Der wichtigste Schritt im balinesisch-hinduistischen Lebenslauf: Einäscherung und Wiedergeburt

21. AUGUST 2018

Ich kann es schwer fassen. Auch wenn ich es insgeheim gehofft hatte, habe ich nicht wirklich damit gerechnet, an einer solch zentralen Zeremonie im balinesischen Zyklus der hinduistisch geprägten Übergangsriten teilnehmen zu dürfen.

Ich hätte weder gedacht, dass die Zeremonien in all ihrem Detailreichtum noch so verbreitet sind, noch, dass die Gemeinschaften Fremden gegenüber so offen sind. Die kulturwissenschaftlichen Texte, die ich darüber gelesen hatte, berichten aus den 1960er Jahren. Obwohl ich einiges an Theorie über balinesische Übergangsriten kenne, fühle ich mich auf einmal schlecht vorbereitet. Hätte ich doch wenigstens ein paar mehr Worte Balinesisch gelernt, schießt es mir durch den Kopf. Aber diese Sprache fällt mir sehr schwer. Ich habe keine Eselsbrücken, über die ich mich hangeln könnte.

Als ich Agung deshalb etwas aufgeregt vor der Zeremonie frage, was „Hallo“ auf Balinesisch heißt, überlegt er erstaunlich lang, lächelt und sagt, „hello“. Ich gucke wohl ziemlich verdutzt. „Eigentlich haben wir kein Wort zur Begrüßung. Wir haben das von außen übernommen.“ Er überlegt: „Ich glaube, wir brauchen kein Wort zur Begrüßung. Wir sehen uns ja jeden Tag in unseren Familien und Gemeinschaften.“ Er lacht. Also bleibt „Suksma“ das einzige balinesische Wort, das ich aussprechen kann. Ich werde es in den nächsten drei Tagen häufig sagen: „Danke“.

Suksma an die Mitglieder der Banjar (Gemeinde) „Teges Kawan Yanglon“ in Ubud, die mich so herzlich und offen willkommen geheißen haben und mir inmitten des komplexen und arbeitsreichen Ritualgeschehens so geduldig die Hintergründe und die Symbolik der einzelnen Schritte erklärt haben, die mir immer wieder versichert haben, dass ich näher kommen sollte, dass ich fotografieren dürfe und solle. Sie seien schließlich stolz auf ihre Zeremonien.

Anfangs fotografiere ich wenig, aber nach ein bis zwei Stunden werde ich selbst zum Foto-Objekt der Wahl auserkoren. Ich weiß nicht, wie viele Selfies mit mir an der Seite jetzt kursieren, aber allmählich verliere auch ich auf diese Art und Weise die Scheu. Solange wir uns alle gegenseitig fotografieren, mag’s angehen.

1. TAG: Ngening – Ablösungsphase

Ich bin neben Wendy aus den USA, die seit 2 Jahren in China wohnt, die einzige „Fremde“. „Bulai“, so klärt man mich griemelnd auf, nenne man solche wie uns hier, solche hellhäutigen Menschen: „Albinos“. Vier Straßen weiter schieben wir weißen Tourist*innen uns durch das Zentrum von Ubud. Sobald man sich wenige Meter von den 4 Hauptstraßen entfernt, sieht man nur noch wenige.

Überwältigt von der Farbenpracht, dem fröhlichen Gewusel, der Musik, dem Duft der Räucherstäbchen, versuche ich mich auf dem Zeremonienplatz neben dem Tempel der Banjar zu orientieren. Vorsichtig halte ich mich am Rand des Platzes auf. Gut, dass mich Agung eingeführt hat. Am dritten Tag werde ich schon von weitem begrüßt werden: „Hello Miriam!“

Eine Familie kümmert sich besonders um mich. Ketut — Ehefrau, Mutter, Schwiegermutter, Schwester, Tante und Großmutter — ist gestorben. Mit 65 Jahren ist sie ihrem Asthma erlegen, das sie nicht im Krankenhaus behandeln lassen wollte. Medikamente wollte sie nicht nehmen. Das stimmt so nicht ganz. Sie nahm nur die, die ihr balinesischer Heiler ihr gab. Ihr Foto in der langen Reihe der Verstorbenen, die sich in den vergangenen 3 Jahren von 18 Familien angesammelt haben, sieht herzzerreißend aus – so herzlich strahlt das Lachen aus ihrem erfahrungsgefalteten Gesicht. Sie hat die Nummer 8 — von insgesamt 18 Familien, die jeweils bis zu drei Verstorbene in ihrer Familie zu beklagen haben. Wenn Sie denn klagen würden. Die Stimmung erscheint mir konzentriert und im Grundton freudig. Es stehen ja Wiedergeburten bevor.

