Der Meerestempel Pura Tanah Lot im Südwesten von Bali oder: Wer pilgert warum wohin?

4. August 2018

Pura Tanah Lot ist ein Hindutempel an der südwestlichen Küste von Bali. Wörtlich übersetzt bedeutet ‚Pura‘ Tempel und ‚Tanah Lot‘ — Land inmitten des Meeres.

Ein Tempel im Meer. Nur bei Ebbe ist der Übergang zu ihm halbwegs trockenen Fußes zu bewältigen.

Es ist einer der bekanntesten Tempel von Bali und dient unzähligen Tourist*innen aus aller Welt als begehrtes Fotomotiv. Hier pilgern wir scharenweise hin. Warum? Weil der Tempel wie eine kleine Insel im Meer liegt? Weil der Übergang zu ihm zwar machbar, aber etwas abenteuerlich erscheint? Was macht diese Anziehungskraft und Schönheit aus?

In hinduistischer Hinsicht zählt er für die Gläubigen nicht zu den bedeutendsten Tempeln Balis. Er soll der Besänftigung von Wasserdämonen dienen. So viel wie ich bisher verstanden habe ist es zentral für die balinesische Form des Hinduismus gut und böse, Dämonen und Götter in eine Art Balance und Harmonie zu bringen. So opfert man nicht nur den Göttern, sondern immer auch den Dämonen. Welchen Dämonen opfern wir Tourist*innen in diesem Tempel und welchen Göttern?

Die in religiöser Hinsicht wichtigeren Tempel Balis sind topographisch angeordnet. Im Zentrum der Insel liegt der Tempel Pura Besakih, der Siwa gewidmet ist. In den vier Himmelsrichtungen verteilt finden sich vier Tempel für die anderen vier bedeutendsten Gottheiten.

Pura Batur Ulun Danu (Wisnu)

Pura Batukau ( Mahadewa) Pura Besakih (Siwa) Pura Bukit Lempuyang (Iswara)

Pura Andakasa (Brahma)

Wir überwinden nun heldenmutig nicht nur das Labyrinth von Souvenirläden vor dem Zugang zum Tempel, sondern Durchwaten auch das Meer, um zum Pura Tanah Lot zu gelangen. Ich strauchele auf den letzten Metern im Wasser, doch einer der alten Priester reicht mir die Hand und hilft mir beim Übergang. Der Zugang zum heiligsten Inneren des Tempels bleibt uns verwehrt — die Schreine dürfen nur Gläubige von Nahem sehen –, aber die heilige Quelle steht allen offen: eine Süßwasserquelle unter dem Felsen, die quasi im Meer entspringt. Sie wird ständig von weißgewandeten Priestern bewacht, die auch uns Abergläubigen Segen spenden, über Köpfe und Schultern Quellwasser sprenkeln, Reiskörner auf die Stirnen kleben und Blumen hinter Ohren stecken. Ein Zeremoniell, das von den Tourist*innen scheinbar dankbar, jedenfalls in Stille angenommen wird.

Die Sache mit den Reiskörnern nennt sich „Zusprechung der wija“. Bei „wija“ handelt es sich um „gewaschene, unversehrte Reiskörner, die in Sandelholzwasser oder in Wasser, versehen mit wohlriechenden Blütenblättern, eingeweicht worden sind. Weihwasser und Reiskörner werden dreimal verteilt und die wija zwischen die Augenbrauen sowie auf die Brust geklebt und auf die Zunge gelegt.“ (Albert Leemann, Zeremonien im Lebensablauf der Balinesen, in: Geographica Helvetica 1992, Nr. 4, S. 156).

„Don’t use Buddha for decoration“ hatten in Bangkok riesige Plakatwände gemahnt, als wir auf der Fahrt von einem Flughafen zum anderen die thailändische Megastadt durchquerten. Solche Hinweise habe ich bisher hier auf Bali in Bezug auf die hinduistischen Heiligtümer und Zeremonien noch nicht gesehen.

