„Es ist nicht unmöglich, zweimal in der gleichen Straße zu schwimmen“. DIE STRAßE TUCUMÁN IN GENERAL ROCA

1. JANUAR 2018

„Una calle es más que sus negocios, es más que su asfalto y quizá más que su nombre. Una calle es sobre todo la memoria que de ella tenemos, y no es imposible bañarnos dos veces en la misma calle.“

„Eine Straße ist mehr als ihre Geschäfte, ist mehr als ihr Asphalt und vielleicht mehr als ihr Name. Eine Straße ist vor allem die Erinnerung, die wir von ihr haben und es ist nicht unmöglich, das wir zweimal in der gleichen Straße schwimmen“.
So scheibt Marcelo Birmajer über die Straße Tucumán im Stadtteil Once in Buenos Aires (Marcelo Birmajer: El Once. Un recorrido Personal, Buenos Aires 2006, S. 17).

Meine Straße Tucumán befindet sich in General Roca, nicht in Buenos Aires.

Es ist die zentrale Einkaufsstraße des patagonischen Städtchens, in dem meine Freunde wohnen, meine argentinische Familie. Als ich das erste Mal hier war für ein Auslandssemester in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts, war sie noch nicht lange asphaltiert. Es gab einige wenige Geschäfte, ein Café, das Café 43, und einen Telefon- und Faxladen. Kurz bevor ich ankam, hatte ein Benettongeschäft aufgemacht, das von den Rocensern zwiespältig beäugt wurde: Einerseits freute man sich, eine bekannte europäische Marke in der Stadt zu haben und war auch ein wenig stolz, sich für teures Geld einen internationalen Anstrich geben zu können und andererseits ärgerte man sich schwarz, dass der Konzern Benetton riesige Landflächen Patagoniens aufkaufte und für die Schafzucht nutzte. Das ließ sich nur schlecht mit dem Nationalstolz vereinen und gab vor allen Dingen Anlass, sich einmal mehr über die neoliberale Politik der Privatisierung staatlichen Eigentums zu ärgern, die Kennzeichen der damaligen peronistischen, also eigentlich ‚links‘ ausgerichteten, Regierung von Carlos Menem war. Ich war entsetzt zu entdecken, dass links nicht links heißt, was für mich junge Studentin damals noch ein ungewohnter Gedanke war.

Ausländische Markenprodukte wurden damals noch bestaunt. Ich werde nie vergessen, wie ein argentinischer Freund mir freudig berichtete, dass man das Haarwaschmittel Timotei, das er aus Europa kannte, nun auch im Supermarkt von General Roca kaufen könnte.

Ich liebte die Straße Tucumán und besonders das Café 43, das seinem Namen zu trotz damals das einzige Café der Stadt war. Hierhin zog ich mich zurück, schrieb Briefe an den Geliebten in Deutschland, dessen Gegenliebe mir unsicher schien. Wenn das Herzeleid gar zu drängend wurde, ging ich in den Telefonladen, zählte seufzend mein Geld und ließ den Brief faxen, niemals ohne sehnsüchtig in das inzwischen eigens für mich eingerichtete Fach zu schauen, in der Hoffnung, dass der heiß Vermisste an mich ein Fax geschickt hatte, eines der vielen dünnen Papierröllchen, mit denen ich dann fröhlich und fürs Erste beruhigt nach Hause ins Haus meiner Freunde zog.

