WIDERSTAND DER MAPUCHE – (K)EIN KAPITEL DER GESCHICHTE UND DER AKTUELLEN GEGENWART

26. NOVEMBER 2017
General Roca, die Stadt, in der meine argentinische Familie wohnt, ist nach dem argentinischen General und zweimaligen argentinischen Präsidenten Julio Argentino Roca (1843-1914) benannt, der im Rahmen der sogenannten „Wüstenkampagne“ vom 1878-1880 Patagonien erobert hat – oder anders erzählt: Die Stadt ist nach dem General benannt, der mit seinen Truppen die Mapuche, die von Patagonien (Chile und Argentinien) bis hoch nach Peru das Land besiedelten, unterworfen, viele von ihnen ermordet hat und ihnen ihr Land geraubt hat.

Auch in Argentinien unterscheiden sich die Erzählungen der Geschichte des Landes, je nachdem, wer die Geschichte erzählt. Was für ein Affront muss es nicht nur für die in General Roca lebenden Menschen, die sich als Mapuche identifizieren, noch heute sein, diesen Namen tagtäglich zu hören und zu lesen. In der Sprache der Mapuche heißt die Stadt ‚Fisque Menuco‘.

Es wird heiß darüber debattiert, ob General Roca nicht offiziell in Fisque Menuco umbenannt werden sollte (vgl. einen Bericht und die Kommentare unter http://www.anroca.com.ar/noticias/2017/01/13/72392-le-cambiarias-el-nombre-a-general-roca-por-fiske-menuco, zuletzt gesehen am 6.12.2017). Die Debatte steht im Rahmen einer großen Diskussion darüber, ob die sogenannte „Wüstenkampagne“ nicht adäquater als Völkermord zu bezeichnen sei: Der Soziologe Daniel Feierstein von der Universität Buenos Aires sieht im Wüstenkrieg General Rocas einen mit der Staatsbildung Argentiniens aufs engste verbundenen Genozid. Auch der Historiker Oswaldo Bayer (ebenfalls von der Universität Buenos Aires) (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Osvaldo_Bayer) setzt sich stark dafür ein, dass das Bild Julio A. Rocas im kollektivem Gedächtnis korrigiert wird – auch indem die Stadt General Roca umbenannt und das Denkmal des Generals in Buenos Aires entfernt wird.

Schaut man auf die Geschichte der Mapuche, so können sie auf eine lange Geschichte des erfolgreichen Widerstands gegen die Konquistadoren zurückblicken. Anders als viele andere indigene Völker Lateinamerikas, wie zum Beispiel die Inka oder die Azteken, konnten sich die Mapuche sehr lange gegen die spanischen Eroberer behaupten. Am 25. Dezember 1553 haben sie in Chile unter ihrem ‚Toqui‘, ihrem gewählten Anführer in Kriegszeiten, Lautaro einen denkwürdigen Sieg über die spanischen Konquistadoren errungen. Lautaro war zuvor von den Spaniern gefangen genommen worden und hatte als Stallbursche für Gouverneur Valdivia gearbeitet. Nach seiner Flucht kehrte er zu seinem Volk zurück und nimmt seine Kenntnisse mit. Er lehrte die Mapuche-Krieger, dass auch die Pferde der Konquistadoren bezwingbar sind. Sie lernen reiten und züchten Pferde. In der Schlacht vom 25. Dezember 1553 siegen sie über die Spanier und töten den spanischen Gouverneur Valdivia. Fast 100 Jahre dauern die Kämpfe bis sich beide Seiten 1641 auf einen Friedensvertrag einigen, der einzigartig in der Geschichte Südamerikas ist und den Mapuche südlich des Bío-Bío-Flusses Autonomie zusichert.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts verlieren die Mapuche ihre Ländereien und ihre Unabhängigkeit, als sowohl die seit 1818 von Spanien unabhängige Regierung Chiles als auch die Argentinier mit dem Wüstenkrieg des besagten General Roca den Süden des Kontinents für sich reklamieren.

Doch zurück in die Gegenwart: Viele der heute lebenden Gemeinschaften der Mapuche haben im argentinischen Patagonien Land zugesprochen bekommen. Als wir von San Martin de los Andes eine Wanderung zu einem der Aussichtspunkte hoch über dem See Lacar und zu einem kleinen Strand auf der anderen Seite des Berges unternehmen, führt die Wanderung durch Mapuche-Land. Nur ein handbemaltes Schild an einer Holzschranke weist darauf hin, wem dieses Land gehört und zwei Frauen, die uns aus einem kleinen Holzhaus heraus frische Tortas fritas (frittierte Brandteigteilchen mit Zucker) verkaufen sowie für ein paar Pesos die Eintrittskarten zum Aufstieg auf ihren Berg mit seinen Aussichtspunkten und seiner märchenhaften Sicht auf den See und die schneebedeckten Anden im Hintergrund. Vor der Grundschule weiter unten im Tal scheinen die argentinische Flagge und die der Mapuche recht einträchtig in der Windstille nebeneinander zu hängen.

Dabei weht politisch momentan ein ganz anderer Wind: Am Abend zuvor hatten wir auf dem Marktplatz von San Martin eine kleine Demonstration von Mapuche gesehen, die auf Pappschildern die Freilassung des inhaftierten Mapuche Facundo Jones Huala fordern. Ich frage die Frauen nach den Unruhen, aber sie meinen, dass sie sich da nicht engagieren würden, in San Martin würden sie sie in Ruhe lassen, es gäbe Repressionen, aber keine größeren. Welche Repressionen genau, wollen sie mir neugieriger Touristin nicht erzählen.