Nach Sonnenuntergang wird es schnell leer auf den Felsen gegenüber des Tempels Tanah Lot, wo sich ein Restaurant ans andere reiht, um die hungrigen Heerscharen zu verköstigen. Dem Sonnenuntergang scheinen wir Tourist*innen auch eine besondere Huldigung entgegenzubringen. Mit Fotoapparaten und Handys versuchen wir, den Moment festzuhalten. Ein Ritual? Wozu? Demut vor der Schönheit der Welt? Ehrfurcht vor der Natur? Versuch, die Vergänglichkeit des Augenblicks zu bannen? Beweismittelsammlung, dafür, dass wir hier waren?

Auf einmal sind Chris und ich die einzigen Gäste. Nach Sonnenuntergang leert es sich schlagartig. Wir kommen mit dem Kellner ins Gespräch. Ketut setzt sich zu uns. Von unserem Zimmervermieter, der auch Ketut heißt, habe ich gelernt, dass in einigen Kasten auf Bali jeweils die viertgeborenen Söhne Ketut genannt werden. Es scheint viele viertgeborene Söhne auf Bali zu geben.

Was würde der Menschheit fehlen, wenn man nicht überall auf der Welt über das Wetter ein Gespräch beginnen könnte. Doch hat inzwischen selbst dieser Gesprächseinstieg seine Unschuld verlorenen. Ketut erzählt uns, beinahe entschuldigend, dass es den kleinen Regenschauer, den wir hier jetzt morgens schon öfter erlebt haben, früher nicht gegeben hätte. Schließlich sei es eigentlich noch lang hin bis zur Regenzeit. Das sei der Klimawandel. Das sei alles nicht normal. Ja, wir pflichten ihm bei: Alles nicht normal. Wir starren zu dritt auf das nun menschenleere Heiligtum. Alles nicht normal.

Wir schweigen. Bis Chris irgendwann lacht: „Ich bin auch nicht normal“.

Ketut stimmt fröhlich glucksend ein. „Ich auch nicht“, meint er. Zum Beispiel könne er mit Religion nichts anfangen. Aber er hätte trotzdem mal ein Erweckungserlebnis gehabt. Wir schauen ihn fragend an. Ja, nickt er vor sich hin sinnierend: „Das war, als ich das erste Mal ‚You don’t have to be old to be wise‘ von Judas Priest gehört habe. Das hat wirklich mein Leben verändert.“ — sagt der 55-Jährige.

(Not) Bad Religion, denke ich, und dass ich bisher noch nie darüber nachgedacht habe, was um Himmels Willen Heavy Metal mit Religion zu tun haben könnte.

Ich erspare Euch das Hartmetallgeschrammel des Erweckungsliedes von Ketut, aber den Text von Judas Priest habe ich rausgesucht.

I’ve had enough of being programmed
And told what I ought to do
Let’s get one thing straight, I’ll choose my fate
And it’s got nothing to do with you
The years are flying by and it’s time I got high
Took a sample of the good things in life
This is a chance, I’m going to take
Gonna kick out trouble and strife
I’ve grow sick and tired of the same old lies
Might look a little young, so what’s wrong?
You don’t have to be old to be wise
No, I don’t care that the people stare
Accuse me of going mad
Just get a long hard look into the mirror
Then, tell me now who’s been had
The way things are going I won’t get to show ‚em
Go single all the time’s up to me
So it’s off with the ties, no compromise
Want to taste what it’s like to be free.“

So klingt ein Text aus dem Gesangbuch der inzwischen weltumspannenden Religion des Individualismus. Keine Ahnung, wie viele Milliarden Menschen ihr huldigen. Das ist die Krux an dieser, an unserer Religion. Als Gläubige wähnt man sich einzig. Und weiß noch nicht mal, warum man wo und zu welcher Zeit welche Rituale begeht. Jede*r für sich. Zu Abertausenden. Klick. Ein Weltbild. Klick. Ein Selbstbild.