GLETSCHERDYNAMIK. Vom Altern und KALBEN DES PERITO MORENO-GLETSCHERS

17. DEZEMBER 2017

In Monika Marons Roman ‚Endmoränen‘ (2002) türmt sich einer Endmoräne gleich der Lebensschutt von Jahrzehnten vor der Protagonistin auf. All die Hoffnungen und Sehnsüchte, das nicht gelebte, sondern nur vor sich hergeschobene Leben, scheinen zu Stein erstarrt und blockieren den Weg, versperren die Sicht auf einen neuen Lebensentwurf, wo der bisherige nicht mehr zu tragen scheint. An diesem Punkt geht nichts weiter wie bisher. Aber da die Zeit nicht stillsteht und der Fluss des Lebens auch nicht, so lange da noch Leben ist, bewegt sich irgendetwas doch, unmerklich, kaum mit den Sinnen wahrnehmbar, bis die Bewegung schließlich doch wieder einen neuen Anfang nimmt, ein Unterschied ausgemacht werden kann zwischen dem, was war und dem, was ist.
Von den vielen Erzählungen über das Alter(n), die ich gelesen habe, hat sich mir dieser Roman besonders eingeprägt. Es war nicht nur das fachlich gerontologische oder das literaturwissenschaftlich analytische Interesse, sondern ein ganz eigenes, das mich bei der Lektüre damals aufhorchen ließ, mich aber auch beunruhigte. So genau wollte ich es gar nicht wissen, wie es sich anfühlen mag, wenn die lange, gern und leidenschaftlich gelebte Lebensidee nicht mehr trägt und keine neue in Sicht ist, wenn die Moränen starr geworden sind und den Gletscherfluss behindern und einengen.

Inzwischen habe ich es am eigenen Leib erfahren, aber wovon weder im Roman die Rede war, geschweige denn, dass ich mir Gedanken darüber gemacht hätte, das ist die – „Gletscherdynamik“. Sie komplettiert die Gletscher- und Moränenallegorie. Also, für den Fall, dass ich es mal wieder vergessen sollte. Von jetzt an: Immer mit der Gletscherdynamik rechnen.

Gletscherdynamik ist ein Wort, das, wie wir von den Rangern am Gletscher des Perito Moreno erfahren haben, aus der Glaziologie, der Gletscherwissenschaft, stammt. Erst dachte ich, welch Widerspruch in sich: Ein Oxymoron, Gletscherdynamik, ein schwarzer Schimmel. Aber als ich dann den kontinuierlich kalbenden erhabenen Gletscher des Perito Moreno sah und ehrfürchtig dem dunklen Knarren des jahrtausendealten Eises lauschte, erschien mir der Begriff äußerst trefflich. ‚Kalben‘ nennt man aus mir bisher unerfindlichen Gründen das Abbrechen großer Eisblöcke vom Gletscher, die krachend im Fluss landen und als Eisberge weiter auf dem Fluss schwimmen. Die Kalbungsgeschwindigkeit des Perito Moreno-Gletschers ist hoch. Sie kann bis zu knapp einem Kilometer pro Jahr ansteigen.

Der Begriff ‚Gletscherdynamik‘ bezeichnet aber nicht nur das Kalben von Gletschern, sondern das Bewegungsverhalten von Gletschern allgemein. Gletscher können sich auf ihrem Felsbett bewegen. Das nennt man dann Gleiten. Gletscher können das Felsbett aber auch weiter formen. Oder das Eis des Gletschers kann sich dem Felsen anpassen. Wo ein Gletscher gleitet, da bleibt nichts „in Stein gemeißelt“, da schleift das Eis weiter den Stein und der Stein das Eis.

Und so wie der Gletscher das Geröll zu Moränen schleift, so wie er die Moränen formt, so bleibt etwas von dem Gesteinsstaub im Gletschereis enthalten. Wenn dieses Eis schmilzt, dann bildet sich die so genannte Gletschermilch, dieses in herrlichen Grün- und Türkistönen schillernder Wasser, das die Seen und Flüsse in den Anden Patagoniens färbt.

Dem Perito Moreno-Gletscher hat die globale Erwärmung nach Aussagen der Ranger bisher noch nichts angetan. Die meisten anderen Gletscher aber ziehen sich zurück. Sie schmelzen. Was maßen wir uns an — in diese Ur-Dynamik derart einzugreifen.

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