Anhaften. Vom Unausweichlichen: Leiden, Altern, Tod

Ich wache vor dem Morgen-Gong auf und fühle mich ausgeruht. Klare Sicht: Keine morgendlichen schwarzen Nebelwolken. Karl hat mich ruhig schlafen lassen. „Karl“, so habe ich meinen Mitbewohner getauft: Karl, der Käfer, seines Zeichens Kakerlake. Nachdem gestern Abend unser beider Wettkampf im Aus-dem-Zimmer-Schmeißen unentschieden ausging und wir uns beide uns nach dem Match in wahrscheinlich ähnlich aufgeregtem Zustand befanden – ich mit angezogenen Beinen auf dem Bett sitzend, Karl in der Dunkelheit unter dem Schränkchen trappelnd – habe ich beschlossen, Frieden mit ihm zu schließen. Als Dank hörte ich kein noch so leises Käfer-Trappeln in der Nacht.
Morgens geht es weiter. Wir bleiben bei der Technik der Samatha-Meditation. Diese Meditationsart wird auch Geistesruhe-Meditation genannt wird, weil sich der/die Übende auf ein einziges Objekt, in unserem Fall auf den Atem konzentriert.
Heute sollen wir den Atem noch differenzierter wahrnehmen, indem wir auf fünf Phasen achten. Die Pausen sowie jeweils Beginn, Mitte und Ende der Ein- und Ausatmung. Analog dazu sollen wir bei der Gehmeditation ebenfalls auf fünf Phasen eines einzelnen Schrittes achten.
Ich denke an die Phaseneinteilung der Übergangsrituale. Je differenzierter man schaut, umso kleinteiliger erscheint die Struktur einer Zeremonie. Die grobe Einteilung in drei Phasen lässt sich zwar in sehr vielen kulturell geregelten Prozessen wiederfinden, aber sobald der Blick differenzierter wird, das Mikroskop schärfer gestellt wird, erscheint die Dreiteilung viel zu grob und statt ihrer werden immer feinere Strukturen sichtbar.
Der Vortrag heute morgen handelt von den fünf Hindernissen der Zufriedenheit: dem klaren, ruhigen See unserer Seele. Dominiere die Begierde oder auch die Abhängigkeit von der Erfüllung von Bedürfnissen, könne kein See der Welt den Durst stillen. Der Ärger lasse das Wasser des Sees kochen bis Blasen aufsteigen. Die Ruhelosigkeit sei der Wind, der das Wasser aufpeitscht. Die Faulheit bedecke die Seeoberfläche mit Schlingpflanzen. So könne man nicht auf den Grund sehen. Das schwierigste Hindernis für Zufriedenheit aber sei der Zweifel: trübes Wasser in einer dunklen Höhle. Wenn aber die Zweifel überwunden wären, dann wäre ein großer Schritt geschafft.

Um diesen Schritt zu gehen, gebe es fünf Freunde, die ihre Hilfe anbieten: die fünf Stärken. Ihre Namen seien mindfulness (den englischen Begriff für „Achtsamkeit“ finde ich „geistvoller“), Konzentration, Disziplin, Vertrauen und Weisheit.
Mit ihrer Hilfe könne Einsicht in die vier edlen Weisheiten gewonnen werden.
Allein die erste edle Wahrheit (dukkha) hat es in sich: „Das Leben im Daseinskreislauf ist leidvoll: Geburt ist Leiden, Altern ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Tod ist Leiden; Kummer, Lamentieren, Schmerz und Verzweiflung sind Leiden. Gesellschaft mit dem Ungeliebten ist Leiden, das Gewünschte nicht zu bekommen ist Leiden. Kurz, die fünf Anhaftungen sind Leiden.“
Unausweichlich sei das Leiden, das Altern und der Tod. Die einzige Möglichkeit sei es, sich dieses Unausweichliche und den Grund des Leidens bis zur Neige anzuschauen und die Anhaftungen loszulassen.
Spätestens hier verwickele ich mich wieder in meinen Gedankengirlanden. Dieses Mal hangele ich mich von der Gerontologie zur Geragogik, von einer Tagung zur anderen. Was für ein anderer Umgang mit dem Altern findet sich im Buddhismus, diametral entgegengesetzt zu den Aktivitäts- und Produktivitätsideologien der westlichen Gerontologie. Spannend. In Gedanken schreibe ich schon die ersten Sätze eines zukünftigen Vortrags. Stop.
Nicht abschweifen. Es geht weiter mit den „fünf Anhaftungen“.
Erstens das sinnliche Anhaften, z.B. an die Lust.
Ertappt.
Zweitens das Anhaften an feste Ansichten und Meinungen.
Jepp.
Drittens das Anhaften an Riten und Regeln sowie viertens das Anhaften an feste Gewohnheiten.
Touchée.
Fünftens das Anhaften am Glauben an eine feste Persönlichkeit und die Annahme es gebe darin einen festen, unveränderlichen Wesenskern, ein „Ich“.
Schon wieder erwischt. Und weg bin ich in Gedanken. Wie viel Kritik an subjekt- und identitätstheoretischen Ansätzen habe ich in Seminaren, Konferenzen und Aufsätzen geäußert, wie viele Diskussionen darüber geführt und doch sitzt diese Vorstellung so tief in mir. Das also wäre eine Anhaftung, interessant. Nicht ein einziges Mal ist mir in all den Jahren der Beachäftigung mit der subjektkritischen Theoriebildung die buddhistische Subjektkritik begegnet. Wissenslücke. Das darf doch wohl nicht wahr sein. Stop. Zurück.
Anhaftung bedeute, so der Lehrer, in einer „pre-conditioned manner“ zu reagieren. Un-bedingt sein. Un-bedingte Arten und Weisen von Handlungen entwickeln. Un-bedingtheit. Derridas Rede von der „Un-bedingten Universität“. Geht das? Un-bedingt sein? Stop.
„Was wir im Moment sind, ist eine Reaktion auf unsere Vergangenheit“, erläutert der Meditationslehrer. Zumeist in unbewussten Wiederholungen immer wieder re-inszeniert. Doch das Beobachten der Wiederholungsschleifen würde etwas verändern. Da erkenne ich etwas wieder: Wiederholung mit Differenz nennt der Dekonstruktivismus so etwas. „Dekonstruktion der Ambivalenz“, heißt einer meiner Aufsätze. Dass ich in einem buddhistischen Meditationszentrum in den Bergen Sri Lankas beginne, ‚meine‘ Theorie wiederzufinden. Eine Praxis dazu zu finden… ver-rückt. Ich lache in Gedanken laut auf. Wie war das mit der Annahme eines festen Wesenskerns? Anhaftungen loslassen. Stop. Atmen.
Für diejenigen, die mein theoretisches Denken interessiert, hier der Link zum Aufsatz über die Dekonstruktion der Ambivalenz: http://www.kurtluescher.de/downloads/Haller_Dekonstruktion_Ambivalenz.pdf
Anhaftungen loslassen. Theorien loslassen? Wiederholung mit Differenz? Ich übe: Ein… Aus..