Als ich 2010 um die Weihnachtszeit das zweite Mal in der Straße Tucumán schwamm, war sie längst eine ausgewachsene Einkaufsstraße, in der sich die Geschäfte mit ihren Schaufenstern Haus an Haus aneinanderreihen. Bunt angemalt leuchteten die Laternen und Elektromasten in Soriablau, wie man diesen Blauton in Roca bis heute voll Anerkennung nennt. Carlos Ernesto Soria war ein beliebter Bürgermeister, der in General Roca ebenso viel bewegt hat wie später als Gobernador der Provinz Rio Negro. Als ich also in diesem Jahr wieder über die Straße schlenderte, und den Geruch General Rocas schnupperte, den Staub der patagonischen Steppe, der ins grüne Flusstal des Rio Negro hinüberweht und den Geruch des Reifengummis auf dem weihnachtlich sommerheißen Asphalt, mischte sich dieser Geruch in jedem zweiten Block (alle jüngeren Städte Argentiniens sind am Reißbrett entworfen, so dass ihre Straßen in quadratischen Blocks angelegt sind) mit den ausladenden Düften der Parfümerien und Apotheken, die hier alles mögliche an Gesichtscremes, Deos und Rasierwasser verkaufen. In Argentinien liebt man es, sich einzuparfümieren. Betört vom Duft, fast schon am Ende der inzwischen durch Bäume beschatteten Straße angekommen, merkte ich auf. Ein wohlbekannter Schriftzug in blau und orange prangte über dem größten Elektroladen, den ich bisher in Patagonien gesehen hatte: Saturno. Ich konnte es kaum glauben, hier am Arsch der Welt, wie meine Freundin voller Inbrunst zu sagen pflegt, vor einer Filiale des Kölner Saturn-Geschäfts am Hansaring zu stehen. Am Eingang schwitzten zwei als Weihnachtsmänner verkleidete Mädchen in der heißen Mittagssonne unter ihren weißen Bärten.

Vom Wirtschaftszusammenbruch in 2001 war auf den ersten Blick nicht viel zu spüren: Erst an den Rändern der Stadt sah ich, wie Roca gewachsen war — doch nicht für alle: Ein Privatviertel neben dem anderen. Privatviertel meint, dass hier eigene Stadtviertel entstanden sind, umzäunt mit Mauern oder Stacheldraht, am Eingangstor ein Wächter, Strom-, Wasser- und Elektrizitätsversorgung sowie Müllabfuhr vom Eigentümer des Geländes organisiert. Auf den Straßen viel Polizei und in den größeren Geschäften auf der Tucumán ‚Sicherheitspersonal‘. Die Unsicherheit ging um in Argentinien.

2013 war ich dann ein drittes Mal hier, wieder zu Weihnachten. Im Frühjahr 2013 war mein Lebensgefährte gestorben, und ich hatte ein ver-rücktes Jahr hinter mir, in dem nichts mehr war wie es war. Ich war traurig und müde, und genoss es, nachdem ich noch einen Vortrag an der hiesigen Uni gehalten hatte, mich im Kreis meiner argentinischen Familie dann endlich fallen lassen zu können, mich um nichts mehr kümmern zu müssen, nur noch darum zu essen, zu trinken, zu schlafen und ab und an einkaufen zu gehen: Unmengen von Fleisch für die weihnachtlichen Asados, riesige Wassermelonen, tiefrote Kirschen und kindskopfgroße Äpfel aus dem Tal des Rio Negro. In der Straße Tucumán hatte sich nicht viel geändert. Ich hatte mich verändert. Allein im Trubel der Straße zu schlendern, machte mir dieses Mal keine Freude, sondern ließ mich eine tiefe Einsamkeit schmecken, die selbst ein Kaffee und der Trubel im Café 43 nicht vertreiben konnte.

Dieses Mal nun bin ich zum ersten Mal nicht allein nach Roca gereist und konnte mit Chris gemeinsam über die Straße Tucumán schlendern, im Schatten der Bäume Kaffeetrinken, meine Freunde, die inzwischen unsere Freunde geworden sind, treffen und plaudern – und fast nebenbei bemerken, dass es den Benettonladen und Saturno nicht mehr gibt, dafür Adidas, Nike und Co allerorten, aber an der Ecke Tucumán/General Manuel Belgrano immer noch das Café 43.

Zurück nach Hause gehe ich immer noch den gleichen Weg – am Canalito entlang, einem kleinen Kanal in der Mitte zweier Parallelstraßen von der Tucumán — dem Canalito, in dem Jahr um Jahr die Kinder schwimmen.

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