Universitätsreformen. Resignation und Revolte — oder: CORDOBA. WO CHE GUEVARA ZUR SCHULE GING UND DIE LATEINAMERIKANISCHE UNIVERSITÄTSREFORM 1918 IHREN AUSGANG NAHM

3. FEBRUAR 2018

Und dann bin ich an unserem letzten Tag in Córdoba doch noch zur Universität gegangen…

Sie ist die zweitälteste Universität von Lateinamerika und zählt zum Unesco Weltkulturerbe. Als die älteste des Kontinents gilt die Universität von Lima (Peru). 1610 gründete die Jesuiten das Collegium Maximum in Córdoba. 1613 gewährte der Bischof Trejo y Sanabria dem Collegium eine Spende, an die er zwei Bedingungen knüpfte: „erstens bestand er darauf, dass das Collegium Maximum in Córdoba verbleiben sollte, und zweitens verlangte er, dass das Collegium für die nicht-jesuitische Gemeinschaft frei zugänglich“ sein sollte, wie die Darstellung der Universitätsgeschichte Córdobas es formuliert (vgl. http://www.museohistorico.unc.edu.ar/files/Alem%C3%A1n.compressed.pdf). Dieser Akt gilt als Geburtsurkunde der Universität von Córdoba. „Frei zugänglich“ hieß freilich während der ersten dreihundert Jahre der Geschichte der Universität Córdoba, dass der Zugang zu höherer Bildung nur für einen kleinen Personenkreis der Oberschicht offen stand.

Hier ein Blick in den Saal, in dem die Dissertationen verteidigt werden.

Im Jahre 1918 gab es eine von marxistischen Idealen getragene Studentenrevolte, die in einen Generalstreik mündete und eine umfassende Universitätsreform einleitete, die sich von Córdoba aus auf andere Universitäten in Argentinien und Lateinamerika ausdehnte. Die Studierenden besetzten die Universität und forderten „säkulare Ausbildung, Selbstbestimmung, Autonomie und den Aufbau verlässlicher Verbindungen zur Öffentlichkeit (Ausweitung), Auswahl des Lehrkörpers durch offene und wettbewerbsfähige Prüfungen; die Förderung neuer Ideen, zeitgemäße Methoden des Lehrens, Wechsel des Prüfungssystems, optionale Anwesenheit in Vorlesungen und innovative Forschung“ (vgl. ebd.). Es gibt ein in der argentinischen Universitätsgeschichte legendäres Manifest, das damals von der führenden Studentengruppe verfasst und im Namen der Jugend Cordobas an die „freien Menschen Südamerikas“ gerichtet wurde. Leider finde ich keine deutsche Übersetzung des Manifests, aber den spanischen Text kann man in all seinem revolutionären Pathos hier nachlesen: https://www.unc.edu.ar/sobre-la-unc/manifiesto-liminar.

Einer der zentralen Gedanken der Reform war die stärkere Verankerung der Universität im gesellschaftlichen Leben und die Forderung, dass die Universität auf die sozialen Probleme des Landes reagieren müsse. Und tatsächlich: Bis heute haben alle staatlichen argentinischen Universitäten große Abteilungen für „Extensión“. Die Dozentinnen und Dozenten können auswählen, ob sie neben ihrer Lehrtätigkeit Forschungs- oder Extensionsarbeit machen möchten, also Projekte, die sich an die Öffentlichkeit richten oder die Öffentlichkeit einbeziehen. Meine argentinischen Freundinnen, die hier an Unis arbeiten, versichern mir glaubhaft, dass beides in Argentinien gleich wertgeschätzt würde. Davon sind die deutschen Universitäten meilenweit entfernt.
„Bildung für alle“ war nicht nur zur Zeit der Universitätsreform das Schlagwort, sondern steht noch heute an jeder zweiten Wand im Land. Angesichts der unter der Regierung von Macri nochmals gewachsenen politischen Tendenz zur Privatisierung des Bildungswesens (was für ein Ausverkauf eines Landes!) und der Kollaboration vieler Eltern, die es sich leisten können, ihre Kinder auf private Schulen zu schicken, bleibt diese Forderung jedoch Desiderat. Aber immerhin: Bis heute hat die Universität Córdoba keine Zulassungsbeschränkungen, keine Studiengebühren, auch keine Gasthörergebühren. Ich könnte mich einfach in die Vorlesungen hineinsetzen, hebt die junge Stadtführerin, die durch den alten Teil der Uni führt, mit Stolz in der Stimme hervor. Stolz ist sie auch darauf, bereits das Gymnasium der Universität besucht zu haben. Es sei bis heute das beste der Stadt. Wie hier das Auswahlverfahren funktioniert, erzählt sie nicht, aber, dass wichtige Persönlichkeiten der argentinischen Geschichte die Schule besucht hätten:

Wie Che Guevara, der in dem kleinen Bergdorf Alta Gracia in der Nähe von Cordoba aufgewachsen ist. Er hat von 1941 an das Gymnasium der Universität Cordoba besucht, sein Abitur dann allerdings in Buenos Aires gemacht. Es gibt ein kleines, aber feines Che Guevara-Museum in Alta Gracia.

