Atmenbeobachten im DREI-SCHRITT

Nilambe, 16. SEPTEMBER 2018

Dieser Tag ist dem Drei-Schritt gewidmet. Unser Meditationslehrer erläutert: Beim Atmen und auch beim Gehen geht es heute darum, nicht mehr nur auf das Ein- und Ausatmen bzw. den rechten und den linken Fuß zu achten, sondern auf jeweils drei Phasen: Einatmen, Ausatmen und jeweils die Pause dazwischen. Beim Gehen analog dazu: Lösen des Fußes vom Boden, Weg in der Luft, Aufsetzen des Fußes.
Da begegnet sie mir also wieder: die Dreiteilung, denke ich – und beobachte mich beim Denken. Dreigeteilt jeder Atemzug, jeder Schritt: wie ein Übergangsritual. Ablösephase, Schwellenphase, Re-Integration auf neuer Ebene. Jeder Schritt, jeder Atemzug: ein Übergang. Wackelig, verletzlich und angreifbar scheint mir jeweils der mittlere Teil, die Schwellen-Phase, mit dem Fuß in der Luft auf einem Bein balancierend. Auch beim Atmen bilden die Pausen meine Schwellenphasen des „betwixt and between“. Ich könnte ja auch anders zählen, denke ich. Mit der Pause beginnen. Nein. Die Pause zwischen Ein- und Ausatmen fällt mir leichter als die zwischen Aus- und Einatmen. Letztere löst manchmal ein Gefühl von Hektik in mir aus: Luft, ich brauche Luft, als ob ich nicht genug von ihr bekommen würde, als ob nicht genug Sauerstoff für mich da wäre. Gieriges Einatmen.

Die Pause nach dem Einatmen jedoch schenkt mir häufig ein Gefühl von Ruhe und Gelassenheit. Dann folgt ein langes und wohliges Ausatmen. Meine Einatemzüge sind oft kürzer, gepresster. Über das Ein- und Ausatmen lohne es zu meditieren, sagte unser Lehrer. Ob wir uns schon mal Gedanken über die Frage gemacht hätten, ob unser letzter Atemzug wohl eine Einatmung oder eine Ausatmung sein wird. Nein, habe ich noch nicht. Diese Frage begleitet mich jetzt.

Ich halte es mit dem Ausatmen. Um das Einatmen ruhiger werden zu lassen, greife ich auf Pranayama-Yoga-Atemtechniken zurück und beginne zu zählen, wie lange ich einatme, versuche über das Zählen das Ein- und Ausatmen gleichlang andauern zu lassen. Begriffe wie „Machtsensibilität“, „Selbstoptimierung“, „Disziplinierung“, „Gouvernementalität“ kommen mir in den Sinn. Stop.
Ich versuche, keinen Einfluss nehmen. Beim Beobachten des Atems zu bleiben. Wie schwer mir das fällt. Immer zurückgreifend auf das Gewohnte, Bekannte: Selbst-Wirksam sein. Und weg bin ich — mit meinen Gedanken, von Baum zu Baum hangeln sie mit mir, Kapriolen schlagend, runter, rauf, Gesprächsfetzen im Kopf. Die Uni: Keine Zeit mehr zum Beobachten, Erkunden und gelassenen Schreiben gehabt, nur noch Organisieren, Krisenmodus, Geschwindigkeit, Problemlösung, nächste Krise. Von wegen: Forschen in Einsamkeit und Freiheit, sine ira et studio – ohne Zorn und Eifer. Freie Lehre. Leerzeichen.

