GAUCHITO GIL UND DIE DIFUNTA CORREA. DIE ARGENTINISCHEN SCHUTZPATRONE DER REISENDEN

21. FEBRUAR 2018

Wir sind in Uyuni in Bolivien angekommen und haben mein geliebtes Argentinien verlassen.

Wir sind 10.680 km Luftlinie von Köln entfernt.

Es ist der 114. Tag unserer Reise.

Wir sind bisher 12.060 km mit dem Bus gereist. Ohne Unfall, ohne schwerere Erkrankungen als eine Erkältung, die uns beide in Buenos Aires erwischt hat, und recht hartnäckige Rückenschmerzen. Wenn das kein Grund ist, dankbar zu sein!

Da ich religiös, wie Habermas so schön sagt, „unmusikalisch“ bin, fällt es mir schwer, meinen Dank an eine höhere Macht als den Busfahrer zu richten. Da haben es viele Argentinier*innen leichter. Sie glauben als Reisende fest entweder an den Schutz, den ihnen Gauchito Gil gewährt oder, wenn er nicht hilft, dann die Difunta Correa.

Wer, carrajo, ist Gauchito Gil?

Ein argentinischer Volksheiliger, der nie von der katholischen Kirche anerkannt wurde. Das hindert die Menschen aber nicht, an ihn zu glauben. Im Gegenteil, wahrscheinlich erfährt er dadurch nur noch größere Popularität.

Die Legenden um ihn sind bunt und vielfältig. Er gilt als einfacher Gaucho, der vom Kriegsdienst desertierte und sich im Wald versteckte, um dort eine Art argentinischer Robin Hood zu werden. Als er gefangen genommen und zum Tode verurteilt wurde, prophezeite er dem Henker, dass sein Kind tödlich erkranken würde, wenn er ihm, Gauchito Gil nicht huldigte. Der Henker kümmerte sich nicht drum und tötete den kleinen Gaucho. Als er nach Hause kam, war sein Junge schwer erkrankt. Er betete zu Gauchito, und siehe da: Das Kind wurde wieder gesund.

Was das alles mit Reisen zu tun hat, weiß ich auch nicht, aber er ist und bleibt der argentinische Schutzheilige der Reisenden.

An den Straßenrändern sieht man in allen Provinzen Argentiniens immer wieder rot beflaggte kleine rote Schreine oder Häuschen. Da steht dann ein kleines Gauchito Gil-Figürchen drin, umringt von roten Tüchern, auf die die Menschen ihre Wünsche schreiben.

Viele Autofahrer*innen hupen, wenn sie an einem solchen Schrein vorbeifahren. Mir gefällt allein schon der Name: ‚Gaucholein Gil‘. Und ich erfreue mich auf den langen Busfahrten in Patagonien immer wieder an den roten kleinen Häuschen, die in der weiten Steppenlandschaft einen Fokus setzen.

Oder auch größere:

Oder ganz viele auf einmal:

Wie sollte es anders sein, als dass der Gauchito heute auch im Internet vertreten ist. Wer seine Bitte an ihn richten möchte, braucht also nicht unbedingt einen Schrein zu bauen oder rote Tücher mit Wünschen zu beschriften und am Straßenrand aufzuhängen. Ihr könnt Euch mit Eurer Bitte auch als Reisende in der virtuellen Welt an ihn wenden: http://www.antonio-gil.com.ar/deja-tu-pedido-al-gauchito-gil/

Wer seine Wünsche und Bitten für eine gute Reise lieber an eine weibliche Volksheilige richten möchte, dem*der sei die Difunta Correa ans Herz gelegt.

Die Difunta Correa soll auf der Suche nach ihrem Mann irgendwo in der argentinischen Steppe verreckt sein. Nur ihr Kind hat dank ihrer Muttermilch überlebt. Sie liegt als Figürchen niedergestreckt mit ihrem Kind an der Brust nicht in roten, sondern in hellblauen kleinen Häuschen an der Straße, oft direkt neben dem Gauchito.

Während Gauchito Gil Bier und Wein als Opfergabe vorzieht, türmen sich vor ihren Schreinen die Wasserflaschen. Früher dachte ich immer, das wären Müllberge an der Straße (gibt es auch oft genug), aber in diesem Fall bringen die Menschen der Difunta Correa Wasser.

Wer – wie wir – statt dessen an Reiseversicherungen, am besten Vollkasko, glaubt, wird von argentinischen Autoverleihern etwas ungläubig zweifelnd angeschaut. Nein, eine Vollkaskoversicherung gebe es nicht. Nein, auch keine Versicherung mit einer geringeren Selbstbeteiligung. Wenn, dann könne das nur die Autovermietung selbst übernehmen, und das selbstverständlich nur, wenn wir einen sehr, sehr viel höheren Mietpreis bezahlten. Aber warum? Das Auto sei gut, die meisten Straßen momentan aufgrund der geringen Regenfälle auch gut befahrbar, wenn wir uns immer vorher nach dem Wetter erkundigen würden. Sonst könnte es schon mal sein, dass die Straße unterspült sei. Klar, nicht alle Straßen sind asphaltiert. Woher wir kämen. Ach ja, aus Deutschland, wunderschönes Land, aber das sei ihnen schon aufgefallen, dass die Deutschen immer nach einer Rundumversicherung fragten. Wir cabezas quadradas, denke ich, Quadratköpfe wie die Deutschen hier gern genannt werden, weil wir nicht rund, sondern immer nur um viele Ecken denken könnten. Als wir uns endlich auf die Bedingungen einlassen, und eben nicht ganz rundum sorglos versichert sind, übergibt mir der Autovermieter die Unterlagen. Gleich zwei Heiligenbildchen rahmen die Fahrzeugpapiere und die Versicherungspolice. Auch eine Form von Sicherheitsdenken und Angstbewältigung, denke ich: Vollkaskoversicherung auf argentinisch.

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