Hoch hinaus. Nationalballett, Habana libre und das Edificio Focsa in Havanna

Wir fahren mir dem übervollen öffentlichen Bus vom historischem Zentrum Havannas zum Stadtteil Vedado.

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Der Busfahrer nimmt sich unserer an. Bald auch die anderen, die mit uns gemeinsam gedrängt vor der Windschutzscheibe stehen. In die überfüllten Busse Havanas verirren sich sonst keine Tourist*innen. Die meisten fahren lieber Taxi, die — zugegeben — einfach beeindruckend sind:

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oder mit der Fahrradrikscha. Hier eine globalisierte. Ist das ansonsten eine Augenweide, so wenig Werbung sehen zu müssen!

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Stimmengewirr im Bus. Zeit und Ort für einen Plausch. Wohin wir wollen, fragen zwei junge Kubaner neben uns. Zum Edificio Focsa und zum Habana libre und später ins Teatro Nacional zum Ballett. Anerkennendes Nicken. Die beiden Männer berichten, dass übermorgen im Gran Teatro die Aufführung eines berühmten chilenischen Choreographen bevorstünde. Ich kenne seinen Namen nicht. Aber fast alle anderen Passagiere nicken raunend und freuen sich für uns, dass wir Karten für die heutige Abschlussveranstaltung eines Tanzkongresses und Wettkampfes von jungen Tänzer*innen aus aller Welt bekommen haben. Neben den jungen Talenten werden die großen Stars des Nationalballetts von Alicia Alonso auftreten. Auf Kuba lebt man den Tanz. Sowohl den Salsa, der nachts an allen Ecken getanzt wird, als auch den klassischen Tanz. Generationenübergreifend. Begeistert erzählen die beiden jungen Männer von der Salsa-Truppe des Restaurants Rosalia, die sie gestern gesehen hätten. 93 Jahre alt sei die Sängerin. „Sie kann nicht mehr laufen, aber noch tanzen.“ Einer hat sie mit seinem Handy gefilmt. Buena Vista Social Club, wohin man schaut. An allen Orten, immer wieder die gleichen Songs — „bis ich die Kerze ausmache“, y yo acabo la vela.

Das Publikum drängt sich ins Theater. Nacheinander werden alle Tänzer*innen aufgerufen und premiert, begleitet vom tosenden Applaus des jungen Publikums. Bravo-Rufe küren besonders gelungene Figuren, bei denen das Publikum auftost, begeistert, bevor die Kommentare langsam wieder abebben, nur um beiem nächsten Sprung erneut aufzubrausen. Sie kennen sich aus. Pause. Nie zuvor habe ich so viele junge Mädchen auf so hohen Schuhen balancieren sehen, die mit dünnen, fliegenden Kleidchen grazil einen Fuß vor den anderen setzen — hoch hinaus strebend.

Das Edificio Focsa ist neben dem Hotel Habana Libre, das nach der Revolution Fidel zunächst als Hauptquartier diente, das höchste Gebäude der Stadt. Es galt zu seiner Eröffnung in den 1950er Jahren als das höchste Betongebäude der Welt und basiert auf Le Corbusiers Idee einer autonomen Struktur innerhalb einer Stadt. Das Focsa-Hochhaus als Stadt in der Stadt besteht es aus insgesamt 373 Wohnungen, Garagen, einer Schule, einem Supermarkt, Geschäften und Restaurants.

Im obersten Stockwerk thront eines der Edelrestaurants der Stadt. Klar, nur für Tourist*innen und Kubaner*innen, die Devisen einnehmen dürfen. Der Traum von der klassenlosen Gesellschaft ist zum neokapitalistischen Alptraum einer Zweiklassengesellschaft von einerseits denjenigen, die Devisen- d.h. CUC einnehmen dürfen und auf der anderen Seite denjenigen, die nur Zugang zur Moneda Nacional, dem kubanischen Peso haben.

Das ist der Gipfel des Kapitalismus. Heiliger Zorn!

Aus dem Fahrstuhl kommend schweift unser Blick über die Stadt. Die Gänsehaut gibt es inklusive. Zeichen größten Luxus ist auf Kuba die Klimaanlage. Das Edificio Focsa ist ein Eisschrank. So surrealistisch ist diese Fotomontage vom Havana libre, die wir schmunzelnd in der Fabrica del arte bestaunen, also nicht.

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Oder kommt die Gänsehaut vom Blick auf die Vögel, die um das Focsa-Gebäude kreisen wie um einen Adlerhorst? Sind das Geier?

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Später in Vinales wird uns Rafael den Scherz erzählen, man erkenne auf Kuba die Geier daran, dass, wann immer sie in Gruppen auftauchen, sie über einem toten Touristen kreisen. Er korrigiert sich: über einem amerikanischen Touristen.

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