Santiago — de Cuba. Gedankenwanderungen

Als ich am Busbahnhof von Camaguey kontrollieren möchte, ob unsere Rucksäcke in den richtigen Bus verladen werden, und vor Hitze und Durchfall kaum mehr der Sprache mächtig auf die Rucksäcke zeige und „Santiago — de Cuba“ fragend in die Länge ziehe mit einer seltsamen Pause zwischen „Santiago“ und „de Cuba“, zwinkert mich der Gepäckträger an: „No, mi amor, — de Compostela…“. Ertappt. Bin ich auf einer Pilgerreise?

Sieben Stunden Busreise liegen vor uns, um von Camaguey nach Santiago zu kommen. Doch weder lange Distanzen noch Weile schrecken mich mehr. Die rasende Unruhe in mir lässt langsam nach. Lange Wege bedeuten Zeit zum Sinnieren, Zeit um Blicke und Gedanken wandern zu lassen, Zeit zum Lesen. Ja, ich kann wieder lesen. Selbst das war mir genommen. Mathias Polytickis Roman ‚Der Herr der Hörner‘ hat mich 700 Seiten lang auf Santiago eingestimmt: auf die Gerüche, Stimmen und Gesichter der Menschen, auf die Straßen, auf denen sein Held Broschkus immer wieder in etwas Weiches tritt, einen abgelutschten Mangokern, eine tote Taube, einen Haufen Scheiße — und auf die unzähligen Balkone über dem Stadtteil Tivoli.

Tatsächlich: Ein Zimmer finden wir bei der Berufsschullehrerin Tania und dem Elektroingenieur Raul. Ein Paar, das sich die Rente mit Einkünften der Zimmervermietung aufbessert. Sie verdienten noch nie zuvor so viel wie jetzt. Ihre Wohnung hat wahrscheinlich einen der schönsten Balkone von Tivoli. Mit einem Blick, so weit, dass die beiden in den Rand der Terrasse eine Badewanne eingelassen haben. Im kalten Nass der Badewanne sitzend, über die belebten Dächer der Stadt zu schauen, am Horizont nur begrenzt durch die grünen Berge der Sierra Maestra, hat etwas Groteskes. Dort in den Bergen war während der kubanischen Revolution das Generalkommando der „Bewegung des 26. Juli“ unter Führung des comandante en jefe Fidel Castro.

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Das Leben Santiagos spielt sich auf den Dächern ab. Hier wird die Wäsche aufgehängt und Musik gehört. Auf den Dächern krähen die Hühner.

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Wenn einer der sintflutartigen Regengüsse niedergeht und das Wasser die steilen Straßen herunterrauscht, schmeißen sich die kleinen Jungs bäuchlings auf die Straße und rutschen von der Oberstadt — auf der wahrscheinlich längsten Wasserrutsche der Welt — den ganzen Berg hinunter auf den Hafen zu.

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