Noch vor 10 Jahren — so wird mir berichtet — beging jede Familie ihre eigene Kremationszeremonie, wenn ein Familienmitglied gestorben war. Der Leichnam wurde damals dann direkt verbrannt. Aber so eine Kremationszeremonie dauert mindestens drei Tage. Es muss gegessen werden und unzählige Opfergaben gebastelt (oder gekauft) werden. Der Gasflammenwerfer für die Einäscherung selbst muss gemietet werden. Der Hohepriester oder die Hohepriesterin (!) ist auch nicht ganz günstig. Den Tiersarkophag muss man bauen lassen. Gut und gerne 4.000 Euro hätte so eine Einzelzeremonie früher gekostet. Viele Familien hätten sich über Jahrzehnte hinaus verschuldet. Deshalb sei man flexibel geworden und veranstalte alle drei bis höchstens fünf Jahre innerhalb der Banjar Massenkremationszeremonien. „Effizient“, nennt das ein junger Mann, der mir viel erklärt. Dann müssen zwar immer noch Unmengen an Opfergaben gemacht werden, und der Tiersarkophag bleibt teuer, aber immerhin die Kosten für Hohepriester und Hohepriesterinnen, die Flammenwerfer, Tänzer, Musiker, Essen und Trinken werden auf die Gemeinschaft verteilt. Außerdem gibt die Regierung etwas dazu, und es werden Spenden gesammelt. Es bleibt bei um die 800,- Euro pro Familie, eine stolze Summe, bei durchschnittlich ungefähr 2.500 Euro Jahreseinkommen pro Person.

Agung hatte noch beim Frühstück darüber sinniert: „Wir haben unsere Zeremonien. Ihr geht auf Reisen.“

Am ersten Tag kommt die gesamte Banjar zusammen. Die Verstorbenen haben eigene Plätze, aufgereiht in der Länge des Zeremonienplatzes.

Dort werden die Opfergaben drapiert, die seit einem Monat gebastelt wurden. Doch auf der Tribüne reicht der Platz für die Vielzahl der Opfergaben nicht aus.

Große Holzkisten stehen vor der Tribüne, um auch ja alles zuordnen zu können. Der Beliebtheitsgrad der/des jeweiligen Verstorbenen in der Banjar lässt sich an der Menge der Opfergaben ablesen. Wenn jemand stirbt, der in der Banjar nicht beliebt war, müssen die Verwandten ihre Überredungskunst und wahrscheinlich auch etwas Geld einsetzen, um die Banjar zu überzeugen, sich darum zu bemühen, auch diesem Verstorbenen den Weg für eine gute nächste Wiedergeburt zu bahnen.

In den Familien wurden besonders akribisch die Stellvertreterfiguren für die Verstorbenen gebastelt. Unten in die Figuren kommt später eine Kokosnuss mit ein wenig Asche des Toten hinein. Die Figuren sind nach der Zeremonie für die häuslichen Familientempel bestimmt.

„Wir tun unser Bestes“, erklärt man mir, „damit unsere Verwandten eine gute Wiedergeburt haben und ihnen der Schritt auf die nächste Ebene gelingt, aber es gibt keine Garantie.“ Aber dass sich die Familien nicht alle nur erdenkliche Mühe gegeben haben, dass kann nun wirklich niemand behaupten.

Das Gamelanorchester spielt.

Tänze werden aufgeführt, und Schattentheaterfiguren aufgestellt.

2. TAG: Ngaben. Schwellenphase: Die zweigeteilte Kremation

Um 4 Uhr morgens werden am nächsten Tag die Leichen, Knochen und Gebeine aus den Gräbern ausgegraben und gewaschen. Dort haben sie nun bis zu 5 Jahre gelegen. ‚Übergangsweise‘ sozusagen, denn in dieser Zeit können die Seelen der Verstorbenen nicht wiedergeboren werden. Dazu — so der Glaube — müssen die Leichname verbrannt werden. Länger als 5 Jahre darf die Zeit unter der Erde nicht andauern. Sonst ist die Seele verloren für den Weg der Wiedergeburt.

Statt der Gebeine werden als Stellvertreter nun ein Küken und einige der Opfergaben in die Gräber gelegt. Küken symbolisieren, so erklärt man mir, die Angst der Menschen vor dem nächsten Schritt auf eine höhere Ebene.

Nun werden die Gebeine und Leichname in Strohmatten gewickelt und zusammengetragen. Riesige Gasflammenwerfer werden angeschmissen, um die Toten zu verbrennen. Ich wusste nicht, wie lang das dauert. Es ist heller Morgen als die Asche und Knochenreste in Tüchern verpackt an die Familien gegeben wird. Auch dies ist eine der Neuerungen. Bei der letzten Massenkremation hatte die Banjar noch jeden Leichnam einzeln verbrannt. Jetzt werden alle gemeinsam verbrannt, so dass Asche und Gebeine durcheinanderkommen. Aber der Hohepriester, der Pedanga, hat zugestimmt — und so kann es sein.

