Vipassana

Heute üben wir uns in Vipassana-Meditation. Sie gründet in der Samatha-Meditation (der konzentrierten Beobachtung des Atems oder eines anderen Meditationsobjekts), geht aber insofern über letztere hinaus als in ihr die Beobachtung der aufkommenden a) Körperempfindungen/Sinneswahrnehmungen b) Wertungen, c) Gefühle und d) Gedanken einbezogen wird.
In der abendländischen Philosophie unterscheiden wir gemeinhin fünf Sinne. Spätestens seit Aristoteles zählen dazu das Gehör (Ohren), der Geruch (Nase), der Geschmack (Zunge), das Sehen (Augen) und der Tastsinn (Haut).

Die fünf Sinne, Gemälde von Hans Makart aus den Jahren 1872–1879: Tastsinn, Hören, Sehen, Riechen, Schmecken.

Der Buddhismus zählt interessanter Weise noch die Gedanken als sechsten Sinn dazu! Fremde Vorstellung.

Die Methode der Vipassana-Meditation strukturiert, ausgehend von der Beobachtung des Atems, die Beobachtung der während der Meditation gegenwärtigen Sinneswahrnehmungen, die meist sofort mit einer Wertung wie „angenehm“/“unangenehm“/“neutral“ einhergehen. Auch diese Wertungen sollen beobachtet werden. Weiter: Kommen Gefühle wie Ärger, Freude, Angst zu den jeweiligen Körperempfindungen und Sinneseindrücken und ihren Wertungen auf? Auch mit diesen solle man sich nicht identifizieren, sondern im Beobachtungsmodus bleiben.

An einem Beispiel erläutert: Ich höre während der Meditation einen Vogel singen. Werte ich diesen Sinneseindruck als angenehm, unangenehm oder neutral? Was macht mein Bewusstsein mit diesem Sinneseindruck? Schließen sich Gefühle daran an? Erinnerungen, Planungen, Gedanken? Dies alles soll, möglichst strukturiert und ohne sich mit einem Gefühl oder Gedanken zu identifizieren, beobachtet werden.

Diese Art und Weise der Beobachtung erscheint mir sehr ähnlich mit der Methode des Focusing. Spannend, dass ich mir im Hochland von Sri Lanka unerwarteter Weise den Wunsch erfüllen kann, besser zu lernen, wie man allein Focusing übt. Trotz der Freude darüber: Was für ein schwieriges Unterfangen! Und zack bin ich wieder in Gedankengirlanden gefangen, hab den Beobachtungsposten ohne es zu merken (!) längst aufgegeben, habe das eigene Üben aufgegeben und bin ich dabei, didaktische Übungen für andere (!) zu entwickeln. In Gedanken schreibe ich schon diesen Blogbeitrag, den ich tatsächlich erst heute, drei Monate später, schreibe. Bin im Gespräch mit allen möglichen Menschen. Das darf doch wohl nicht wahr sein! „Bleib im Jetzt, verdammt!“, herrsche ich mich an. „Bleib bei Dir, nicht bei anderen! Du bist hier jetzt wahrlich nicht die Lehrerin! Übe erst einmal selbst, bevor Du gleich anderen irgendetwas beibringen willst.“ Die Kritikerin in mir ist in ihrem Element und fährt ordentliche Geschütze auf. Aber irgendwie gelingt es. Stop. Einatmen, Pause, Ausatmen. Mein Beobachtungsposten taucht in der Ferne aus dem wogenden Gedankenmeer auf. Mit einiger Anstrengung schwimme ich auf ihn zu. „Interessant, das mit der Neigung zur didaktischen Reduktion. Schau Dir das doch nochmal in Ruhe genauer an.“, murmelt die Beobachterin, zurück auf ihrem Posten. Die Lehrerin jubelt: „Strike“. Die gar gestrenge Kritikerin rollt zwar die Augen, aber der Hauch eines Lächelns umspielt ihre Lippen. Willy, die kleine faule Drohne in mir, stöhnt: „Wat ‚ne Plackerei!“