Als ich meinen Schreibtischstuhl in eine Ausstellung nach Wien schickte… Focusing als Übergangshelfer

„Unser Körper weiß immer den nächsten Schritt“, ist einer der Leitsätze des Focusing. Der phänomenologisch ausgerichtete Philosoph und Psychologe Eugene T. Gendlin hat diese Methode entwickelt.
Sie hilft, sich gezielt und geleitet durch eine bestimmte Schrittfolge mit leiblichen Empfindungen auseinanderzusetzen.

Ich finde es hilfreich, zur Erklärung von Gendlins Ansatz auf Helmuth Plessners Unterscheidung zwischen „Körper-Haben“ und „Leib-Sein“ zurückzugreifen. Der Begriff ‚Leib‘ meint den lebendig gespürten, jeweils subjektiv erlebten Körper. ‚Körper‘ hingegen bezeichnet das materiell greifbare Objekt, z.B. der Medizin oder Anatomie. Um den Leib geht es im Focusing: Es ist eine Leibesübung.

Ziel der Methode ist es, Blockaden und festgefahrene Gedankenschleifen aufzulösen. Wo analytisches und konzeptionelles Denken und Sprechen nicht weiterhilft, setzt Focusing auf Intuition und Imagination. Während viele andere Ansätze, Kreativität zu lehren auf die Überwindung alter Deutungsmuster ausgerichtet sind, zielt Focusing auf die Aneignung des Neuen. Oft verschwommenes leibliches Wissen über den nächsten Schritt kann durch Focusing zum Ausdruck kommen.
In psychiatrischen Studien hat Gendlin herausgefunden, dass diejenigen Patientinnen und Patienten gelingende Entwicklungsschritte gehen konnten, die beim Denken und Sprechen über ein Thema gleichzeitig ihr leibliches Erleben beachteten – und diesem Empfinden Ausdruck verleihen konnten.

Diese Art des Ausdrucks von Körper- bzw. Leibwissen zu Problemen und Lebensthemen nennt Gendling „felt sense“: Es geht darum, die leiblichen Empfindungen und die Sinngehalte, die wir ihnen geben, die Bilder, die aufsteigen, wenn man im Körper nachspürt, in Sprache zu fassen. Und darauf zu vertrauen, dass die spürbare Körperstelle weiß, was sie braucht, um sich wohler zu fühlen, um auch dieses leibliche Wissen über den nächsten Schritt wieder zum Ausdruck zu bringen. Diese Sprache darf bildhaft, vorsichtig tastend und unklar sein.

Es geht ja gerade darum, aus analytischen, häufig explizit oder implizit wertenden, konzeptionellen und von Definitionen geprägten Sprechweisen auszusteigen und einen intuitiveren und assoziativeren Ausdruck zuzulassen, um auf neue Ideen und alternative Handlungsmöglichkeiten zu kommen und aus dualistischen Entweder-Oder-Denkschleifen auszusteigen.

Das ist eines meiner Lebensthemen. Es ist das, was ich in der Literatur suche, wenn ich in meinen Seminaren und Aufsätzen das literarische Wissen dem wissenschaftlichen Wissen über ein Thema gegenübergestelle und dabei regelmäßig feststelle, dass das literarische Wissen dem wissenschaftlichen voraus ist. Es ist das, was ich in den Künsten und der Kulturellen Bildung suche, die sich wunderbar mit der Focusing-Methode verbinden lässt. Wie wirkt ein Kunstwerk auf Dich? Welche leiblichen Empfindungen sind damit verbunden?

Als ich im Sommer 2016 nicht mehr vor und nicht mehr zurück wusste, habe ich Focusing zum ersten Mal ausprobiert: „Ich nahm meinen Schreibtischstuhl und stellte ihn in eine Ausstellung nach Wien. Zwei Jahre sollte er dort bleiben.“

Abb: Marina Faust, Travelling Chairs, 2003-2010. Kunsthalle Wien: Neue Wege nichts zu tun, 27.6.-12.10.2014. Vgl. http://www.kunsthallewien.at/#/de/ausstellungen/vergangene-ausstellungen/neue-wege-nichts-zu-tun, zuletzt gesehen am 17.10.2017.

P.S.: Inzwischen sind die zwei Übergangsjahre, die ich mir genommen habe, längst vorbei. Beim Focusing bin ich geblieben und habe eine Ausbildung zur Focusing-Begleiterin abgeschlossen. Wer in einem biografischen Übergang steckt und sich focusingorientierte Begleitung wünscht, kann sich gern bei mir melden:

Weitere Infos auf meiner Internetseite www.passagenwerk.org sowie beim Focusing Institut Köln.

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