Hanami und Kintsugi. Kirschblütenfest in Schwerte

20. April 2018
Hanami (jap. 花見, „Blüten betrachten“) heißt in Japan das alljährlich zelebrierte Ritual, mit dem der Übergang in den Frühling im Gedenken an die Vergänglichkeit zelebriert wird. Und was würde sich besser zu einem solchen Memento Mori, einem solchen „Gedenke, dass Du sterblich bist“ eignen als ein Blick hinauf zu den Kirschblüten in der kurzen Zeit, die sie blühen? Ich war noch nie in Japan und würde zu gern dort erleben, wie sich die Familien zum Picknick in den Parks treffen, ihre Decken unter den Kirschbäumen ausbreiten und gemeinsam die Kirschblüten betrachten. Vielleicht hat Doris Dörries wunderbarer Film „Hanami — Kirschblüten“, ein Film über Altern und Verlust, dazu beigetragen, das Ritual in Deutschland bekannter zu machen. In meiner Heimatstadt Schwerte webt jedenfalls inzwischen der Frühling sein Band nicht mehr blau, sondern pink. Die kleine Ruhrpott-Stadt, in der ich aufgewachsen bin, feiert inzwischen der Frühlingsanfang jedes Jahr mit einem Kirschblütenfest. Eine Straße, in der die Kirschblüten besonders schön blühen, erstrahlt abends, vom Schwerter Lichtkünstler Jörg Rost erleuchtet, als rosa Blütentraum. Sofas und Sessel stehen auf der Straße. Es gibt Kirscheis, Zuckerwatte und Bratwurst mit Schwerter Senf. Alle flanieren über die Straße. Und Farfarello rockt die Geige.

Das ist schrecklich schön. Dass das mal aus meinem Mund kommen würde, hätte ich selbst und wahrscheinlich auch meine Schwerter Freundinnen und Freunde nie gedacht. Früher erschien mir diese Stadt nur hässlich und grau. Außer eben jenen Freundinnen und Freunden hielt mich nichts dort. Im Gegenteil: Nichts wie weg, war meine Losung, die der Radiomoderator Manni Breuckmann auf WDR 2 in einer Staumeldung mal extra für mich auf den Punkt gebracht hat: „Wenn Sie Schwerte hinter sich gelassen haben, haben Sie das Schlimmste hinter sich“.

Jetzt, beim Blick in diese Kirschblütenpracht, denke ich an all das, was damals zerbrochen ist, denke an die Menschen, die zu früh gestorben sind — und mit einem Mal scheint mir als ob da etwas Goldenes zwischem dem beinahe surrealistischen Pink, in dem die Bäume strahlen, schimmert.

„Kintsugi“ heißt eine japanische Technik, zerbrochenes Porzellan zu kitten, indem man die Risse und Brüche klebt, aber nicht überdeckt, sondern sie durch Goldstaub sichtbar macht. Meine Art „Kintsugi“ beim Schwerter Kirschblütenfest. Ein wenig Kitsch kann beim Kleben nicht schaden.

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