Atemübungen. Die atemberaubende Schönheit der Wüsten von Uyuni (Bolivien)

3. MÄRZ 2018

Vorletzte Woche haben wir Argentinien verlassen und haben die Grenze nach Bolivien passiert. Unsere erste Etappe in Bolivien war Uyuni. An die kleine Stadt grenzt die größte Salzwüste der Erde. Durch die starken Regenfälle im Februar wurde sie überschwemmt, so dass sich ein ca. 20 cm hoher Salzwassersee auf der ungefähr 10.000 Quadratkilometer großen Salzpfanne gebildet hatte — eine riesige Spiegelfläche. Die wollten wir sehen und auch die anderen Wüsten in dieser Region des Altoplano Boliviens, die Salvador-Dali-Wüste mit ihren surrealistisch wirkenden Steinformationen und die Siloli-Wüste mit ihren farbigen Lagunen und Flamingos, um die Schönheit der Anden in nochmals anderen Facetten und Eindrücken bewundern zu können.

Spät Nachts kommen wir nach einer atemraubenden Busfahrt von der Grenzstadt Villazon über Stock und Stein, unabgesicherte Serpentinen und Geröllpisten im unwirtlichen, schwach beleuchteten Uyuni an. Es ist kalt. Kein Mensch in Sicht. Der Müll häuft sich auf den Straßen. Die auch in Bolivien unvermeidlichen Straßenhunde lungern vor den Müllhaufen und bilden das Begrüßungskomitee. Puh. Einatmen, ausatmen, weitergehen. Doch mein Atem stockt.

Wir befinden uns auf einer Höhe von 3.600 Metern über dem Meeresspiegel. Die Luft ist dünn, und meine Lungen geben Warnsignale an Körper und Geist. Mehr Sauerstoff. Mein Atem stolpert. Ich will schneller atmen, aber ich kann nicht. Ich bin aus dem Rhythmus gekommen. Atem anhalten. Hektisch wieder einatmen. Nicht genug.

Das Gefühl kenne ich aus den letzten Jahren nur zu gut. So fühlt es sich auch an, wenn in mir Angst aufsteigt. Aber Stop. Weder vor wilden Hunden noch vor unheimlichen Städten und dunklen Gassen habe ich so große Angst, dass sie in solche körperlichen Beklemmungs- und Panikgefühle umschlägt. Nicht, dass ich mich nicht vor so etwas fürchten würde, aber es ist eben ein Gefühl der Furcht und keine Angst. Mit Furcht kann ich besser umgehen. Sie ist konkret und greifbar. Ich habe bei Furcht das Gefühl, handeln zu können.

Angst fühle ich anders. Ohnmächtig. Lähmend. Meine Beine werden dann bleiern schwer und gleichzeitig beginnt mein Herz zu rasen. Schwindel. Atemnot. Heiß. Kalt. Stop.

Hier ist es anders. Hier ist es die dünne Höhenluft, die meinen Atemrhythmus aus dem Gleichgewicht bringt, nicht etwas Ängstliches. Es fühlt sich nur so ähnlich an. Also: Langsam ein- und wieder ausatmen. Eine gute Übung, auch, wenn mich Frau Angst besuchen kommt, sie mit langsamen Atemzügen zu begrüßen und — mich an die Schönheit der Wüsten von Uyuni zu erinnern: Einer so erhabenen Schönheit, vor der man sich ganz klein fühlt, demütig, aber nicht niedergedrückt, sondern aufgehoben im mehrfachen Sinn des Wortes. An diese wahrlich atemberaubende Schönheit denken, die mich innerlich trotzdem aufatmen lässt. Ein und aus. Den Blick weiten. In die Weite.

…liche Grüße, liebe Frau Angst, und erinnern Sie sich an das Ein- und Ausatmen angesichts der Schönheit dieser Welt.

Was sagen Sie? Ja, Sie haben ja Recht. Auch diese Schönheit ist bedroht. In und unter dem Salzsee befindet sich Lithium, das für Auto-Elektroakkus gebraucht wird, mit denen der Klimawandel gebremst werden soll. Und die Armut in Bolivien. Und Deutschland mischt tüchtig mit. Der Abbau des Lithiums ist sehr wasserintensiv. Wasser, das die Menschen in den trockenen Anden bitter benötigen. Werden die Anwohner beteiligt? Werden sie selbst die Akkus bauen? Wiederholt sich die Ausbeutung wie in den Silberminen? Frau Angst, Ihre Furcht ist ja so begründet. https://www.deutschlandfunkkultur.de/lithium-in-bolivien-die-gier-nach-dem-weissen-gold-100.html

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