GEWEBTE WELT(UN)ORDNUNGEN. TEXTILE TEXTE INDIGENER WEBKUNST IN BOLIVIEN

4. MÄRZ 2018

Dass Textilien und Texte nicht nur den Wortstamm miteinander teilen, machen einmal mehr die Webkünste der indigenen Bevölkerungsgruppen der Tarabuco und der Jalq’a deutlich, die in der Nähe von Sucre in Bolivien leben.

Sucre ist die historische Hauptstadt von Bolivien – die wichtigsten Regierungsorgane sind nach einem Bürgerkrieg in La Paz angesiedelt – und ein Schatzkasten spanischer Kolonialarchitektur. Es dürfte schwer fallen, in Spanien selbst eine so wunderschön erhaltene Altstadt zu finden.

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Jenseits und historisch weit vor all den blutig, nämlich durch grausame Ausbeutung der Arbeiter in den Silberminen von Potosi erkauften kolonialen Kunstschätzen, entwickelten hier die Tarabuco und die Jalq’a Kunstformen, die zum Schönsten zählen, das ich auf dieser Reise an Kunst gesehen habe.

Seit 4000 Jahren sind Textilien eine der komplexesten und am weitesten entwickelten ästhetischen Ausdrucksformen im Andenraum. Die Festtags-Kostüme, die gewebten Kleidungsstücke, Tücher und Wandteppiche entfalten regelrechte eigene Sprachen, durch die die Völker ihre Identitäten entwickelten und weiter entwickeln.
Bolivien bezeichnet sich übrigens, seit Evo Morales an der Macht ist, der selbst indigene Wurzeln hat, als plurinationalen Staat und hat die Wiphala, die Flagge der indigenen Bevölkerung, als zweite offizielle Flagge Boliviens anerkannt. Hier seht ihr die beiden Flaggen mit einer Riesenbüste von Simon Bolivar im Casa de la Libertad von Sucre.

Doch zurück zur Webkunst: Die jeweiligen Webmuster einer Gruppe haben eine genaue Bedeutung. Die Anden-Textilien können auf diese Weise als Texte „gelesen“ werden, die von unterschiedlichen Weltbildern handeln.

Diese Kunst überlebt nur mit großen Schwierigkeiten in den gegenwärtigen Verhältnissen indigener Gemeinschaften. Trotzdem haben im Zentrum von Süd-Bolivien zwei Gruppen, die Jalq’a und die Tarabuco, die heute Quechua sprechen, ihre Textiltraditionen bis heute beibehalten.

Ausgehend von ihren immer noch lebendigen Praktiken hat ein Programm der Stiftung für anthropologische Forschung und Ethnoentwicklung (ASUR) gemeinsam mit den Weberinnen die alten Muster gesammelt und archiviert. Das hat der Webkunst neue Impulse gegeben, weil die Weberinnen begonnen haben, die alten Muster weiter zu entwickeln. Die Produktion von Textilien zum Verkauf im Museum hat nicht nur eine zusätzliche Einkommensquelle in einer stark verarmten Region erschlossen, sondern auch ein neue Suche nach ästhetischem Ausdruck in Gang gesetzt.

Die Webmuster der Tarabuco sind durch helle Farben und eine klare Segmentierung, Symmetrie und Ordnung gekennzeichnet. Sie schaffen eine geordnete, wahrnehmbare, leuchtende Welt. Lamas, Vögel, Haustiere und die Menschen selbst werden zum Thema gemacht. Die Weberinnen weben „alles was wir sehen“ – so drücken sie es aus: alles, was den Menschen umgibt und Gegenstand seiner bewussten Wahrnehmung ist.

In der Webkunst der Jalq’a hingegen gibt es keine Symmetrien. Die Figuren füllen den Raum auf chaotische Weise aus. Die Landschaft, die auf den Webstücken dargestellt wird, nennt sich Ukhu Pacha, eine heilige Welt, die man nicht direkt sehen oder wahrnehmen kann und die nicht von den Gesetzen der Gesellschaft oder gar der dem Menschen bekannten Natur beherrscht wird.

Es gibt in diesen textilen Mustern keine Zentralperspektive und keine horizontale Ordnung, an der sich die Augen der Betrachtenden orientieren könnten. Der Ukhu Pacha ist ein chaotischer Raum, eine Welt der Dunkelheit, des Todes, der Träume und Ängste.

Wenn überhaupt menschliche Wesen in den Textilien der Jalq’a dargestellt werden, dann sehen sie klein, ängstlich und verloren aus — verloren zwischen den großen und bisweilen erschreckenden Tierfiguren, die die Darstellungen dominieren.

Die zentralen Protagonisten der Jalq’a-Textilien sind Tiere, die Khurus genannt werden: Es sind ungezähmte und wilde Tiere, mythische Wesen, die mehr als frei sind. Die Jal’qa glauben, dass die Khurus erscheinen, wenn jemand einsam ist oder sich an weit entfernten Orten befindet.

Diejenigen Khurus-Tiere, die noch annähernd realistisch erscheinen — wie Pferde, Stiere, Affen, Vögel, Löwen, Kröten und Skorpione — sind oft in anatomisch unmöglichen Posen dargestellt. Sie symbolisieren jeweils bestimmte Eigenschaften. Affen stehen für Flexibilität und Agilität. Der majestätische Kondor für Freiheit und Stärke. Die Kröte symbolisiert Fruchtbarkeit, Schaffenskraft und Erfolg.

Diese Tiere bevölkern den Stoff gemeinsam mit imaginären Tieren: vierbeinige Vögel oder geflügelte Säugetier mit klingenden Namen wie Jorobado oder Grifón.

Es ist die Welt einer Gottheit, die sich Supay nennt — eine Art Teufel der Unterwelt. Supay ist der Herrscher dieser Welt des Ukhu Pacha, der männliche Gegensatz zur Göttin des neuen Lebens und der Ernten, der Pachamama.

In seinem Buch „Die Ordnung der Dinge“ zitiert der französische Philosoph Michel Foucault einen Text des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges über eine alte chinesische Enzyklopädie, die alle bekannten Tiere der Welt in folgendes, vermeintlich allumfassendes Ordnungsschema bringt:
„a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörende, i) die sich wie Tolle gebärden, j) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, k) und so weiter, l) die den Wasserkrug zerbrochen haben, m) die von Weitem wie Fliegen aussehen.“ (Foucault 1994, S. 17.)

Mag eine Typisierung und Ordnung dieser Art uns willkürlich und absurd vorkommen, so kann sie es wie in diesem literarischen Text von Borges mit dem Stilmittel der Ironie schaffen, unsere Ordnungs- und Kategorisierungsgewohnheiten in Frage zu stellen und ins Gleiten zu bringen.
„Was ist eigentlich für uns unmöglich zu denken? […] Nicht die Fabeltiere sind unmöglich – sie werden als solche bezeichnet –, sondern der geringe Abstand in dem sie neben den Hunden, die herrenlos sind, oder den Tieren, die von weitem wie Fliegen aussehen, angeordnet sind. […] Was unmöglich ist, […] ist der Platz selbst, an dem sie nebeneinander treten könnten. Die Tiere […] könnten sich nie treffen, außer in der immateriellen Stimme, die ihre Aufzählung vollzieht, außer auf der Buchseite, die sie wiedergibt. Wo könnten sie nebeneinandertreten, außer in der Ortlosigkeit der Sprache?“, fragt Foucault weiter.
Na, in den Textilien der Jalq’a, werter Michel Foucault!

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