Von meinen Freundinnen und aus der Presse erfahren wir mehr.

In Bariloche hat die Mapuche-Gemeinschaft ‚Lol Lafken Winkul Mapu‘ Gebiete um den Macardi-See herum besetzt. Es handelt sich laut der deutschsprachigen Wochenzeitung ‚Argentinisches Tageblatt‘ um Naturparkgebiete mit einem sehr hohem Grundstückspreis, was die Aufregung entsprechend erhöht hat. In Neuquen hat sich die Mapuche-Organisation RAM zu einem Anschlag auf eine Erdölbohranlage bekannt. Sie haben laut der Zeitung ‚La Voz del Interior‘ Feuer gelegt und die Freilassung ihres inhaftierten Anführers Facundo Jones Huala gefordert.

Zugespitzt haben sich die Konflikte seit dem „Verschwinden“ Santiago Maldonados im August 2017 und dem Fund seiner Leiche im Fluss Chubut im Oktober diesen Jahres.
Recht detaillierte deutschsprachige Berichte über die Situation findet Ihr im Netz auf den Seiten von „Blickpunkt Lateinamerika“ unter http://www.blickpunkt-lateinamerika.de/news-details/article/die-mapuche-in-patagonien-und-ihr-kampf-um-land.html?no_cache=1&cHash=830707e2ed244a469cb7f60300f68df5., zuletzt gesehen am 6.12.2016). Dort steht zum Tod Santiago Maldonados: „Lange Zeit interessierten die Proteste der Indigenen in Patagonien im viele Tausend Kilometer entfernten Buenos Aires kaum jemanden. Doch das änderte sich schlagartig, als nach einer Protestkundgebung am 1. August 2017 ein Angehöriger der weißen Mittelschicht aus der Hauptstadt spurlos verschwand. Santiago Maldonado, Kunsthandwerker, 28 Jahre alt, hatte sich dem Kampf der Mapuche angeschlossen.

‚Wo ist Santiago Maldonado?‘ Über Monate ging ein Aufschrei durch Argentinien und die Welt – erinnerte der Vorfall doch zu sehr an die Praktiken aus der letzten argentinischen Militärdiktatur, während der rund 30.000 Menschen verschwanden. War auch bei Maldonado der Staat zum Mittäter geworden? Als man nach 78 Tagen endlich seine Leiche fand, stand fest: Der junge Mann war im eiskalten Wasser des Flusses Chubut erfroren. Fakt ist aber auch, dass er auf der Flucht vor den argentinischen Sicherheitskräften ums Leben kam.“

Am Samstag, den 25. November 2017 ist nun am Macardi-See in der Nähe von Bariloche ein zweiter Mapuche getötet worden und zwei weitere verletzt: Dieses Mal durch direkte Schüsse der Polizei (vgl. den Bericht von El País vom 27.11.2017 unter https://elpais.com/internacional/2017/11/27/argentina/1511799401_814849.html?rel=str_articulo#1512584689965, zuletzt gesehen am 6.12.2017). Wer zuerst und ob die Polizei in Selbstverteidigung auf die Mapuche geschossen hat, wird momentan von einem Richter untersucht. Die argentinische Regierung unter Mauricio Macri „verspricht“ jedoch laut El País eine Politik der „harten Hand“ (vgl. ebd.).

Der Mascardi-See liegt nicht weit entfernt vom Zentrum des Mapuche-Konflikts, der Benetton-Ranch, auf deren riesigem Gebiet seit etlichen Jahren eine Gruppe um den inzwischen inhaftierten Facundo Jones Huala Land besetzt. Der Widerstand der Mapuche gegen die Landkäufe der Firma Benetton schwelt schon lange. Im Jahr 1991 kaufte die Benetton-Gruppe in Patagonien 900.000 Hektar Land und betreibt seitdem dort Schafzucht: 10% der Wolle der Firma werden hier produziert. 2007 hat eine Gruppe von Mapuche-Indianern auf diesem Land ein kleines Grundstück mit der erklärten Absicht besetzt, „den Wiederaufbau des Mapuche-Volkes zu beginnen“ – so ein ausführlicher Hintergrundbericht der Zeitung El País (vgl. https://elpais.com/especiales/2017/represion-mapuches-argentina/, zuletzt gesehen am 6.12.2017).

Argentiniens Verfassung erlaubt Landansprüche der indigenen Völker, aber Benetton verweigert sich gegenüber diesem Rechtsanspruch mit dem Verweis, dass die Mapuche, die das Land besetzt hätten, aus Chile gekommen seien. Sie seien Einwanderer nach Argentinien wie andere auch (vgl. https://elpais.com/especiales/2017/represion-mapuches-argentina/, zuletzt gesehen am 6.12.2017). Da die Mapuche lange vor der Grenzziehung zwischen dem chilenischen und dem argentinischen Teil in Patagonien gelebt haben, erkennen sie diese Version der Geschichte nicht an.

Vielleicht denkt Ihr in der Einkaufspassage an diese Passage und überlegt, ob der neue Pullover von Benetton sein muss.

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