Von (Wieder-)Geburt, animalischen Kindshaaren und jugendlich-leidenschaftlichen Zähnen. Weitere Übergangsriten im balinesischen Lebenslauf

23. AUGUST 2018

Im Anschluss an die Kremationszeremonie, die ich besuchen durfte, hat die Banjar – wieder aus Gründen der Ökonomie und Effizienz, wie man mir versicherte – gleich noch die Zeremonie des hohepriesterlichen Haareschneidens bei den Kindern und die Zahnfeilungszeremonie, mit der die Schwelle vom Jugendlichen zum Erwachsenen überschritten wird, angeschlossen. Der Zeremonienplatz war schließlich schon dekoriert, der Hohepriester war bezahlt und genügend Kinder und Jugendliche auch vorhanden. Klar, Opfergaben mussten noch wieder neu herangeschleppt werden.

Man nimmt es mit dem Alter, in dem Kinder und Jugendliche die Zeremonien zu vollziehen haben, anscheinend nicht mehr so genau. Ökonomie und Effizienz scheinen in der Werteskala in den letzten Jahren also stark gestiegen zu sein.

Die ethnologische Forschung unterscheidet zwei Zyklen von Übergangsriten im balinesischen Lebenslauf. Der erste Zyklus „manusa yadnya“ umfasst die Zeitspanne vom Fötus bis zur Verheiratung. Während dieser Zeit sind die Eltern für die Einhaltung und Durchführung der jeweiligen Reinigungssrituale zum Übergang in die nächste Lebensstufe verantwortlich.

Nach der Vermählung ihrer Söhne und Töchter sind Mutter und Vater der rituellen Sorgepflicht diesen gegenüber enthoben. Von diesem Zeitpunkt beginnt der zweite Zyklus, in dem es der nachrückenden Generation obliegt, die Fürsorge um ihre alternden Eltern zu übernehmen und nach deren Ableben die Purifikationsrituale der Kremation bestmöglichst durchzuführen, damit einer guten Wiedergeburt der Verstorbenen nichts im Wege steht.

Die Übergangsriten unterscheiden sich also danach, welche Generation jeweils für ihre ordnungs-, d.h. auf Bali „adatgemäße“ Durchführung verantwortlich ist. Bei den meisten Zeremonien geht es um Purifikation, also um Reinigung. Dazu braucht es nicht nur Unmengen von Weihwasser, sondern auch komplizierte Zeremonien.
Nach balinesisch-hinduistischer Vorstellung teilt sich der Lebenslauf grob in drei Phasen: Kindheit/ Jugend sowie das Alter gelten als die beiden ‚reineren‘ Phasen, und stehen deshalb hoch auf der Werteskala. Auf der untersten Stufe der Reinheit sind die verheirateten Erwachsenen angesiedelt.

Frauen gelten zur Zeit ihrer Menstruation – wie in vielen Religionen – als besonders unrein und dürfen während dieser Zeit keinen Tempel betreten. Allgemein sind erwachsene Balinesinnen von den Tempeltänzen ausgeschlossen. Erst mit Beginn der Menopause dürfen sie wieder im Tempel tanzen. (Vlg. Anette Rein: Von Reinheit, Zähnen und anderen Leidenschaften auf Bali, ) Hier ein Bild von einer Tanzaufführung, die allerdings nicht in eine Tempel stattgefunden hat.

Diese Einteilung und Wertschätzung von Lebensphasen nach „Reinheitskriterien“ konterkariert westliche Vorstellungen von einer Lebenstreppe, in denen die höchste Stufe zur Lebensmitte erreicht wird, Kindheit/Jugend vorher als Aufstieg und das Alter entsprechend als Abstieg und Verfall gewertet werden.

