Globalisierter Grenzverkehr

Ein Drahtgebilde ragt vor der Kirche in den Himmel. Ist das eine Antenne oder ein Kreuz? Auf Kuba werden viele Götter angebetet. Die alten Santeria-Gottheiten vertragen sich prächtig mit den christlichen Heiligen. Nun also, der Wifi-Gott. Internetzugang gibt es auf Kuba nur auf den zentralen Plätzen der Städte, vor den Etecsa-Telefon- und Internetbüros, wo man Karten für 1,50 CUC pro Stunde Wifi-Nutzung kaufen kann. Dort versammeln sich die Menschen. Alt und Jung, Tourist*innen und Einheimische — alle starren auf ihre Handys, aber nicht durchgängig. Die virtuelle Kommunikation hat das Gespräch noch nicht besiegt. Auf den Plätzen lernt man sich kennen.

Manuel, auf Kuba geboren und mit 3 Jahren mit seinen Eltern ausgewandert nach Spanien, lebt mit seiner Familie in Sevilla. Er hämmert mit seinen Fingern auf sein Handy ein. „No funciona. Es una locura. Un país de loco. Verrücktes Land.“ Chris antwortet: „Loco como yo“, und zeigt mit dem Finger auf sich selbst. Manuel stutzt, lacht und zeigt seinerseits auf Chris: Loco, das ist gut, und setzt sich näher zu uns. Architekt ist er und auf Besuch bei seiner Schwester, die in Trinidad lebt. Er will nie mehr zurück, aber er überlegt, ein Haus zu kaufen, das die Schwester als casa particular an Tourist*innen vermieten kann. 30.000 Euro, so meint er, würde ein Haus im Zentrum von Trinidad kosten.

Zu unserer Wifi-Gemeinde gesellt sich Simone. Auch sie versucht vergeblich, ins Netz zu kommen. Sie stammt aus Frankreich, lebt aber in Barcelona. In zwei Wochen heiratet sie einen Kubaner, den sie beim Salsatanzen kennengelernt hat. Manuel zieht die Augenbrauen hoch. „Warum guckst Du so komisch“, fragt sie.

„Oh, weil es schwierig ist. Wie lange kennt ihr euch?“

„Vier Monate“, antwortet sie. Er fragt sie warnend: „Warum willst Du ihn gleich heiraten?“

„Ach, weil er süß ist. Wir verstehen uns gut. Auch mit seiner Familie verstehe ich mich. Ich will ihm helfen.“

„Na, dann, o.k., wenn Du ihm helfen willst. Aber nicht, wenn Du denkst, es ist die große Liebe.“

„Nein, nein“. Pause. „Aber warum eigentlich nicht?“, sinniert sie. „Wenn es nicht klappt, lassen wir uns scheiden. — Ich hoffe, die Behörden in Frankreich filzen uns nicht zu sehr. In Deutschland soll es ja schlimm sein.“

Ihr Verlobter kommt zu uns. Seine Frisur: artistisch geschoren, wie es gerade Mode ist, mit einrasierten Mustern. Bei ihm besticht ein Nike-Logo, das den Hinterkopf ziert. Er hat Passfotos in der Hand. Sie schaut sie sich an und seufzt: „Terroristenfotos — tienes cara de terrorista. Du hast das Gesicht eines Terroristen.“ Sie zeigt sie uns. „Meint Ihr, dass sie in Frankreich dieses Format akzeptieren?“

Die Fotos sind quadratisch. „Cabeza cuadrada“, lacht der Verlobte. „Quadratköpfe“, ist in Lateinamerika eine geläufige Bezeichnung für Menschen, die aus Europa kommen.