erlaubt war. Immer noch fordern sie Auskunft über ihre während der Diktatur „verschwundenen“ Ehemänner, Kinder und Enkel. Immer noch sind viele Fälle nicht aufgeklärt und viele Täter nicht bestraft, obwohl während der bis 2015 dauernden Regierungszeit der Kirchners die Aufklärung der Verbrechen der Militärdiktatur vorangetrieben wurde. In den Tageszeitungen schalten die Hinterbliebenen weiterhin Trauer- und Erinnerungsanzeigen.

Das Viertel San Telmo schließt sich mit seinem Flohmarktplatz an, der Plaza Dorrego, seinen Antiquitätengeschäften und den alten Pasajes, den Einkaufspassagen wie der Pasaje Defensa, die Feministinnen zur Pasaje der Selbstverteidigung der Frauen erklärt haben.

Bis zum Ausbruch einer Gelbfieberepedemie im Jahr 1871 war San Telmo beliebtes Wohnviertel der Mittel- und Oberschicht. Damals verließen viele reichere Familien das ehemalige Hafenviertel und zogen nach Recoleta und Palermo. Auch heute ist die Mittelschicht zurückgekehrt, anders als vor 24 Jahren, als ich zum ersten Mal hier war.
An das San Telmo der 90er Jahre kann ich mich gut erinnern. Hier hatte ich mir die alte Hutschachtel für meinen Sombrero aus Salta gekauft, beklebt mit den vergilbten Adressetiketten seiner früheren Besitzer, die von Italien aus nach Buenos Aires gekommen waren. Mit dem Schiff, so malte ich es mir damals aus, auf der Suche nach einer neuen Heimat. San Telmo ist bis heute italienisch geprägt. Alteingesessene Pizzerien finden sich hier zu Hauf.
Ich war damals auf der Suche nach einer günstigen Unterkunft in einem Stundenhotel in San Telmo gelandet, in dem ich es eine ewiglange Nacht bei eindrücklicher Geräuschkulisse aushielt und die Stunden zählte, bevor ich morgens Reißaus nahm, um entmutigt zur Schwiegermutter einer Freundin zu gehen und sie zu bitten, mir bei der Suche nach einer günstigen Pension zu helfen. Das käme gar nicht in Frage, so die Schwiegermutter damals, ich müsse selbstverständlich bei ihnen wohnen, wie ich überhaupt auf die Idee käme, nach einer Pension in San Telmo zu suchen, das könne ja kein gutes Ende nehmen – und so zog ich schließlich vom Stundenhotel in San Telmo in das Gästezimmer einer riesigen Altbauwohnung im reichen Recoleta, in dessen Restaurants ich mir damals kein Mittagessen leisten konnte.

Heute reihen sich in San Telmo Boutique-Hotels aneinander, aber es gibt noch die herrlichen alten ‚bares notables‘, die alten Bars und Restaurants, die heute von der Stadt unter Denkmalschutz gestellt worden sind. Das Gesetz Nummer 35 vom 4. Juni 1998 legt in Artikel 2 fest: „Bar, Billardcafé oder Konditorei, die wichtige kulturelle Aktivitäten betreibt und deren Aĺter, Architektur oder Relevanz steigern“ wird zu den erhaltenswerten Bares Notables gezählt.

San Telmo geht in den Stadtteil La Boca über. Im einst verruchten Hafenviertel wohnen immer noch viele arme Menschen. Und so ändert sich während der Fahrt das Bild der Passagiere im Bus: Die Kleidung wird bunter und glänzt synthetischer, die klimpernden silbernen Armbändchen der dezent graublondgefärbten Damen weichen den Goldzähnen, aber auch den Zahnlücken, die Kinder werden dicker und die Hauttöne dunkler.
Viele Häuser in La Boca sind noch aus Wellblech gebaut, auch außerhalb des Caminito, des berühmten Touristenwegs durch La Boca, den ausschließlich bunt angemalte Wellblechhütten säumen.

Wir Touristen scheinen das zu lieben: Alles so schön bunt hier. Wie heiß im Sommer und wie kalt im Winter mag es wohl unter dem dünnen Wellblech sein.

Das Viertel durchmischt sich langsam, aber sicher: Künstler haben in La Boca auf der Suche nach günstigem Wohnraum Quartier bezogen, haben Ateliers und Galerien gegründet. Die Stadt hat eine alte Fabrik in ein Kunst- und Kulturzentrum, die Usina de Arte, umgebaut und eine Private Kunststiftung hat direkt am Hafen, am Ende des Caminito, ein Museum für zeitgenössische Kunst gegründet, wo Ai Weiwei gerade den Aufbau seiner riesigen Fahrradinstallation vor dem Museum beaufsichtigt.

Bestimmt ist es nur noch eine Frage der Zeit bis auch in diesem Barrio die Mittelschicht ihren Einzug hält und die Ärmeren weiter an den Rand der Stadt verdrängt. Gentrifizierung wird auch in Buenos Aires betrieben. Jedoch: Noch scheint sich die Mittelschicht in La Boca unsicher zu fühlen. INSEGURIDAD ist das häufigste Wort, das wir in Bezug auf La Boca zu hören bekommen. Die Kellnerin im dortigen Café Havanna warnt uns davor, nach 18 Uhr durch den Stadtteil zu gegen. Sie selbst gehe „direchito, direchito“, direkt nach der Arbeit nach Hause. Die meisten Cafés und Restaurants am Caminito würden um diese Uhrzeit schließen. Dann sei der Caminito ausgestorben, und kein Tourist solle sich hier noch aufhalten. Wir hatten schon vorher das Restaurant Boca a Boca entdeckt. Von meinem Yogakurs dort habe ich Euch ja schon erzählt. Ich hatte kein unsicheres Gefühl, aber merke auch erst, als wir gehen, dass die Wirtin hinter jedem Gast die Tür abschließt.

Als krasser Gegensatz zu den ein- bis zweistöckigen Wellblechhäusern La Bocas türmen sich direkt neben dem Stadtteil die glitzernden Wolkenkratzer des in den letzten zwanzig Jahren aus dem Boden gestampften Puerto Madero auf, in dem die Höhe der Mieten ebenso hoch sein dürften, wie die Kräne, die das nächste Hochhaus errichten.

Wohin weder die Buslinien 152 und 29 noch wir fahren, das sind die Armenviertel, die riesigen Slums an den Rändern von Buenos Aires: die Villas Miserias. Ich habe sie auch während anderer Aufenthalte nur von der Autobahn aus gesehen. Innerhalb des Zentrums, das die Buslinien 152, 29 und unzählige andere durchqueren, innerhalb des Stadtrings der Autopista General Paz leben nur drei der etwa 14 Millionen Einwohner von Buenos Aires. Außerhalb dieser Autobahn umrunden die Villas Miserias mit Ausnahme des Nordens – wie oft ist es der Norden, der reich ist? – die ganze Stadt mit einer Armut, die Europa nicht kennt, vor der wir Europäer*innen, ebenso wie viele Menschen aus der Mittel- und Oberschicht Argentiniens, allzu schnell bereit sind, die Augen zu verschließen. Diese strukturellen sozialen Differenzen gehen uns alle an, sind unser Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Ein argentinischer Bekannter erzählte mir einmal, dass seine Frau, als sie das erste Mal in Europa war und mit der Straßenbahn durch Köln fuhr, erstaunt bemerkt habe, dass es auch in Deutschland Armenviertel mit vielen kleinen Hütten gebe. Es waren Schrebergärten.

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