Die Sequenz der Übergangsriten von Heirat und Geburt bis zum Erwachsenwerden des Kindes umfasst nach Albert Leemanns Aufsatz „Zeremonien im Lebenslauf der Balinesen“ (in: Geographica Helvetica 4/1992, S. 155-166):
(1) Heirat (masakapan)
(2) Schwangerschaft (magedong-gedongan)
(3) Geburt
(4) Nabelschnurabfall (kepus puser)
(5) Zwölftagefeier (ngrorasin)
(6) 42-Tage-Feier (tutug kambuhan)
(7) Dreimonatsfeier (105-Tage-Feier: nelubulanin)
(8) erster Geburtstag (210-Tage-Feier: ngotonin)
(9) erstes Zahnen (ngempugin)
(10) erster Milchzahnausfall (maketus)
(11) Durchlochen der Ohrläppchen
(12) Erwachsen werden (munggah deha/ieruni)
(13) Zahnfeilung (mapandes).

Als seien die Zeremonien selbst nicht genug, werden die einzelnen Etappen und Übergänge des Lebenslaufes auch noch tausendfach in der bildenden Kunst und im Tanz erinnert.

Die Gemäldegattung, die die zu durchlaufenden Etappen und Phasen des Lebenslaufes, jeweils akurat in einzelnen Bildern im Bild eingekastelt, darstellt, heißt Lelintangan.

Hier seht Ihr ein Foto vom Taruna Jaya Tanz, der die wechselnden Stimmungen der Jugend zum Ausdruck bringen soll.

Übergangsriten in der Kindheit

Anette Rein beschreibt in ihrem Aufsatz: „Nach balinesischer Vorstellung reinkarniert sich eine Seele idealerweise in der vierten Generation ihrer Familie väterlicherseits. Auf dem gefährlichen Weg der Reinkarnation wird eine Seele nicht nur von ihren vier spirituellen Geschwistern begleitet, sondern beide Elternteile müssen nach der Feststellung einer Schwangerschaft bestimmte Vorsichtsmaßnahmen einhalten, damit sich die Seele im Körper verfestigen kann. Ein Neugeborenes wird wie ein Wesen betrachtet, das in spiritueller Perspektive noch stark in der anderen Wirklichkeit verhaftet ist und erst langsam, in verschiedenen Etappen, die sich über Jahrzehnte hinziehen können, auf der Erde, in der alltäglichen Wirklichkeit, ankommen wird. Die Nähe des Kindes zur anderen Wirklichkeit und seine Identifikation mit einem göttlichen Wesen machen es sinnvoll, dass der Umgang mit ihm ein sehr behutsamer sein sollte. Ein plötzliches Erschrecken oder Misshandlungen könnten die Seele wieder verjagen.“

Bis zur 105-Tage-Zeremonie, darf das Baby mit seinen Füßen nicht den Boden berühren. Es muss also bis zu diesem Zeitpunkt von seinen Eltern immer getragen werden. Und tatsächlich sehe ich das Baby der Familie, die uns in Ubud beherbergt, niemals auf dem Boden sitzen. Immer wird es von jemandem getragen und auf den Armen hin- und hergeschuckelt.

Albert Leemann beschreibt den ersten Bodenkontakt des Kindes anlässlich der 105-Tage-Zeremonie folgendermaßen: „Bis zu diesem Zeitpunkt mußte das Jüngste immer getragen werden, um es als «Ebenbild Gottes» (maraga dewa) nicht mit dem «Schmutz der Erde» in Kontakt kommen zu lassen. Zur Vorbereitung des jetzt zum «vollen Menschen» gewordenen Kindes wird Mutter Erde (Ibu Pertiwi) um Erlaubnis zur Durchführung des Bodenberührrituals gebeten, wirkt diese Göttin doch als Gegenkraft zur an und für sich chthonisch bestimmten Sphäre. Die Stelle, wo die Füße erstmals mit der Erde in Kontakt kommen, wird sorgfältig mit einem Bedawang Nala markiert, d. h. mit einer Fabelgestalt in Form einer mit einem Rüssel versehenen Schildkröte, um die sich zwei mythologische Schlangen winden. Sie symbolisiert das Fundament der Welt und findet sich z. B. auch am Sockel von Tempelschreinen.“

Die Haarschneidezeremonie, die ich miterlebe, fand wohl früher zur Dreimonatsfeier statt. Hier sind die Kinder sehr unterschiedlichen Alters.