Wegen seines Asthmas war die Familie Guevara in das schmucke, klimatisch angenehme Dörfchen der reichen Oberschicht gezogen. Hier lernte der kleine Ernesto Golf spielen und baute lebenslange Freundschaften auf.

Mit Tränen in den Augen schauen sich einige der Besucherinnen und Besucher seine Kinderbücher, Schulhefte und das Fahrrad mit Hilfsmotor an, mit dem Che seine erste Reise durch Argentinien unternommen hat.

„El Che“ wird in Argentinien immer noch sehr verehrt, wenn selbstverständlich auch nicht ganz so enthusiastisch wie auf Kuba, wo die große Parade zum 1. Mai in Santa Clara jedes Jahr an seinem Mausoleum vorbeizieht. Hier ein Foto der Parade vom 1. Mai 2017 mit dem queeren Kulturzentrum Santa Claras als Vanguardia an vorderster Front:

In dem rebellischen universitären Klima Córdobas sozialisiert, erscheint es gar nicht mehr ganz so revolutionär, dass sich Che Guevara den Gedanken einer offenen Universität des Volkes zu eigen gemacht hat:

„Die Universität muss flexibel sein, sich schwarz anmalen, als Mulatte, Arbeiter oder Bauer oder sie findet sich ohne Türen wieder, weil das Volk sie eintreten wird und die Universität mit den Farben anmalen wird, die es mag.“

Was für eine Ironie der Hochschulgeschichte ist es, dass sich das deutsche, von der Bertelsmann-Stiftung finanzierte „Centrum für Hochschulentwicklung“, das die ebenso einflussreichen wie umstrittenen deutschen Hochschulrankings durchführt und das deutsche Hochschulwesen nach dem Leitbild der „entfesselten Hochschule“ neo-liberalisieren möchte, ausgerechnet „CHE“ nennt.

Leider zeigen sich viele der Universitäten eben nur allzu „flexibel“ den heutigen Reformen gegenüber, die weder von Studierenden oder Hochschullehrer*innen noch von der Bevölkerung ausgehen. Sie lassen sich entsprechend der herrschenden Verhältnisse „anmalen“. Schlimm ist daran, dass über die solchermaßen reformierten, nämlich bürokratisierten und verschulten Studiengänge die Bildung nach einem Menschenbild befördert wird, dessen Kritik mein alter Professor Dietz Bering, dem ich Bildungsimpulse verdanke, die mich noch heute leiten, treffsicherer und prägnanter als ich formulieren kann. Hier ein Auzug aus seinem fulminant wütenden Artikel „Menschen zu Knechten. Reform Quatsch mit Bolognesesauce: Die Hochschule ist tot. Bürokraten haben sie umgebracht“, im „Freitag“ (Ausgabe 41/2017) :

„Erstens ist Bildung unmöglich ohne ein ‚Menschenbild‘. Wir haben keins mehr oder besser: Das, was wir haben, soll in seinem Wesen nicht erkannt werden. Fitnesstraining, um in unserem neoliberal-kapitalistischen System erfolgreich mitrackern zu können. Historisch gebildete Menschen – die gibt es kaum noch, weil an den Schulen der den abendländischen Kulturzusammenhang anvisierende, kontinuierliche Geschichtsunterricht wegreformiert ist. Gibt es nicht mehr? Soll es nicht mehr geben! Denn die so Informierten würden erkennen, dass nach genau dieser Zielstellung auch Nazis und DDR-Obere verfahren sind: den Horizont junger Menschen begrenzen und gleichzeitig ihnen ein Training verpassen, dass sie willig im jeweiligen System mitmachen können und wollen. So wird der Mensch zum Knecht der herrschenden Verhältnisse. Es wird – zweitens – verdeckt, dass es eines ganz anders gearteten, inzwischen ausrangierten Bildungsbegriffs bedarf, wenn der Mensch nicht Knecht, sondern Herr in den zufällig herrschenden Verhältnissen sein will. Er braucht, durch eine tiefe Kenntnis der abendländischen Geschichte und ihrer zentralen Wertpunkte kundig gemacht, die Fähigkeit, sich außerhalb der gerade dominierenden Verhältnisse aufzubauen. Nur von dort aus kann er sie kritisch beurteilen.“
Die Lektüre des Artikels lege ich Euch sehr ans Herz: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/menschen-zu-knechten .

Um mich selbst wieder etwas mehr außerhalb der (nicht nur) an den Universitäten herrschenden Verhältnisse „aufzubauen“ und meine Ängste vor ihrer Übermacht und meiner Ohnmacht abzubauen, hilft mir momentan die Distanz der südlichen Hemisphäre und — zu versuchen, meinen doch immer wieder so sehr eurozentristisch eingeengten eigenen Blick über die abendländische Geschichte hinauszurichten. Mehr zu lernen über die Inka, von den Mapuche. Aber das ist eine andere Geschichte.

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