Balinesische „Rites de passage“: Kein Übergang, der nicht rituell überformt ist?

14. August 2018

Es ist tatsächlich so. Wer sich für zeremoniell überformte Übergangsriten interessiert, die noch fest im alltäglichen Leben verankert sind, sollte nach Bali reisen.

Ich hatte im Rahmen meiner Forschungsarbeiten zu biographischen Übergängen im Alter einiges über die balinesischen Traditionen und Zeremonien gelesen, aber dass diese Riten hier von so großen Teilen der Bevölkerung immer noch ganz selbstverständlich gelebt werden, habe ich nicht geglaubt. Das kurze Gespräch mit Ketut, dem Heavy-Metal-gläubigen Kellner am Tanah Lot Tempel, hatte mich in dieser Auffassung bestärkt.

Trotzdem war ich schon in Denpasar erstaunt darüber, dass der Hausherr unseres Homestays sich jeden Morgen seinen Sarong (ein als Rock gewickeltes Tuch) anzog und seinen Udeng (einen kunstvollen Wickel um die Stirn) aufsetzte, um zu opfern.

Angekommen in unserer Unterkunft am Rand von Ubud, in der ich zwei Wochen bleiben werde, sehen wir bei der Familie, die uns beherbergt, wieder das gleiche tägliche Opferritual.

Das Opfern im Hause beinhaltet, dass zunächst vor der Ganesha-Skulptur im Garten, die einem vom Hauseingang aus schon entgegenzuwinken scheint, ein kleines Schilfkörbchen mit Reis, Keksen, einem Räucherstäbchen und Blumen niederlegt wird. Das Räucherstäbchen wird angezündet. Danach wird Ganesha und das Opferkörbchen mit heiligem Wasser besprenkelt. Dazu wird eine Blüte in Wasser getunkt, um mit grazilen Handbewegungen Ganesha drei Mal mit Wasser zu benetzen.

In einem zweiten Schritt wird das Tor durchschritten, das die Straße vom Innenbereich des häuslichen „Anwesens“, dem Garten mit den unterschiedlichen Funktionen gewidmeten kleineren Häuschen und Terrasenplattformen trennt. Vor dem Eingangstor auf der Straße erfolgt der gleiche Opferungsvorgang mit Schilfkörbchen, Räucherstäbchen und heiligem Wasser.

Solch freundlich dreinschauende Gesellen finden sich übrigens vor fast jedem Hauseinang. Legt man eine Hand mit ausgestrecktem Daumen in die andere Hand bedeutet das: Willkommen.

Dann, wieder im Inneren angelangt, werden als dritter Schritt des Rituals einzelne Orte der Hausanlage, z.B. der zu jedem Haus gehörende Haustempel, das Küchenhaus oder auch die familiäre Zeremonienterrasse bedacht.

Ich weiß nicht, ob es erst passiert, nachdem die Familie weiß, dass ich mich so für die balinesischen Übergangsriten interessiere, oder ob schon vom ersten Tag an auch auf der Terrasse vor unserem Zimmer immer ein kleines Reishäufchen auf einem Stück Bananenblatt ausgelegt wird.

Auffallend an der morgendlichen Opferzeremonie ist einmal mehr die Dreiteilung des Rituals in Ablösungsphase, Schwellenphase und Phase der Reintegeation. Ich hatte ganz zu Beginn meines Blogs darüber geschrieben: https://1001pasajes.wordpress.com/2017/10/11/erster-blogbeitrag/

Der „schwierige“ Schritt über die (Haus)-Schwelle scheint von Ganesha „bewacht“ und wahrscheinlich abgesichert zu werden.

Zum Dank für den geglückten Schwellenübertritt berühren die meisten einheimischen Besucher*innen der Familie, bei der wir wohnen, zur Begrüßung Ganeshas rundliche Füße.

Es sieht so aus, als ob hier auf Bali wirklich jeder nur erdenkliche Übergang rituell geregelt wäre. Auf jeder Brücke finden sich Opfergaben und – selbstverständlich – auch an den Straßenkreuzungen.

Die sind schließlich eine gefährliche Angelegenheit, nicht nur, weil man sich entscheiden muss, ob man nach rechts oder links geht. Da sind einfach auch noch so viele andere, die diesen Übergang bewältigen wollen: Fußgänger, Autos, aber vor allem Heerscharen von Scootern — der Verkehr auf Bali ist mörderisch. Da braucht es Schutz.

