ÜBERGANGSHELFER und ANGSTBESÄNFTIGER. SINNSPRÜCHE, ESOTERIK, RELIGIONSMISCHMASCH UND DIE LEHRE VOM „BUEN VIVIR“ IN DAUERKRISENGESCHÜTTELTEN LÄNDERN SÜDAMERIKAS

9. März 2018

In krisengeschüttelten Zeiten wächst der Wunsch, sich gegen die Unbill des Lebens, das jederzeit drohende Unglück zu versichern. Die Versicherungsbranche blüht, wie wir anschaulich von einer reisenden Versicherungsvertreterin in Chile erfahren. Trotzdem konkurrieren hier mit den kapitalistischen Präventionssystemen noch andere wirkmächtige Instanzen und Institutionen.

ARGENTINIEN
Über den Volksheiligen Gauchito Gil und die argentinische Art der Vollkaskoversicherung habe ich schon geschrieben (https://1001pasajes.wordpress.com/2018/02/28/gauchito-gil-und-die-difunta-correa-die-argentinischen-schutzpatrone-der-reisenden/). Aber noch nicht über den inflationären Gebrauch von Sinnsprüchen, die sich in jedem Café, Restaurant, Hotel und Geschäft finden. Sie zirkulieren über Facebook und Whatsapp und erfreuen sich allgemeiner Beliebtheit. Ich habe eine kleine Sammlung begonnen, aber es sind so viele geworden, dass ich Euch hier nur eine kleine Auswahl bieten kann.

Konsumglücksversprechen: Im Schaufenster eines Bekleidungsgeschäfts in Buenos Aires – „Ich habe es mir verdient, und mein Körper braucht es.“

In einem Restaurant: „Suche keine Erzählungen mit glücklichem Ende, versuche glücklich zu sein, ohne so viel zu (Er)-Zählen.“

In einem Hostal auf den Frühstückstischen: „Wenn Du eines Tages hinfallen solltest, beunruhige Dich nicht, sondern mach es wie die Sonne, die jeden Abend fällt und jeden Morgen mit noch größerem Glanz aufsteigt.“

Trotz allem Pathos gehört eine, meist recht erdige Ironie in Argentinien doch auch dazu.

Eine Art Mantra, das meine argentinischen Freundinnen zur Zeit mit Begeisterung bei allen (un)möglichen Gelegenheiten singen, lautet: „Me chupa un huevo“. Eine deftige Version von ‚Das ist mir alles egal‘: „Ich lutsch mir ein Ei.“

OHMM.

CHILE
In Chile blüht, wahrscheinlich nicht zuletzt aufgrund des stark beschnittenen Gesundheitssystems, die alternative Medizin. An jeder Ecke gibt es Stände mit Pülverchen für jede Art von Gebrechen.

Die Wahrsagerei scheint in Chile gesellschaftsfähig zu sein. In der Hauptstadt Santiago reihen sich die Zelte der Wahrsagerinnen in der Fußgängerzone aneinander. Offen. Jede*r kann sehen, wer sich gerade die Zukunft wahrsagen lässt.

BOLIVIEN
Ebenso wie in Argentinien und Chile beginnt sich in Bolivien die Yoga- und Meditationsszene zu entfalten. Yogastudios sprießen aus dem Boden, häufig in Kombination mit einem vegetarischen Café oder Restaurant.

Die indischen Einflüsse werden dabei oft gekonnt mit einigen Ritualen der indigenen Religionen vermischt.
Gekonnt, weil der Synkretismus hier eine lange Tradition hat: Ebenso wie die Missionare — nicht zuletzt die schlauen Jesuiten — die christlichen Rituale mit denen der Aymara, Quechua und Inka zu verbinden wussten, waren die Aymara und Quechua es schon vor der spanischen Kolonisation durch die sich von Norden her ausbreitende Herrschaft der Inka gewöhnt, die Gottheiten und Rituale der Inka in ihren Glauben zu integrieren. Das Gleiche geschah mit den christlichen Heiligen. Im Portal der San Franciscus-Kathedrale von La Paz kann man sehen, wie der katholische Heilige von Abbildern der Pachamama gerahmt wird.

Schon im Norden von Argentinien war der Einfluss der indigenen Religion und vor allem der Rituale zu Ehren der Pachamama spürbar — besonders im Karneval. In Bolivien begegnen wir ihr nun an jeder Ecke:

Auf dem „Hexenmarkt“ von La Paz gibt es alles, was die Pachamama an Opfergaben begehrt. Süßigkeiten und kleine Wachsminiaturen, von allem, was das Herz sich anscheinend wünschen mag: ein Auto, ein Haus, einen Pass oder den Doktortitel, was auch immer. Die Miniaturen müssen auf einem weißen Papier (wenn es keine schwarze Messe werden soll) verbrannt werden. Die Asche wird in einem Erdloch verbuddelt.

