DER KÖRPER ALS TEMPEL — oder „Lächle, auch mit Leber“. BALINESISCHE KÖRPERBILDER und Eat-Pray-Love-Hollywood-Kult

Der menschliche Körper (balinesisch: „buana alii“: «Kleine Welt») wird von gläubigen Balines*innen als Ebenbild des Universums bzw. der Welt („buana agung“: «Große Welt») angesehen. Auch in Bezug auf den Körper greift hier also ein Denken, dass Makro- und Mikrokosmos miteinander in Analogie setzt. Diese Vorstellung folgt einer Topographie des Körpers, die den Sitz der Organe im Körper mit der Anordnung der wichtigsten Tempel auf Bali und schließlich mit den jeweiligen Verortungen der Götter parallelisiert.

Galle (amcm)

Nieren (ungsilan) tumpuking au (s.u.) Herz (papasuh)

Leber (Mi)

Dies ist der Sitzplatz der fünf Götter im menschlichen Körper. „Tumpuking au“ meint „oberhalb der Leber“. Wahrscheinlich bezieht man sich mit diesem Begriff auf den Solarplexus. Dort stellt man sich den Sitz von Shiva vor. Die Galle wird Wisnu zugeordnet, Brahma die Leber, Mahadewa die Nieren, Iswara das Herz.
Es gibt auch noch eine neunteilige Topographie, in der dann auch z.B. die Milz und die Gedärme weiteren Göttern zugeordnet werden.

Zentral für die spirituelle Vorstellungswelt von gläubigen Balines*innen ist der Glaube an vier Geistergeschwister, die mit jedem Menschen auf die Welt kommen und ihn nicht nur zu Lebzeiten, sondern auch nach dem Tod begleiten. Im Falle von Männern sind es vier Brüdern. Im Falle von Frauen vier Schwestern. Je nachdem wie der einzelne seine vier Geschwistern behandelt, bringen sie ihm Nutzen oder schaden ihm.

Albert Leemanns Aufsatz „Zeremonien im Lebenslauf der Balinesen“ (in: Geographica Helvetica 4/1992, S. 155-166) gibt weitere Hintergrundinformationen:

„Balinesen erzählen, daß sich ein Kind im Mutterleib so wohlgeborgen und glücklich fühle, daß es gar kein Verlangen spüre, diesen zu verlassen. Dessen sei sich der Gott der Kleinkinder (Sang Hyang Rare Kumara) bewußt geworden und hätte deshalb dem Säugling versprochen, ihm vier Begleiter zur Seite zu stellen: Beim Eintritt ins Leben würde ihm das Fruchtwasser die Türe öffnen, Blut und Fettschicht (vernix caseosa) würden ihn zur Linken und Rechten schützen, und die Plazenta würde «von hinten stoßen» (anandakusuma 1986: 25 f.). Unter diesen Vier Geschwistern ist die Nachgeburt das bedeutendste und ersetzt in vielen Gedenkfeiern stellvertretend auch die drei anderen. Nach der Geburt wird die Plazenta sorgfältig gewaschen, in wohlriechendem Wasser gespült und zusammen mit einem Blumengebinde und chinesischen Lochmünzen als Ritualgeld sowie Fasern der Arengasaccharifera in ein weißes Tuch gehüllt und in eine zweigeteilte Kokosnuß gelegt. Mittels magischer Formeln werden die Vier Geschwister beschworen, ihren Platz zu wechseln, vom Fruchtwasser in die Galle, von der Vernix caseosa ins Herz, vom Blut in die Leber und vom Mutterkuchen in die Milz. Mitsamt Inhalt wird die Kokosnuß vor der Türe zum Haus der Geburt begraben: links davon, wenn das Neugeborene ein Mädchen ist, rechts davon im Falle eines Knaben.“

Dewa erzählt mir während der Kremationszeremonie auch von seinen vier Brüdern. Sie würden auch bei der Wiedergeburt eine wichtige Rolle spielen, denn sie seien so etwas wie die Chronisten der guten und auch der schlechten Taten eines Menschen.

Dewa ist es auch, der Chris und mich zu einem Heiler schicken will, auf den er große Stücke hält. Jede*r, so kommt es mir vor, schwört hier auf einen Heiler oder eine Heilerin.

Ich erzähle Dewa von einer Begegnung der besonderen Art, die ich vor ein paar Tagen bei einer meiner Wanderungen in den kleinen Vororten von Ubud hatte. Vor einem der Häuser wies ein Schild auf „Balinese Healing“ hin. Da das Tor aufstand, und eine junge Frau mir freundlich zulächelte und mich reinwinkte, packte mich die Neugier und ich fragte, ob ich mich mal umschauen dürfe.

„Ja, ja, komm herein“. Eine ältere Frau kommt auf mich zu und gibt mir eine Kostprobe von ihren Fähigkeiten, den Körper zu lesen. Ich bin ziemlich perplex. Zum Ende unseres Gesprächs fragt sie mich, wie ich sie denn gefunden hätte. Ich antworte verdutzt, dass ich sie doch gar nicht gesucht hätte. Das erstaunt sie: „Dann kennst Du mich gar nicht? Ich bin doch Wayan aus dem Buch“.

„Welches Buch?“ Ungläubiges Lächeln ihrerseits.

Mit „dem Buch“ meint man in Ubud „Eat Pray Love“. Kennt Ihr das Buch von Elizabeth Gilbert oder den Film mit Julia Roberts? Es ist in den großen Yoga-Zentren für Tourist*innen auf Bali ein unglaublicher Hype. Zurück zu Hause, finde ich in meiner Stadtbibliotheks-App das Hörbuch. Seltsame Erfahrung, Wayan nun als Romanfigur kennenzulernen. Die junge Frau, die mir anfangs entgegen kam und mich hereinwinkte, war übrigens Wayans Tochter Tuti. Sie heißt wirklich so.

By the way: Wen wundert’s? Auch der postmoderne „Bildungsroman“ ‚Eat Pray Love‘ folgt der dreigeteilten Struktur der Übergangsriten, die in den westlichen Gesellschaften zwar kaum noch bewusst gelebt, aber in Literatur und Film übergegangen ist und somit immerhin noch die Struktur bestimmt, in der Geschichten und Erzählungen über das Leben erzählt werden. Roman und Film von ‚Eat-Pray-Love‘ gliedern sich in Ablösungsphase (Italien-Eat), problematische, aber zu bestehende Schwellenphase (Indien-Pray) und Phase der (Re-)Integration in eine andere, neue Ordnung des Lebens (Bali-Love). Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Der für mich strahlendste Satz, der allein es vielleicht lohnen mag, das Buch zu lesen, kommt mir nach dem, was ich inzwischen über das balinesische Körperbild erfahren habe, zwar immer noch brilliant, aber nicht mehr ganz so erstaunlich vor: „Lächle — auch mit Leber“, so lautet die Meditationsanleitung des alten Heilers für die Protagonistin.