Ankunft in Nilambe. EINATMEN – AUSATMEN

15. SEPTEMBER 2018

Ich bin zu früh. So zumindest gibt es mir der Mann mit kahlgeschorenem Kopf, der mich empfängt, zu verstehen. „Sister, das Retreat beginnt um 13.00 Uhr. Es ist jetzt 10.“
„Ich wollte pünktlich sein“, antwortete ich brav, „und wusste nach der Beschreibung im Internet nicht, wie lang ich den Berg hinauf laufen muss.“
„O.k. Deine Wertgegenstände, Pass, Geld und so etwas kannst Du hier abgeben. Wir schließen es in den Safe. Hier sind zwei Laken, ein Kopfkissen, zwei Kerzen und Streichhölzer. Das Solarlicht funktioniert nur, wenn es nicht regnet. Es regnet jeden Tag. Und wenn es regnet, musst Du auf die Blutegel aufpassen, die dann aus dem Boden kommen. Sie sind nicht gefährlich, aber man blutet lange nach. Damit der Boden in der Meditations- und der Yogahalle nicht dreckig werden, kontrolliere bitte immer, ob an Deinen Beinen Blutegel sind. Vielleicht macht Ihr mal eine Wanderung zum Berggipfel während des Retreats. Ansonsten gibt es aber keinen Ausgang. Das ist zu Deinem Schutz. Es gibt Schlangen und Skorpione auf dem Berg, sister, take care.“

Aha. Ich trippele hinter dem Kahlgeschorenen her, der mir den Weg zu meinem „Kuti“ zeigt, meiner Klosterklause im von Blicken wohlbeschützten Frauentrakt von Nilambe. Am gegenüberliegenden Ende des Areals liegt der Männertrakt, wo wiederum die Frauen keinen Zutritt haben. Da ist mein Zimmer. Ob ich es mir mit einer anderen Teilnehmerin teilen muss, kann mein neuer ‚brother‘ mir noch nicht sagen.

Ich trete ein – und muss mich erstmal setzen. Das Zimmer wirkt feucht. Zwei schmale Betonpritschen an den Wänden. Dünne Schaumstoffmatratzen. Eine ungehobelte Holzkiste als Schrank. Die Solarlampe ziert ein Margarinendosendeckel als Lampenschirm.

Ich bin beeindruckt, um es vorsichtig auszudrücken. Unsere Zimmer in den Familien-Unterkünften in Lateinamerika ebenso wie in Indonesien und Sri Lanka waren nun wirklich nicht luxuriös, aber irgendwie schockt mich das hier doch. Luxustussi, schimpfe ich mich und schaue mir das Dusch- und Toilettenhaus an. Es wird nicht besser. Riesenspinnen in Dusche und Klo, ein Käfer im Waschbecken und an der Seite eine verschmierte Seife. Mir wird mulmig.
Doch dann erwacht mein Kämpferinnengeist. Das wäre doch wohl gelacht. Wie viele Campingplätze, auf denen ich früher mein Zelt aufgeschlagen habe, waren schlimmer. Dort stehen Besen, Schrubber und Eimer. Ich mache mich ans Werk, putze und richte mein Zimmer ein. Mit dem wunderbaren Citronella-Öl, das ich seit Bali immer bei mir habe, verfliegt der etwas modrige Geruch. Das Moskitonetz, das ich auf allen Reisen mitgeschleppt habe, ist endlich zu etwas nütze. Dann — auf einmal — sieht alles anders aus:

Ich habe vor meinem Zimmer eine Terrasse mit Schreibtisch. Ich schaue ins Grüne auf für mich exotische Pflanzen. Die Luft ist klar und frisch. Neben mir, vor der Terrasse tropft und gluckert ein Wasserstrahl, der wohl direkt aus den Bergen kommt, sein leises Lied.

Ich setze mich hin und lese über den „Rhythmus von Nilambe“.

Es kann losgehen.

Da trudeln auch schon die anderen Meditationsschüler*innen ein, beziehen ihre Hütten, grüßen mit einem Winken und einem Lächeln.
Hier klingt kein Om. Die ganze Zeit über herrscht auf dem gesamten Gelände „noble silence“. Ich war gespannt auf mich, wie sich das Schweigen anfühlt und hatte mit weniger angenehmen Gefühlen gerechnet.
Aber: Das Gegenteil ist der Fall. Ich fühle mich frei und nicht „verantwortlich“. Interessant. Hätte ich sprechen dürfen, hätte ich mich mit Sicherheit um meine Zimmernachbarin „gekümmert“, die mir ähnlich verunsichert erscheint wie ich zu Beginn. Ich hätte nach aufmunternden Worten gesucht und — wäre einmal mehr nicht bei mir, sondern bei anderen gewesen. Mein NTV-Börsentickerlaufband mit der Frage „Bin ich bei mir oder bin ich bei anderen?“ sollte ich auch hier einschalten, aber das Schweigen macht es mir leichter.

Durch das „edle Schweigen“ in Nilambe komme ich jedoch erst gar nicht auf den Gedanken, irgendwen anders statt mich selbst emotional „ausgleichen“ zu wollen. Na, gar nicht, stimmt nicht ganz. Aber viel seltener.
Das Retreat beginnt. Eine Stunde meditieren. Einzige Aufgabe: Auf das Einatmen und das Ausatmen achten. Falls Gedanken, Gefühle oder Körperempfindungen ablenken, sacht wieder zurück zum Atem kommen. Ich sitze im Schneidersitz. Nach gefühlten 5 Minuten beginnen meine Hüften zu schmerzen. Gemeiner Hüftöffner. „Da sitzen Deine Gefühle“, sagt meine Yogalehrerin. Ich dachte, ich hätte die Hüfte inzwischen durch meine allmorgendlichen Yoga-Übungen genügend gedehnt. Wut steigt in mir auf. Meine Gedanken sind längst mit mir durchgebrannt. Ich bin längst nicht mehr auf Sri Lanka, sondern in der Gerontopsychiatrie, in der Uni, beim Yoga, bei Freundinnen und Freunden. Zurück. Ich beginne die Atemzüge zu zählen und wie in den Pranayama-Übungen des Yoga meinen Atem zu kontrollieren. Das funktioniert eine Weile. Dann halte ich die Hüftschmerzen nicht mehr aus und wechsele die Sitzhaltung. Dann noch einmal… dann noch einmal… Irgendwann entspanne ich und atme und beobachte meinen Atem. Als meine Gedanken gerade wieder endlose Girlanden zu knüpfen beginnen, an denen ich mich wie die Äffchen, die draußen vor der Meditationshalle in den Bäumen rumturnen, Richtung Heimat, Richtung Vergangenheit, Richtung Kindheit hangele, lässt unser Meditationslehrer die Klangschale tönen. Zurück in der Gegenwart.