Die Miniaturen heißen Alasitas. Eine spannende Ausstellung im ethnographischen Museum in Sucre stellt anhand der historischen Entwicklung der Alasitas die Konsumgeschichte Boliviens dar. Das Fest der Alasitas wird am 24. Januar jeden Jahres gefeiert. Es hat eine lange Tradition in La Paz. Man kauft Miniaturobjekte von Gegenständen, die man sich für das kommende Jahr wünscht, z.B einen Computer, ein Telefon oder ein Handy.

Das Brauchtum geht auf die vorkoloniale Kultur der Aymara zurück. Alasitas bedeutet auf Aymara „Kauf mich!“. Bereits zu Zeiten vor der Kolonisation gab es einen riesigen Markt der Aymara, auf dem diese traditionell Lebensmittel im Miniformat austauschten.

Um einen gelingenden Hausbau zu erbitten, reicht so ein Miniaturobjekt jedoch nicht. Dafür möchte die Pachamama ein größeres Opfer haben: Für diesen Zweck dienen die toten kleinen Lamas, die Ihr unten im Bild sehen könnt.

So krude und grausam der Kult in einigen seiner Ausformungen auch erscheint; er ist einflussreich.

Pachamama ist in den nördlicheren Andenländern zum Zeichen von indigener Identität und sozialpolitischem Widerstand geworden.

Im Jahre 2008 wurde „Pachamama“ neben „Sumak kawsay“ (buen vivir, gutes, harmonisches, nachhaltiges Leben im Einklang mit der Natur) als ein Grundprinzip in die neue Verfassung von Ecuador aufgenommen.

2009 fand das Konzept als „Suma qamaña“ auch Eingang in die Verfassung Boliviens.

Wie das „buen vivir“ als Staatsziel in der Verfassung Boliviens mit der gleichzeitig durch die Regierung von Evo Morales vorangetriebenen Ausbeutung der nationalen Rohstoffe zusammengehen soll, bleibt freilich im Dunklen.

Trotzdem ist es spannend, wie im Rückgriff auf die alten Religionen von einigen lateinamerikanischen Staaten versucht wird, Politik und Religion in ein neues Mischungsverhältnis zu bringen.

In einem kulturwissenschaftlichen Handbuch über das Phänomen der Angst (hg. v Lars Koch, 2013) fand ich folgende Passage:

„Aus der Fallhöhe der geschichtsphilosophischen Zukunftsgewissheit in Kombination mit den faktischen Erfahrungen einer durch den Einzelnen weder begreifbaren noch steuerbaren Geschichte resultiert eine der Grundformen moderner Angst: »Eine nicht-machbare Geschichte, ein Prozeß, der nicht unter unserer Verfügung steht, erzeugt Angst« (Kittsteiner 2006a, 18). Diese multifaktorielle Dynamik einer kapitalinduzierten Beschleunigung und Komplexitätssteigerung gewinnt im 20. Jahrhundert an Fahrt und hält – Stichwort ›Globalisierung‹ – bis heute an. Wenn der Soziologe Zygmunt Bauman mit Blick auf die Gegenwart nach dem Ende der großen Erzählungen und der parallel verlaufenden Desavouierung aller heroischen Ermächtigungsgesten eine »liquid fear« (vgl. Bauman 2006) als emotionale Signatur der westlichen Gegenwartsgesellschaften ausmacht, dann rekurriert er auf das von Kittsteiner angesprochene Verunsicherungspotenzial der formvergessenen Moderne. Dieses sei zu begreifen als eine Aneinanderreihung von »Herausforderungen […], die in der Geschichte ohne Beispiel sind« (Bauman 2008, 7). Konkret im Auge hat Bauman dabei die neue Kurzfristigkeit sozialer Formen, die Trennung von Macht und Politik, die Erosion gesellschaftlicher Solidarität, das Provisorische des Denkens und Handelns und die Individualisierung von Lebensrisiken (vgl. ebd., 7–11).“

Liest man die Einschreibung des Prinzips der Pachamama in die Verfassungen Venezuelas und Boliviens nicht nur als gekonnten Schachzug, um die indigene Bevölkerung an den Staat zu binden, dann ist es vielleicht ein Versuch, den Schattenseiten der Globalisierung, die in diesen Ländern besonders sicht- und erfahrbar werden, sowie der Angst und Ohnmacht, die die unverfügbar erscheinenden Prozesse der Globalisierung im einzelnen Menschen erzeugen mögen, etwas Anderes als die Logik der Aufklärung, die nicht nur das „Licht der Vernunft“ bringt, sondern auch zu den Schattenseiten der Globalisierung beigetragen hat, entgegenzusetzen.

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