CARNAVAL MIT DER PACHAMAMA. WO ETWAS ALTES VERABSCHIEDET WIRD UND ETWAS NEUES BEGINNT

SAMSTAG, 17. FEBRUAR 2018

Aschermittwoch ist schon lange vorbei, die Nubbel sind in Köln längst verbrannt… und hier in der Quebrada de Humahuaca im Norden Argentiniens wird immer noch Karneval gefeiert. Mit viel Musik, Wein und Basilikum hinterm Ohr.

Erst morgen, am Sonntag, werden die Karnevalsteufel beerdigt, die an Weiberfastnacht von den ersten Karnevalsgruppen aus ihren jeweiligen Apachetas, ihren Steingräbern, befreit wurden. In denselben Apachetas werden sie auch wieder beerdigt bis sie im nächsten Jahr zu Karnevalsbeginn wieder ausgegraben werden. Der Karnevalsteufel ist die kleine Figur oder Puppe, die Ihr in der Mitte in Händen der verkleideten bunten Teufelchen seht.

Apachetas sind Steinhaufen, die die Inka, aber wohl auch schon die vorinkaischen Gemeinschaften, die in den heutigen argentinischen Provinzen Salta und Jujuy lebten, an besonderen geografischen Orten errichteten. In der Quebrada de Humahuaca sind diese indigenen Traditionen noch lebendig. Die Karnevalssteinhaufen sehen so aus:

Aber man findet die Steinhaufen auch an der Wegkreuzungen oder an besonders schönen Orten in der Natur.

Es sind Orte, an denen eine Landschaft oder ein Gebiet, ein Weg endet und ein neuer beginnt. Im letzten Bild signalisiert der Apachate den Weg in die Unterwelt der Pachamama. Es ist für die hier lebende indigene Gemeinschaft ein heiliger Ort.

Dass der Karneval, der im Norden Argentiniens in die Erntezeit fällt, auch ein solches End- und Anfangsfest, eben ein Übergangsfest ist, ist uns aus dem Kölner Karneval vertraut. Dass der Karneval ein Schwellenritual ist, in dem die ansonsten geltende Ordnung außer Kraft gesetzt wird, kennen wir von Weiberfastnacht als Inthronisation der ‚anderen‘ Ordnung oder der Nubbelverbrennung, bei der dem armen Nubbel für sämtliche Verfehlungen der Karnevalstage die Schuld gegeben wird, bevor er als Sündenbock verbrannt wird und der Karneval endet. Hier ist es der Karnevalsteufel, der die Schuld hat. Es ist kein christlicher Teufel. Eher ein archaischer Erdteufel, der gemäß der Lehre von Pacha kama und Pacha mama das Andere des Guten verkörpert, das Böse, das aber immer zusammen mit seinem Gegenteil gedacht wird. Es herrscht ein dualistisches Weltbild, das seit inkaischer Zeit in den Riten dieser Region gepflegt wird. Allerdings werden die Gegensätze hier nicht als einander ausschließend gedacht, sondern als Ganzheit: Niemand ist nur böse, sondern immer auch gut, niemand nur weiblich, sondern immer auch männlich, und so weiter und so fort. Als ideal gilt es, die Gegensätze in ein Gleichgewicht zu bringen. Dabei hilft… die Pachamama – die Mutter Erde. Dazu muss man ihr opfern. Auch hier gilt der Grundsatz der Reziprozität. Je mehr Pachamama geopfert wird, desto besser. Wenn jemand zu viel Glück hat, opfert er*sie, damit ihm*ihr nicht wieder alles genommen wird.

Der Pachamama zu Ehren werden auch die Apachates, die Steinhügel, errichtet. In San Antonio de los Cobres lehrte man uns, wie man der Pachamama zu Karneval huldigt und opfert. Sie liebt es wahrlich erdig. Ein Freund fragte mich, ob die Pachamama ein kleiner Drogie sei. Wohl eher ein großer. Aber aufgepasst. Mächtig sei sie, so versicherte mir noch gestern ein weitgereister junger Koch, und sie sei nicht zu unterschätzen.
Also, wenn der Karnevalsteufel aus dem Apachate ausgegraben wurde, dann wird vor dem Steinhaufen, ein Loch in der Erde geöffnet. In diesen „Mund“ der Pachamama kommen die Opfergaben.
Das sind zuallererst Zigaretten. Die Pachamama raucht gern. (Keine Sorge, ich habe nicht wieder angefangen zu rauchen. Es war ein rituelles Opfer.)

Dann bekommt sie Kokablätter. Ich war wohl zuerst etwas sparsam, und wollte ihr nur ein paar Blättchen in den Rachen schmeißen, aber meine Lehrerin und der Ritualgefährte an meiner Seite haben mir die Sparsamkeit schnell ausgetrieben.
Schließlich kommt der Wein.

Währenddessen wird man mit Mehl und Konfetti oder Kunstschnee und Farbe eingeschmiert. Das soll paradoxer Weise reinigend wirken. Es ist halt eine andere Art, Gegensätze zu denken.

Wer sich mit dieser Art des karnevalesken Denkens genauer beschäftigen möchte, dem sei die Lektüre des großen Karnevals- und Literaturtheoretikers Michail M. Bachtin empfohlen, oder Ihr schaut Euch mal an, was ich zur Theorie des Festes geschrieben habe. Freilich findet Ihr weder bei Bachtin, der nicht aus Russland rausgekommen ist, noch in meinem Buch über das Fest etwas zur Pachamama. Die kannte ich damals noch nicht; die Pachamama mit ihren Apachates und ihren erdigen und erdenden Ritualen, mit denen an Karneval etwas Altes verabschiedet wird, und etwas Neues beginnt. Was für eine Freude, sie kennenzulernen.

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