Der Hohepriester schneidet den Kindern an drei Stellen auf dem Kopf ein paar Haare ab. Die Mütter stecken die Haare in ein Basttäschchen, was später im familiären Garten bei den „Vier Geschwistern“ der Kinder vergraben wird. Doch die „Vier Geschwister“ sind ein anderes Thema. Das Haareschneiden soll die Kinder jedenfalls vom „Animalischen“ befreien. Wilde Haare und schiefe, spitze Zähne gelten als animalisch und Zeichen für ungezügelte Triebgesteuertheit. Eine unbeherrschte Ausrichtung auf Triebe und Leidenschaften gilt es nach balinesisch-hinduistischen Harmonievorstellungen zu vermeiden. Ziel ist es hingegen, sie in Harmonie und Balance zu bringen.
Dieser Funktion,dient auch die Zahnfeilungszeremonie.

Zahnfeilungszeremonie für die Jugendlichen

Auch das Zahnfeilen hat mit dem Glauben an Wiedergeburt zu tun. Dewa erklärt mir, dass eine Seele sich nur in einem neuen menschlichen Körper reinkarnieren kann, wenn an ihrem früheren Körper die oberen Zähne glatt gefeilt wurden. Nur in diesem Fall könne eine Seele für ihre Wiedergeburt einen menschlichen von einem tierischen Körper unterscheiden.

Anette Rein beschreibt in ihrem obengenannten Aufsatz, für welche Leidenschaften die Zähne stehen und warum nur die obere Zahnreihe abgefeilt wird:

„Sowohl die oberen als auch die unteren sechs Vorderzähne gelten als Sitz verschiedener Leidenschaften, wie Verlangen, Ärger, Gier, Dummheit, Trunkenheit und Neid. Ziel der Zahnfeilung ist das Markieren der Beherrschung dieser Leidenschaften. Während nur die oberen Zähne begradigt werden, belässt man die unteren in ihrer natürlichen Form. Sie repräsentieren damit ein emotionales Potenzial, welches bewusst eingesetzt werden kann. Im Idealfall werden die Zähne bei den Mädchen nach Eintritt der Menstruation und bei den Jungen nach der Pubertät abgefeilt. Das in den Zähnen symbolisierte Kraftpotenzial wird moralisch wertfrei betrachtet, was bedeutet, dass sowohl Gottheiten als auch dämonische Kräfte mit großen, hervorstehenden Zähnen dargestellt werden können.“

Ich finde die Vorstellung, dass die Leidenschaften nicht zu „verdrängen“, sondern als emotionales Potential wertzuschätzen und zu beherrschen sind, recht spannend. Beim ersten Nachdenken jedenfalls erscheint mir diese Vorstellungswelt über Problematik und Funktion von Leidenschaften als recht komplex. Irgendwann werde ich mich mal näher mit der christlichen Vorstellung von den Todsünden beschäftigen. Das stand eh auf meiner Agenda. Kann ja nicht sein, dass ich bei der Untersuchung der Faulheit stehenbleibe. Dabei fällt mir ein: Erinnert Ihr Euch noch an die Eis-Werbung mit den Todsünden? Nichts, was nicht zu ökonomisieren wäre… nur als kleiner Exkurs gedacht:

Neid
“Pistachio icecream and nuts in the choc”
TV Spot: http://youtu.be/Szg3JCfilQY
Völlerei
“Intense chocolate ice cream double dipped in Classic and White chocolate”
TV Spot: http://youtu.be/2uDZDj6OF_E
Wollust
“Strawberry”

TV Spot: http://youtu.be/8kzMIC2XAQY
Faulheit
“Caramel”
TV Spot: http://youtu.be/t7OUfrEL7Mk
Habgier
“Golden Tiramisu ice cream with a coffee swirl enrobed in dark chocolate with amaretti inclusions”
TV Spot: http://youtu.be/OQwra8oOReo
Eitelkeit (Hochmut)
“Creamy vanilla ice cream laced with champagne”
TV Spot: http://youtu.be/R98r3vKaO2M

Rache (Zorn)
Vanilla with Fruits of Forest swirl”

TV Spot: http://youtu.be/ljFdzrqlAiM

Die katholische Kirche lief damals Sturm. Doch das nur am Rande.