Asche und Gebeine werden in Leinentüchern auf den Platz des/der Verstorbenen auf der Tribüne gebracht. Wieder werden Opfer dargebracht.

Die Stimmung der Menschen während der Zeit der Verbrennung wirkt ruhig und konzentriert, aber nicht traurig. Niemand weint — außer mir selbst, der manchmal Tränen kommen, weil ich an „meine“ Verluste, „meine“ Verstorbenen denken muss. Die Familien sind damit beschäftigt, „ihre“ Verstorbenen auf einen guten Weg zu bringen. Der persönliche Verlust scheint hier nebensächlich zu sein. Um ihn wird nicht getrauert.

Mittags dann sind die Tiersarkophage aus ihrem „Stall“ befreit worden.

Das Tuch wird gelüftet, und die kunstvollen Pappmaschee- und Holztiere werden in einer Reihe aufgereiht in Stellung gebracht. Neugierig strömt die Masse heran, um die Tiere zu bewundern und zu begutachten.

Die jungen Männer konstruieren Bambustragen, auf denen die Tiersarkophage dann zu den einzelnen mit weißen Fächern überdachten Verbrennungsorten gebracht werden, wo sie mit großem Hallo aufgestellt werden.

Dann wird den Tieren der Rücken aufgeschnitten. Die Frauen reinigen mit ihren langen Haaren symbolisch den Innenhohlraum. Auf kleinen Tragethronen werden die Stellvertreterfigürchen für die Toten, die mit Stoff umhüllten Gebeine und die Asche und wiederum Opfer- über Opfergaben drei Mal im Kreis um die Verbrennungsplattformen herumgetragen. Schließlich wird das Innere der Tiersarkophage mit den Gebeinen und einem Teil der Opfergaben gefüllt. Dann erfolgt die zweite Kremation. Der Tiersarkophag wird angezündet.

Ein Teil der Asche wird später in die von Servietten umwickelte Kokosnuss im unteren Teil der Stellvertreterfigürchen gefüllt und wieder auf der Tribüne aufgestellt.

Exkurs: Die Tiersarkophage – Symbolik sozialer Differenzen

Oberste soziale Differenzlinie ist die Kaste, die jedoch auf Bali in Verwirrung geraten kann, wenn sie durch andere soziale Differenzen gekreuzt wird. An den Farben und an der Art des Tieres ist ablesbar, welcher Kaste der Verstorbene entstammt. Weiß ist die Farbe für einen Priester, aber für eine junge unverheiratete Frau würde ebenfalls weiß gewählt.

In diesem Fall würde das Alter und der Status der Jungfräulichkeit für die Auswahl der Farbsymbolik des Tiersarkophages also tatsächlich wichtiger als die Kastenzugehörigkeit sein. Rot steht wiederum für eine andere Kaste. Und der Drachenfisch verweist darauf, dass dieser Verstorbene einer höheren Kaste entstammt. Er wäre ein Anführer in der banjar, der Gemeinde, gewesen.

Die höheren Kasten sprechen Hochbalinesisch. Hochbalinesisch und Balinesisch sind komplett unterschiedliche Sprachen. Trotzdem müssen Angehörige der niedrigeren Kasten auch Hochbalinesisch sprechen können, denn sie müssen Angehörige höherer Kasten auf Hochbalinesisch ansprechen. Diese soziale Differenzlinie gerät heute in Verwirrung durch berufliche Hierarchie und ökonomischen Status. Wenn z.B. der Fahrer einer höheren Kaste entstammt als der Hotelchef, den er fährt, dann — so erzählt man mir — wäre es eine gute Lösung, wenn sie miteinander Indonesisch sprächen. Sonst müsste der Chef den Fahrer auf Hochbalinesisch anreden, was zu einer Schieflage in der Hierarchie zwischen beiden führen würde. Mit der Wahl von indonesisch, das alle Balines*innen sprechen, entgeht man diesem Konflikt sozialer Differenzmarkierungen.

Auch der Turm wird verbrannt. Bei Kremationszeremonien der königlichen Familie ist dieser Turm so hoch, dass in Ubud die Elektroleitungen über den Straßen gekappt werden, damit die Prozession mit dem Turm problemlos passieren kann.

3. TAG Ngarnyut. Verstreuen der Asche im Meer — Phase der Reintegeation in eine neue, andere Ordnung

Um 9 Uhr Morgens geht es weiter. Aufräumzeit. Neue Opfergaben werden arrangiert. Es regnet Bindfäden. Da sind Regenschirme, die man sich direkt auf den Kopf setzen kann, äußerst praktisch. Schließlich hat man beide Hände voll zu tun.

