AUF DEM QHAPAQ ÑAN, DEM HAUPTWEG DER INKA, VON ARGENTINIEN ÜBER BOLIVIEN NACH PERU

13. FEBRUAR 2018

Seit unserem Aufenthalt in Mendoza (Argentinien) reisen wir sozusagen auf dem Qhapaq Ñan.

Qhapaq Ñan, so heißt auf Quechua der Hauptweg der Inka. Eigentlich ist es kein einzelner Weg, sondern ein ganzes Straßennetz von über 30.000 Kilometern. Die politische und wirtschaftliche Macht des Tawantisuyo, des Inkareiches, basierte auf diesem Verkehrsnetz, das die wichtigsten Produktions-, Verwaltungs- und Zeremonialzentren der Inka miteinander verbunden hat.

Die Inka herrschten zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert über ein riesiges Territorium mit über 200 ethnischen Gruppierungen. Entstanden ist der Weg wohl noch vor dem Höhepunkt des Inkareiches, also ungefähr um 1500.

Vor kurzem wurde der Qhapaq Ñan von der UNESCO zum Welterbe der Menschheit erklärt.

Auf ihm lassen sich heute sechs Andenländer durchqueren. Das Zentrum des Inkareichs lag in Cusco und im nahe Cuscos gelegenen Machu Picchu im heutigen Peru. Von dort aus führt das Wegesystem nach Süden über Teile des heutigen Bolivien, Argentinien und Chile und nach Norden nach Ecuador und Kolumbien. Wir werden Machu Picchu hoffentlich am Ende unserer Reise sehen. Mir wird sich damit ein lange gehegter Traum erfüllen.

In den argentinischen Provinzen Salta und Jujuy, wo wir seit zwei Wochen unterwegs sind, findet man viele Spuren der Inka.

Hier gibt es auf dem Vulkan Llullaillaco das höchstgelegenste Zeremonialzentrum der Welt in Höhe von 6.700 Metern. Archäologen „fanden“ hier die natürlich mumifizierten Leichname von drei Kindern, die auf dem Vulkan während des Inkareiches als rituelles Opfer dargebracht wurden. Im Jahr 1999 sind sie ausgegraben worden und seit 2004 werden sie in einem eigens für diese archäologische „Sensation“ eröffneten Museum der Archäologie des Hochgebirges MAAM (Museo de Arqueología de Alta Montaña) in Salta ausgestellt. Freilich wussten die heute lebenden indigenen Gemeinschaften der Region lange vor den Archäologen um die Existenz der drei Kindermumien, die von ihnen wie in alter Zeit als Heiligtum verehrt wurden.

Mit den Kinderopfern der Inka hat es folgende Bewandtnis: Es scheint zu den wichtigsten Ritualen des Inkareichs gehört zu haben, dass sich aus den unterschiedlichen zum Inkareich zählenden und teilweise weit vom Zentrum entfernten Regionen auserwählte Kinder mit ihren Verwandten nach Cusco im heutigen Peru aufmachten, um dort dem Inkaherrscher zu huldigen. Zurückgekehrt in die Heimat wurden sie dann auf den höchsten Bergen der Anden in Kultstätten lebendig begraben. Aufgrund der auf dem Vulkangipfel vorherrschenden tiefen Temperaturen und der Trockenheit haben sich die Leichname so gut erhalten, dass man meinen könnte, die Kinder schlafen.

Um die Kindermumien zu schonen, wird immer nur eines in einer Art Glasschrein ausgestellt. Um die Menschen zu schonen, die sie sich aus ethischen oder spirituellen Gründen nicht anschauen wollen, wird vorgewarnt und der Museumsrundgang lässt sich vorher abbrechen. Was die Menschen, die sich heute als Nachfahren der Inka oder der von den Inka unterworfenen Völker verstehen, von der Zurschaustellung ihrer Heiligtümer halten, erfahren wir im Museum leider nur indirekt über ein paar Interviews, die in Filmen gezeigt werden: Ja, die Kindermumien seien ihnen heilig und wären nun halt nicht mehr in ihrem ursprünglichen Heiligtum oben auf dem Vulkan. Andererseits würde so deutlich, wieviel ihre Kultur „zu geben“ hätte. Vielleicht versuchen die Interviewten auf diese Weise sehr diplomatisch auf die Reichtümer ihrer Kultur hinzuweisen und dabei gleichzeitig sowohl einen Besitzanspruch zum Ausdruck zu bringen als auch auf die Größe der Gabe oder des Geschenks, das sie machen, hinzuweisen. Ob die Mumien irgendwann zurückgefordert werden? Ich sehe im Museum eine ältere Frau, die vorsichtig in den Raum hineinlugt, in dem eines der Kinder ausgestellt wird, dann aber schnell den Kopf zurückzieht. Danach sehe ich sie nicht mehr wieder.
Wenn Ihr Fotos von den Kindermumien sehen möchtet, findet Ihr sie auf den Seiten des Museums: http://www.maam.gob.ar/ unter Laboratorium.

Auf dem Weg, der von der Stadt Salta nach San Antonio de los Cobres führt, befindet sich die archäologische Stätte Tastil. Sie ist ein Beispiel einer hochentwickelten vorinkaischen Kultur. Über 3.000 Menschen haben hier gelebt, die sich Tastil nannten. Die Inka übernahmen später die Stadt als Verkehrsknotenpunkt und Handelszentrum. Diese Übernahme soll friedlich zugegangen sein. Zumindest haben die Archäologen bei ihren Grabungen keine Kohleschicht gefunden, die darauf schließen lassen könnte, dass die Inka die Stadt niedergebrannt hätten, was sie wohl andernorts getan haben.

Direkt angrenzend an den Ort Tilcara, wo wir uns gerade für ein paar Tage aufhalten, liegt die alte Siedlung Pucará, was übersetzt Festung heißt. Sie liegt heute inmitten des Territoriums Pucará, das der gleichnamigen indigenen Gemeinschaft zugesprochen wurde.

Trotz des Namens war es wohl keine militärische Verteidigungssiedlung, sondern in vorinkaischer Zeit eine Handwerkersiedlung der Bevölkerungsgruppe der Tilcara, die dann wohl ebenfalls friedlich an das Inkareich angeschlossen wurde. Darauf lässt, so die Archäologen der Universität Buenos Aires, unter anderem die Bauart des Opferaltars schließen, der nach einer bestimmten Sonneneinstrahlung ausgerichtet ist.

Neben ihren jeweiligen Herrschern waren den Inka der Sonnengott Inti und die Pachamama, die Mutter Erde, heilig. Ebenso wie viele der Häuser in Tilcara immer noch so gebaut werden, wie es in der alten Siedlung Pucará zu sehen ist, werden auch die althergebrachten Bräuche immer noch von Generation zu Generation weitergereicht.
Wir erleben im Karneval von San Antonio de los Cobres, Cachi und danach in Tilcara, in der Quebrada de Humahuaca, wie der Pachamama gehuldigt und geopfert wird. Aber davon erzähle ich ein anderes Mal mehr. Jetzt stoße ich an: Auf das Wohl der Pachamama!

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