Heute morgen hat mich Agung, der Bruder von unserer Vermieterin in Ubud, der sich unserer angenommenen hat, auf seinem Scooter den Weg zum Ort der Masseneinäscherungszeremonie der Community gezeigt. Ich bin schon schrecklich gespannt und so dankbar, dass er mich dort einführen wird und mir einiges schon vorab erklärt.

Mir hat er einen Helm gegeben. Er hatte seinen Udeng, seinen Stoffwickel, aufgesetzt. „Willst Du keinen Helm aufsetzen, Agung?“, frage ich ihn. Er lächelt. „Nein, wenn ich meinen Udeng auf dem Kopf habe, brauche ich keinen Helm. Das ist die Regel.“ Ich antworte: „Genug Sicherheit“. „Ja“, freut er sich: „Genau“. Vielleicht glaubt er, dass ich etwas verstanden habe. Ich weiß es nicht. Ich muss an die Heiligenbildchen denken, die uns die argentinische Autovermietung als Ersatz für die von uns eigentlich gewünschte, aber nicht mögliche Vollkaskoversicherung gab.

Wir fahren los. Nicht ohne, dass sich die gesamte Familie über meinen schönen Sarong gefreut hat, den ich mir gestern für die Beerdigungszeremonie gekauft habe… und sich amüsiert, dass ich mit dem Rock, nun — nicht ganz so elegant im Damensitz auf dem Moped Platz nehme wie die Frauen von hier es können.

3 Tage dauert die Zeremonie. Ich bin nicht erstaunt, dass es drei Tage sind. Agung erzählt zwar, dass einige Gemeinden die ganze Zeremonie heute auch an einem Tag abhalten, aber das sei schrecklich stressig.

Als ich ihn frage, ob mein Eindruck richtig sei, dass auch alle anderen Zeremonien dreigeteilt wären, schaut er mich erstaunt an. „Woher weißt Du das?“ Er fragt mich sonst nicht sehr viel. „Ich habe über so etwas geforscht, Agung, aber in Deutschland, wo man die ‚Rites de passage‘ kaum mehr als solche erkennen kann, oder sich die Menschen ihre eigenen ausdenken, um ihr Leben zu strukturieren, ist es etwas sehr anderes, als die Rituale hier zu erleben.“

Ich deute seinen erstaunten Blick so, dass er sich darüber wundert, wie man so etwas erforschen kann. Aber wer weiß? Ich lasse es auf sich beruhen — und erwidere sein Lächeln. Weil ich, zu meiner Schande, immer noch nur „Suksma“ – „Danke“ auf Balinesisch sagen kann, bin ich einmal mehr auf dieser Reise froh, dass ich „Lächeln“ wirklich ganz gut spreche.

Auf jeden Fall beginnt Agung, mir jetzt sehr viel differenzierter und ausführlicher als zuvor über die Vielzahl der Bestandteile und Bedeutungen der außergewöhnlich komplexen balinesischen Einäscherungszeremonie zu erzählen. Und bei so vielen Geistern, die da beschworen werden — auf einmal ist er wieder da: Mein Forscherinnengeist meldet sich zurück.

P.S.: Walter Benjamin schreibt in seinem „Passagen-Werk“ (in: Ders.: Gesammelte Schriften V· I, hrsg. v. Ralf Tiedemann, Frankfurt am Main 1982/1991) über die Überbleibsel der Schwellenrituale im Paris der 1930er Jahre: „Schwellenzauber. Vorm Eingang der Eisbahn, des Bierlokals, des Tennisplatzes, der Ausflugsorte: Penaten. Die Henne, die goldene Pralinéeier legt, der Automat, der unsere Namen stanzt, Glücksspielapparate, Wahrsage- und vor allem Wiegeautomaten: das zeitgemäße delphische γνωϑι σεαυτον hüten die Schwelle. Sie gedeihen bemerkenswerterweise nicht in der Stadt – machen einen Bestandteil der Ausflugsorte, der Biergärten in den Vorstädten. Und die Reise geht sonntagnachmittags nicht nur dahin, nicht nur ins Grüne, sondern auch zu den geheimnisvollen Schwellen. Verborgner waltet dieser gleiche Zauber freilich auch im Interieur der Bürgerwohnung. Stühle, die eine Schwelle, Photos die den Türrahmen flankier⁠en, sind verkommene Hausgötter und die Gewalt, die sie zu beschwichtigen haben, trifft uns noch heute mit den Klingeln ins Herz. Versuche man doch, ihr zu widerstehen. Allein, in einer Wohnung, einem beharrlichen Klingeln nicht zu folgen. Man wird finden, es ist so schwer wie ein Exorzismus.“ (S. 284).