Isla del Sol – die Wiege der Inka im Titicaca-See zwischen BOLIVIEN und PERU. Passagen zwischen Geschichte und Gegenwart

12. MÄRZ 2018

Vom Qhapaq Ñan, dem Straßensystem der Inka, habe ich Euch das erste Mal erzählt, als wir noch im Norden von Argentinien waren: https://1001pasajes.wordpress.com/2018/02/16/auf-dem-qhapaq-nan-dem-hauptweg-der-inka-von-argentinien-ueber-bolivien-nach-peru/. Dort machten wir auch erste Bekanntschaft mit der Pachamama und ihren Ritualen (https://1001pasajes.wordpress.com/2018/02/18/carnaval-mit-der-pachamama-wo-etwas-altes-verabschiedet-wird-und-etwas-neues-beginnt/).
In Bolivien gehören die alten Rituale der Inka, oder besser: der Quechua und Aymara, wie die Bevölkerungsgruppen im plurinationalen Bolivien noch heute heißen, zum Alltag. Ebenso wie die Muster der Textilien im Vergleich mit denen der Inkazeit kaum verändert erscheinen, kaufen im Hexenmarkt von La Paz tatsächlich nicht nur Tourist*innen ihre Andenken. Der Pachamama wird regelmäßig geopfert, und wer sich nicht die Mühe machen will, die Opfergaben selbst zusammenzustellen, kauft sich auf dem Markt ein bereits zusammengestelltes Ensemble mit Süßigkeiten, Wein, Coca-Blättern und etlichen anderen geheimnisvollen Utensilien.

In Bolivien beginnt der Inka-Weg, auf dem wir uns bewegen, von einer archäologischen zu einer ethnologischen Erkundungsreise zu werden. Dass sich Archäologie, Ethnologie und Anthropologie auf unserer Reise derart verbinden würden – damit hatte ich nicht gerechnet. Hier in der Fremde lässt sich eine „Archäologie des Wissens“ betreiben, in der sich die Spuren des historischen Wissens noch sehr deutlich in den aktuellen Diskursen und Praktiken aufspüren lassen. Trotzdem ist es schwer, den „Verhältnissen zwischen den diskursiven Formationen und den nicht- diskursiven Bereichen (Institutionen, politische Ereignisse, ökonomische Praktiken und Prozesse)“ im Sinne Foucaults (1969, 231) nachzuspüren, denn schriftliche Zeugnisse der Inka-Kultur gibt es nur in den Chroniken und Aufzeichnungen der Spanier, die sie unterworfen haben. Will man die Kultur der Inka selbst ‚lesen‘, so muss man die Sprache ihrer Textilien (https://1001pasajes.wordpress.com/2018/03/05/gewebte-weltunordnungen-textile-texte-indigener-webkunst-in-bolivien/) lesen, die Sprache ihrer Architektur, ihres Schmucks, ihrer Landwirtschaft, ihrer Astronomie und – ihrer Rituale, von denen viele von den Aymara und Quechua bis heute praktiziert werden. Das ist ebenso schwer wie spannend.

Besonders beeindruckt hat mich die Durchmischung von Geschichte und Gegenwart auf der Isla del Sol im Titicacasee. Die Insel gilt als Wiege der Inka. Von hier sollen sie stammen. So hat es zumindest Bernabé Cobo 1653 in seiner „Geschichte der neuen Welt“ geschrieben: „Nachdem die Inka von ihrem Vater, der Sonne, am Titicaca-See ihre Heimat erhalten hatten, befahl er, dass sie die Straße und den Weg nehmen sollten, der ihnen gefiel… Und als die Sonne, ihr Vater, ihnen Lebewohl sagte, gingen sie rund um Cusco herum und versuchten, den goldenen Stab in die Erde zu stoßen, um zu sehen, wo sie anhalten könnten.“

Bevor wir nach Cusco, dem Zentrum des Inka-Reiches fahren, werden wir drei Tage auf der Sonneninsel verbringen. Vorgewarnt von anderen Reisenden lassen wir unsere großen Rucksäcke in Copacabana am Ufer des Titicaca-Sees zurück, bevor wir uns mit unseren beiden kleinen Handrucksäcken hinüberschippern lassen, vorbei an der Isla de la Luna, der Mondinsel, zur Isla del Sol. Von hier aus – so will es der Mythos der Inca – ließ Wiracocha, die höchste Gottheit der Inka, das Firmament, die Sonne, den Mond und die Sterne aufgehen. Das glaube ich angesichts der Schönheit dieser Landschaft sofort.

Wir fahren mit einem Motorboot zur Insel, aber es hätte mich nicht weiter gewundert, wenn es eines der Schilfboote gewesen wäre, die hier seit inkaischen Zeiten immer noch in Gebrauch sind.

Thor Heyerdal hat hier gelernt, wie man aus Balserholz und Schilf ein Boot baut. Am Titicaca-See erwarb er die Kenntnisse um sein Boot, die Kon-Tiki, zu bauen, mit dem er 1947 bewies, dass man mit einem solchen Boot tatsächlich den Pazifik von Peru nach Polynesien überqueren kann. Mit dieser Fahrt wollte er seine These stützen, dass schon zur Zeit der Inka interkontinentale Kontakte möglich waren.

Auch zu unseren Zeiten kommt es auf der Isla del Sol zu interessanten interkontinentalen Kontakten: Man nennt sie Tourismus. Hier schleppen die Aymara, die auf der Insel wohnen, Coca Cola und andere vermeintliche Grundnahrungsmittel heran, die sie uns Tourist*innen in ihren Restaurants und Unterkünften verkaufen.