Und da kommt sie: die Wut. Herzklopfen, schneller Atem, Angst. Stopp. Wo bin ich? Nilambe. Das war ein Zeitloch, durch das ich gerutscht bin. Zurück zum Beobachtungsmodus. Von vorn. Beim Atem bleiben. Ein – Pause – Aus – Pause – Ein…
Drei-Schritt.
Als der Gong nach einer Stunde erklingt, lese ich das Schild hinter mir am Fenster, auf dem in Schönschrift steht: „It is impossible to be hurt except through your own thoughts.“
Na, ich weiß nicht. Extrem-Konstruktivismus. Aber dass es noch heute weh tut… da mögen sie Recht haben mit dem Gedanken von den selbstverletzenden Gedanken. Stop.
Ich bin froh darüber, jetzt einen Tee zu bekommen. Es ist 6.00 Uhr morgens.
So sieht der Zeitplan von Nilambe aus:
4.45 Uhr Morgengong
5.00 Uhr Morgenlesung
5.05 Uhr Sitzmeditation
6.00 Uhr Tee
6.30 Uhr Yoga
7.30 Uhr Frühstück
8.00 Uhr Arbeitsmeditation
9.30 Uhr Sitzmeditation
10.30 Uhr Gehmeditation
11.00 Uhr Dhamma-Vortrag
12.00 Uhr Mittagessen
14.00 Uhr Gehmeditation
14.30 Uhr Sitzmeditation
15.30 Uhr Tee
16.30 Uhr Sitzmeditation
17.30 Uhr Gehmeditation
18.00 Uhr Abendessen
18.45 Chanting
19.15 Uhr Sitzmeditation
20.00 Uhr Fragen und Antworten
20.45 Uhr Ausruhen

Schwerstarbeit. Glaubt es mir.

Nach dem Tee übt die Gruppe Yoga. Jede*r soll, wie gewohnt, das eigene Morgenyogaprogramm üben. Nur diejenigen, die Poweryoga oder ähnliches üben möchten, werden gebeten, dies draußen vor der Halle zu tun. Das würde die übrigen stören und außerdem hätte es mit Yoga nichts zu tun. Meine Yogalehrerin wäre begeistert. Wir sollen uns auch beim Yoga ganz vom Atem leiten lassen. Der Atem führe die Bewegung an. Ich genieße.

Zum Frühstück gibt’s Gemüse-Curry mit Reis. Danach Jackfrüchte. Und wieder diesen köstlichen Sri Lanka-Tee mit Milch. Gestärkt für die Arbeitsmeditation hoffe ich inbrünstig, zum Küchendienst eingeteilt zu werden. Das wäre ein Traum. Doch der geht nicht ganz auf. Ich werde in der nächsten Woche für die Sauberkeit des Speiseraums und der Spülbecken sowie die Müllentsorgung verantwortlich sein. Ich soll mir die anderthalb Stunden gut einteilen, so der Rat. Fertig werden könne ich sowieso nicht. Das wäre mit jeder Arbeit so, aber ich könne in der gegebenen Zeit meine Arbeit so gut wie möglich machen. Und dann morgen weitermachen. Das würde auch völlig reichen.

Ich überlege, was das Notwendigste ist. Spülbecken putzen, Tisch abwischen, Boden fegen und Wischen. Kompost wegbringen. Wenn noch Zeit bleibt, könnte ich noch das Papier verbrennen. Das Plastikgitter zum Geschirrabtropfen starrt vor Dreck. Das nehme ich mir auch noch vor. Ich könnte die Kacheln hinter dem Spülbecker wienern. Stop. Viel zu viel vorgenommen.

Langsam und aufmerksam beginne ich mit den Spülbecken, staune über die Ergiebigkeit der Kernseife, kämpfe danach mit dem Palmwedelbesen und arbeite mich Kachel für Kachel vor, bilde Häufchen, in jeder Ecke eines. Langsam. Atmen nicht vergessen. Wischen. Wo zum Teufel bekomme ich heißes Wasser? Es regnet doch nicht. Die Solaranlage müsste also funktionieren. Ich frage. Mit den Mönchen darf ich bei Fragen sprechen, die edle Stille brechen. Es gibt nur einen Wasserhahn mit heißem Wasser. Nicht vergessen, immer die Tür zum Speiseraum zu schließen. Die Affen wären so frech und würden sonst schnell den gesamten Speiseraum verwüsten. Ich schaffe es, noch zu wischen. Dann klingt der Gong, der uns zur nächsten Sitzmeditation ruft.