Zurück zu den leidenschaftlichen Zähnen der Balines*innen.

Albert Leemanns Ausführungen dazu bieten einen noch etwas tieferen Einblick:
„Gemäß Auffassung balinesischer Hinduisten wird der Lebenswandel durch das Wechselspiel gegensätzlicher Charaktereigenschaften bestimmt, so einerseits durch gutta satwam, d. h. durch den Ruhe und Gelassenheit ausströmenden Pol der Güte, Aufrichtigkeit, Edelmut und Abgeklärtheit. Andererseits unterliegt menschliches Handeln den guna rajas tamas, wobei guna rajas dynamische Charakterzüge wie Leidenschaft, Ehrgeiz usw. umfassen und guna tö/Has aktivitätshemmende Elemente, so Passivität, Faulheit, Gleichgültigkeit usw.. beinhalten. Falls sich der Mensch auschließlich von guna rajas tamas leiten läßt, unterscheiden sich seine Charakterzüge kaum von denjenigen von Tieren oder niederweltlichen Wesen. Er kann sich von ihnen nur dann abheben, wenn er nebst dem Verlangen nach irdischen Gütern und Lebensfreude auch nach tugendsamem Lebenswandel strebt, m. a. W. auf ein sorgfältiges Ausbalancieren von uranischen und chthonischen Einflüssen bedacht ist. Als die sechs Feinde des Menschen werden genannt: sinnliche Begierde (kama), Jähzorn (krodha), Habgier (lobha), Rausch (moha), Arroganz (mada) und Mißgunst (matsarya). Sie gilt es, in der Zahnfeilzeremonie symbolisch zurückzustutzen und durch die Belassung der unteren Zähne in ihrem ursprünglichen Zustand die Ausgewogenheit zwischen aktivem, zielstrebigem Handeln einerseits und Besonnenheit andererseits im Sinne von ‚mens sana in corpore sano‘ zu versinnbildlichen.“

Spannende Angelegenheit.

Die Zahnfeilungszeremonie, an der ich beobachtend teilnehme, scheint zweigeteilt:

Erst treten die Jugendlichen eine*r nach der/dem anderen vor den Hohepriester. In einem eher symbolischen Akt klopft dieser mit einem Hämmerchen an die abzufeilenden Zähne. Danach legen sich die Jugendlichen auf eine reich geschmückte Terrasse, wo niedrigrangigere Priester die eigentliche Zahnfeilung vollziehen.

Die Jugendlichen sind unglaublich fein herausgeputzt: Sie tragen Festtagskleidung und die Haare der jungen Frauen sind zu kunstvollsten Gebilden aufgetürmt.

Während der Zeremonie selbst, bin ich neben meinem Staunen mit Mitgefühl beschäftigt. Dewa kann mir noch so oft sagen, dass nicht mehr viel abgefeilt wird und das Ganze nicht wehtut. So ganz glaube ich ihm das nicht, obwohl die Jugendlichen wirklich keinen Muchs machen. Wahrscheinlich sind sie einfach nur schrecklich tapfer, denke ich.

Lustig finde ich es, als er mich prüfend anschaut und meint: „ Na, Deine Zähne sind ja auch gefeilt.“ Ich muss lachen. „Ja, aber das habe ich als Jugendliche in mühevoller Nachtarbeit selbst gemacht.“ Ich zeige ihm mein Zähneknirschen. Er findet das gar nicht so lustig, sondern sagt nur: „too much stress“.