Die engeren Familienmitglieder haben auf dem Zeremonienplatz auf Strohmatten übernachtet, nicht nur, um bei ihren Toten zu sein, sondern auch um die Opfergaben vor gefräßigen Tieren zu schützen. Die Satayspießchen und Spanferkel, die den Hunger der Toten stillen sollen, aber auch die Süßspeisen, aus denen nicht nur diese Chilifigur, das balinesische Symbol für Mutter Erde, gebastelt wurde, riechen schließlich recht verlockend. Auf einem Fußballfeld werden die Throne aufgestellt.

In den Kisten davor – Ihr ahnt es schon – wieder Opfergaben. Hohepriester und Hohepriesterin segnen die Abfahrt.

Und los geht’s zum Meer, wo uns schon ein anderer Priester erwartet.

Jetzt heißt es Abschied nehmen. Die Kokosnüsse mit der Asche der Toten und viele Opfergaben werden dem Meer übergeben. Das hört sich so ernst an. Ist es aber nicht: Juchzend und jauchzend wird alles ins Meer geschmissen. Jede Woge wird lachend begrüßt.

„I have to say ‚Good bye‘ to my mother in law“, sagt Koming lächelnd zu uns, und winkt Richtung Meereshorizont.

Aber so schnell ist das Ganze doch noch nicht vorbei.

Nach der Zeremonie ist vor der Zeremonie

Am vierten Tag machen die Gemeindemitglieder Wallfahrten zu den wichtigsten Tempeln auf Bali. Ich fahre an diesem Tag schon sehr früh am Morgen mit Agung und seinem Neffen zum Pura Besakih, dem heiligsten Tempel Balis. Muttertempel wird er genannt, nahe dem heiligen Vulkan, dem Gunung Agung, dem Sitz der Götter, der erst gestern wieder eine Rauchsäule von sich gegeben hat. Mir ist mulmig zumute, aber Agung und sein Neffe beruhigen mich. Sei’s drum. Wir sind die ersten, die noch in Ruhe und allein zum Allerheiligsten hinaufsteigen können, zu dem ich allerdings keinen Zutritt habe.

Aber Agung fragt mich, ob ich gemeinsam mit ihm vor dem Tor meditieren möchte. Seitdem wir uns über Yoga unterhalten haben, und ich ihm erzählt habe, dass mir manchmal beim Sitzen ein Schauer über den Rücken läuft, scheint er zu denken, dass bei mir Hopfen und Malz noch nicht ganz verloren sind. Solch körperliche Reaktionen, wie ein Schauer oder eine Gänsehaut beim Meditieren, werden anscheinend als gutes Zeichen gedeutet.

Beim Abstieg sehen wir, wie die Massen (es ist die Hochzeit der Massenkremationen) den Pura Besakih erstürmen – in ihren Armen die Stellvertreterfigürchen ihrer Toten.

Am nächsten Tag besuchen wir noch einen der anderen „Reichstempel“: den Pura Ulun Danu Batur am Batur-See.

Auch hier wieder ein ähnliches Bild. Die Familien bringen die Stellvertreter-Figuren ihrer Verstorbenen zum Tempel, um begleitet von Hohepriesterin und -priester mit schöner Aussicht auf den Batur-See für das Gelingen deren Wiedergeburt zu beten.

„Jam caret“, so habe ich gelernt, bedeutet auf Balinesisch „Gummizeit“. Der Begriff steht für eine Eigenzeit, die nichts mit der Chronologie der Uhr zu tun hat, sondern mit einem gedehnten oder eben verkürzten subjektiven Zeitempfinden. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass während der hochkomplexen Zeremonie jedes einzelne Ritual so pünktlich beginnt. Alle Uhrzeiten, die mir für den Beginn eines jeweiligen zeremoniellen Schritts angekündigt wurden, waren bis auf eine halbe Stunde verbindlich. Ein ausgeklügelter Zeitplan hing am Eingang der petak (des Zeremonienplatzes) aus. Dewa hat ihn in endlosen Excel-Tabellen erfasst, bei deren Ansicht mein Hirn – wie sollte es bei diesem mir so verhassten, denkbar unästhetischen Programm auch anders sein – sofort in eine trotzige Verweigerungshaltung fällt.

Meine „Jam caret“ hat sich verkürzt. Die letzten vier Tage scheinen mir zu einem einzigen verschmolzen zu sein. Als wir vom Pura Besakih zurückkommen, merke ich mit einem Mal meine Müdigkeit und wanke die letzten Schritte zum Homestay ins Bett. Morgen kommt Chris zurück. Ich weiß nicht, ob ich all das, was ich gesehen habe, was sich mir eingebrannt hat, in drei Tagen erzählen kann. Wir werden „Jam caret“ brauchen.