PASSAGEN-WERKE IN LONDON. Street Art und andere „BAUTEN, DIE TRANSITORISCHEN ZWECKEN DIENEN“ (WALTER BENJAMIN)

4. MAI 2018
Walter Benjamin hat sein „Passagen-Werk“ inspiriert von den zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstandenen Pariser Passagen geschrieben. Er lässt seine Aufmerksamkeit aber sehr viel weiter als in die ersten glasüberdachten Passagen und später die Ladenpassagen schweifen. Nicht nur Bauten, „die transitorischen Zwecken dienen“ wie Bahnhöfe oder Metrostationen schaut er sich an, sondern auch andere kulturelle Phänomene der Transition, des Übergangs in der Moderne wie die Panoramen oder die Fotografie. Alle diese Phänomene seien, so schreibt er, „Bilder, in denen das Neue sich mit dem Alten durchdringt“.

London ist für heutige Passagenwerker*innen mindestens ebenso inspirierend wie für Benjamin das Paris um 1900.

Angefangen hat es auch hier mit den Passagen und bei den Bahnhöfen, den heiligen Kathedralen der Mobilität im Over- und Underground.

Die Stadt scheint die Bewegungen ihrer Passant*innen ziemlich genau im Auge haben zu wollen: Bloß nicht beim Übergang unter die Räder kommen!

In den U-Bahnpassagen schießen die Pop up-Läden aus dem Boden. Überhaupt scheint London die Stadt der Pop ups zu sein: http://www.londonpopups.com/ . Was früher billigen Klamottenläden vorbehalten war, die sich übergangsweise in den während der Winterzeit verlassenen Eisdielen einmieteten, ist jetzt Programm für ganze Generationen von Gründer*innen, die permanente hohe Fixkosten und längerfristige Festlegungen scheuen.

Ginge Walter Benjamin heute durch London, würde bestimmt die Street Art seine Aufmerksamkeit erregen. Damals faszinierten ihn die Reklamegemälde an den Hausfassaden der Gewerke und Geschäfte. Zumindest zitiert er eine Textpassage aus Ludwig Börnes „Schilderungen aus Paris“ (1822/23): „Der Schuhmacher hat die Außenseite seines ganzen Hauses mit Schuhen aller Farben bemalt, welche bataillonsweise zusammen stehen. Das Zeichen der Schlosser ist ein sechs Fuß hoher vergoldeter Schlüssel; die Riesenpforten des Himmels brauchten keinen größern. An den Läden der Strumpfhändler sind vier Ellen hohe, weiße Strümpfe gemalt, vor welchen man sich im Dunkeln entsetzt, man glaubt, weiße Gespenster strichen vorüber … Auf eine edlere und anmuthigere Weise wird aber Fuß und Auge durch die Gemälde gefesselt, welche vor vielen Kaufläden ausgehängt sind … Diese Gemälde sind nicht selten wahre Kunstwerke, und wenn sie in der Gallerie des Louvre’s hingen, würden Kenner, wenn auch nicht mit Bewunderung, doch mit Vergnügen vor ihnen stehen bleiben…“

Heute sieht das in Camden so aus:

Die Straßenkunst scheint ein transitorisches Phänomen der besonderen Art zu sein, das nicht nur in den immer wieder übersprühten und überklebten Werken selbst den Wandel und die Vergänglichkeit feiert, sondern ganze Stadtteile verändert – wie in Shoreditch, im East End von London.

Hier der Blick des Streetartisten Stick auf die beängstigende Vergangenheit und die gentrifizierte Gegenwart und Zukunft des Stadtteils Shoreditch:

Schaut selbst und macht Euch Euren eigenen Kontext:

Verrückter Weise will die Stadtverwaltung der Street Art in Shoreditch Einhalt gebieten und hat bezeichnender Weise in der Boundary Passage damit angefangen, die Bilder von den Wänden zu entfernen. Paradox, wenn eine Passage buchstäblich zur Boundary, dt. Grenze, Begrenzung, Umgrenzung, Spielfeldgrenze wird.

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