Als wir in Yumani, dem größten Ort im Süden der 70 Quadratkilometer großen Insel ankommen, wird uns bewusst, wie weise die Entscheidung war, nur die kleinen Rucksäcke mitzunehmen. Die Isla del Sol liegt auf einer Höhe von 3800 Metern. Obwohl wir uns seit Salta eigentlich schon an die Höhenluft gewöhnt haben müssten, stockt uns der Atem beim Anblick des Aufstiegs, der vor uns liegt. Und dieses Mal gibt es kein Taxi. Auf der Insel gibt es weder Autos noch Straßen. Dafür gibt es die Inka-Treppe, auf der wir weitere 200 Höhenmeter in weniger als einem Kilometer zurücklegen sollen.

Es würde nur eine halbe Stunde dauern, dann wären wir in unserem Hostal oben angekommen, wird uns versprochen. Wir brauchen mindestens anderthalb Stunden bis wir atemringend unser Ziel erreichen, wo uns unsere Rucksäcke schon erwarteten. Die hatte uns längst ein Einheimischer mit seinem Esel abgenommen, behänd die Stufen hochspringend.

Spätestens bei diesem Blick verschlägt es uns ein weiteres Mal den Atem, dieses Mal jedoch vor Ehrfurcht und Freude.

Von dieser Terrasse bewegen wir uns den Rest des Tages nicht mehr weg.

Am nächsten Tag erfahren wir, dass es Streitigkeiten der Familien im Süden der Insel, wo wir wohnen, mit den Familien gibt, die den Norden der Insel bewohnen. Sie haben den Nordteil der Insel für den Tourismus gesperrt. Reisende, die die Inka-Ruinen im Norden besichtigen möchten, werden höflich, aber bestimmt zurückgeschickt. Auf unsere Fragen bekommen wir unbestimmte Antworten. Am wahrscheinlichsten erscheint es, dass die Aymara-Familien, die im Norden der Insel wohnen, anders als die Familien im südlichen Yumani, den Zugang zu den Chincana-Ruinen mit dem Palacio del Inca, einem riesigen Labyrinth aus meterhohen Mauern und schmalen Wegen, begrenzen möchten. Vielleicht möchten sie ihr Heiligtum, das von ihnen wie in alten Zeiten als heilige Stätte genutzt wird, ganz für sich beanspruchen. Sie verweigern sich den Verlockungen der Geldquelle Tourismus. So schade ich es finde, die Ruinen des ältesten Inkatempels nicht sehen zu dürfen, so sehr beeindruckt mich auf der anderen Seite die Haltung dieser widerständigen Nordinsulaner.

Am zweiten Tag auf der Insel mache ich mich auf zum im Süden der Insel gelegenen „Pilko Kaina“, einem zweistöckigen Gebäude, das vermutlich der Inka-Herrscher Tupac-Yupanqui errichten ließ. ‚Inka‘ ist übrigens eigentlich nur die Bezeichnung für den jeweiligen Inka-Herrscher. Zum Herrschaftsgebiet des obersten Inka zählten die bis heute existierenden Volksgruppen der Aymara und der Quechua im heutigen Peru und Bolivien und all die damals von den Inka unterworfenen Stämme und Volksgruppen, die im heutigen Argentinien leben bis nach Kolumbien und Ecuador. Nur die Mapuche, von denen ich Euch in Patagonien erzählt habe (https://1001pasajes.wordpress.com/2017/12/06/widerstand-der-mapuche-kein-kapitel-der-geschichte-und-der-aktuellen-gegenwart/) – die haben sich schon damals erfolgreich gegen die Inka gewehrt.

Wohlgemut ziehe ich also los und erreiche nach einer dreiviertel Stunde den Inkapalast, der unten am See liegt mit Blick auf die Mondinsel.

Und mit diesem Blick zur Mondinsel beginne ich zu ahnen, warum sie den See zwischen den beiden Inseln als Schlange sehen und die beiden Inseln als Abbilder der Sonne und des Mondes auf der Erde: Sonne und Mond, die sie wie Götter verehren.

Hier wird Inti, dem Sonnengott gehuldigt und gleichzeitig dem Wasser, der Schlange, die den Kontakt zur Unterwelt ermöglicht.

Die Schlange ist ebenso das Symbol der Inka für die Milchstraße.

Das Wissen der Inka ist ein Wissen, das mit Symbolen und Analogien arbeitet. Immer geht es dabei um drei Ebenen: die Oberwelt der Geister und des Himmels, die Welt der Erde und die Unterwelt der Toten, die jedoch wiedergeboren werden und über den Himmel auf die Erde zurückkehren. Diese drei Stufen kennzeichnen das Weltbild der Inka im Kreuz der Anden.

Zwischen diesen drei Stufen werden Übergänge geschaffen mit Hilfe von Tier-Symbolen wie zum Beispiel dem Bild der Schlange, das sich auf allen drei Ebenen wiederfindet:
• auf der Erde als Tier oder als Symbol in den Bauwerken,

• am Himmel als Milchstraße und
• als Zugang zur Unterwelt als Flüsse und Seen, die wie Schlangen aussehen.

Die Schlange soll den Weg weisen — den Übergang zwischen den Welten, zwischen Himmel, Erde und Unterwelt.

Übergänge — wie hier auf der Isla del Sol im Titicaca-See zwischen Bolivien und Peru, dem höchstgelegenen schiffbaren Gewässer der Welt.

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