Übergangsbegleiterin Angst: Angstblüten in London

5. MAI 2018

Bei Nährstoffmangel, Wasserknappheit oder Kälteperioden entwickelt die gemeine Fichte sogenannte „Angstblüten“. Das kann Kunst auch. Und manchmal blühen sie umso schillernder, je größer die Angst in einer Gesellschaft gerade ist. Ich borge mir den Begriff von Martin Walser, der einem seiner Romane den Titel „Angstblüte“ gegeben hat (übrigens das Beste am ganzen Roman).

Nach fünf Jahren voller Übergänge, in denen ich meine Angstblüten zur Neige angeschaut habe, und im buchstäblichen Sinn ausgezogen bin, das Fürchten zu lernen, habe ich nun wieder einen Blick dafür, was die Künste zur Übergangsbegleiterin Angst zu sagen haben. Und das ist in diesen unruhigen Zeiten eine ganze Menge.

Hier nur ein paar der Angstblüten, die wir beim Flanieren durch London gepflückt haben.

Die Kunst scheint der Angst ihren Schrecken rauben zu wollen. Bruce Naumanns Neonlichtröhren „Run from fear, fun from rear“, leuchten in der Tate Modern jedenfalls genauso lustig bunt wie Jenny Holzers „Inflammatory Essays“, von denen sie eines auch der Angst oder vielleicht besser der Angstmacherei als eine der „elegantesten Waffen“ der Manipulation widmet:

Die Sängerin Beth Hart scheint ihren Weg gefunden zu haben, Angst und bipolare Gefühlslagen zu sublimieren. Sie singt den Blues.

„Leave the light on“ in der Royal Albert Hall. https://youtu.be/RPsv_Wb-rLs

Und erzählt ihre Geschichte zu dem Lied: https://youtu.be/H3I7n8Ofxsw

Über ihre Angstörung und andere psychische Erkrankungen zu reden, das Tabu zu brechen, das immer noch darauf liegt, scheint eines der Rezepte dieser Sängerin zu sein, um mit der Krankheit zu leben.

Da scheint es tatsächlich in letzter Zeit einen Sinneswandel zu geben.

Auch die Street Art trägt in London ihren Teil zur Angstbewältigung und -benennung bei. Eine Unterführung in Shoreditch wirkt wesentlich weniger angsteinflößend, wenn die Angst benannt wird: Scary.

Die unbestimmte Angst benennen. Manchmal wandelt sie sich dann in etwas Konkreteres: in hilfreiche Furcht. Furcht hilft zu reagieren, Gefahren einzuschätzen. Gegenüber diesem Konkreteren der Furcht kann das Gefühl von Handlungsmächtigkeit wachsen und das Gefühl der Ohnmacht weichen. Das hilft nur leider alles nichts, wenn ich mitten in einer Panikattacke stecke.

Und last but not least, old Shakespeare at the Globe Theatre, der einiges über den Zusammenhang von Ambivalenz und Angst zu wissen schien.

„ORLANDO

I sometimes do believe and sometimes do not,

As those that fear they hope, and know they fear.

“ (Shakespeare: As you like it)

By the way: Londons Verkehrsbetriebe haben eine Kampagne gestartet, um Menschen mit Angst- und Panikattacken beim U-Bahnfahrten zu unterstützen: https://inews.co.uk/news/uk/tfls-latest-campaign-highlighted-anxiety-as-a-reason-to-have-a-seat-badge/

Ob so ein Button wirklich hilft, weiß ich nicht. Aber dass es ein öffentliches Thema wird, dass viele Menschen Angst- und Panikattacken haben — das spüre ich deutlich — das hilft mir.

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