Mein Atem rast. Es geht weiter um den Drei-Schritt. Ein – Pause – Aus – Pause – Ein… die Drei gefällt mir. Ich werte. Das merke ich noch. Dann verliere ich mich in meinen Gedankengirlanden.

Gegenüber der Zwei war ich immer misstrauisch. Die Fallen des dualistischen Denkens zählten zu meinen wiederkehrenden wissenschaftlichen Themen. Die theoretische Beschäftigung mit Ambivalenz rührt daher.

Atmen. Ein – Pause – Aus – Pause – Ein… Zählen der Atemzüge. Vorwärts, rückwärts. Klappt nicht. Die Gedanken sind stärker. Stop. Visualisieren wäre besser für diejenigen, die Zahlen nicht mögen. Ich sehe die feingemaserten Blätter der Pflanze vor meinem Zimmer vor mir. Nehme mir ein Blatt und streiche in Gedanken mit den Fingern außen am rechten Rand des Blattes bis zur Spitze entlang: Ein. Ich erreiche die Spitze: Pause. Und gleite langsam mit meinem Finger am linken Rand wieder hinunter: Aus. Ich erreiche den Stiel des Blattes: Pause.

Das klappt. Eine Weile.

Dann bleibe ich am Begriff der Ambivalenz hängen. Wie wichtig es mir war, ihn von „Bivalenz“ abzugrenzen. Bivalenz habe ich als hierarchische Zweiwertigkeit definiert, wo also scheinbar immer schon klar ist, welcher Term besser bewertet wird: Alt – jung, schwarz – weiß, weiblich – männlich etc. etc. Den Begriff der Ambivalenz wollte ich als „Doppelwertigkeit“ retten, in der zumindest die hierarchisierenden Wertungen außer Kraft gesetzt werden, um so eventuell der Möglichkeit der Dekonstruktion, der reiterierenden Neueinschreibung, der Wiederholung mit Differenz Raum zu geben. So meine Theorie.

Aber es hängt in meiner Praxis nicht nur an vermeintlichen Wertungen. Die Wertungen sind so tief, dass sie längst zu fest verwurzelten Gefühlen geworden sind. Einer der beiden Pole darf vom Gefühl her gar nicht da sein. Er muss verdrängt, weggedrängt, zugunsten der Eindeutigkeit, zugunsten der Identität vernichtet werden. Es ist bereits viel gewonnen, wenn beide Pole da sein dürfen. In der Art: „Ah, da ist etwas in mir, das… und ach, da ist auch noch etwas, das…“ Beides gleichberechtigt da sein zu lassen, ist ein Weg der Ambivalenzbewältigung. Das habe ich durch die Methode des Focusing gelernt (vgl. https://focusingresources.com/germanstandingit/). Eine gute Methode für mich. Und ein Satz von Eugene Gendlin, dem Begründer des Focusing, ist für mich wichtig geworden: Wenn es schwer ist, eine Entscheidung zwischen zwei Wegen zu fällen, sind möglicherweise beide Wege für dich falsch.
Tertium datur. Ein dritter Weg ist möglich. Welchen Weg gehe ich, wenn meine Auszeit vorüber ist? Mir wird ganz anders. Zurück zum Atem. Ein. Pause. Aus. Die Klangschale ertönt.

Am Abend beginnt während des Abendtalks eine Diskussion über Positionen des Buddhismus. Engagierte junge Studierende um mich herum. Philosophisch interessiert. Die würde ich gern unterrichten, denke ich. Spannende Fragen mit Lust an der Diskussion. Aber der Meditationslehrer bricht irgendwann die Diskussion ab. Theoretische und metaphysische Fragen seien ganz interessant, aber würden eigentlich nur dazu dienen, den Geist beschäftigt zu halten. Ob wir keine Fragen zur praktischen Anwendung hätten. Darum ginge es seiner Ansicht nach. Man könne den Buddhismus als Wissenschaft oder als Religion sehen. Ihm ginge es um die Praxis, und das sei die Meditation. Die könne man auch wissenschaftlich sehen, wenn man wolle. Wie ein Experiment. Interessanter didaktischer Schachzug, denke ich.