Kultivieren. Muster anders weben

„Kultivieren“ ist eines der Lieblingsworte des Meditationslehrers: Es gehe darum, diejenigen Verhaltensweisen und Gedanken wie in einem Garten zu kultivieren, die das Gewünschte begünstigen und diejenigen Verhaltensweisen und Gedanken zu vermeiden, die das Gewünschte verhindern. Ansonsten komme es zu Reaktionen in einer vorbestimmten, bedingten (preconditioned) Weise statt zu eigenem Agieren. Aussteigen aus dem Reagieren. Streng in der Selbstbeobachtung bleiben. Kultivierung des Agierens, so der morgendliche Einstieg in den Tag.

Der Gong erklingt. Einatmen – Ausatmen. Meine Gedankenketten setzen heute morgen fast sofort ein, gefolgt von harschen Wertungen. Ich bin skeptisch. Dann eine Woge Erinnerungen. Trauerstrudel. Angstströmungen. Ich tauche ab.

Stop. Zurück zum Atem. Ein. Aus. Doch: Tschumm, da kommt die nächste Gedankenliane, auf die ich mich schwinge. Zack, bin ich bei anderen. Bei meiner Mutter, meinem Mann, Freundinnen und Freunden, den Kolleginnen daheim und immer wieder auch bei den Menschen, die mit mir gemeinsam hier meditieren. Das gedankliche Laufband, mein persönlicher Börsenticker, mit der Dauerfrage „Bin ich bei mir oder bei anderen?“ springt zwar kurz an, aber unmittelbar danach bin ich weg, verliere mich in Vermutungen darüber, was wen warum hierhin verschlagen hat. Immmerhin: Die Empathiewellen, die mich auch hier hin und wieder zu überrollen drohen, spüre ich sofort. Und ich merke, wie und wann ich wieder beginne, andere emotional „ausgleichen“, irgendwie beruhigen, harmonisieren zu wollen.

Raus aus diesem Muster, nehme ich mir für diesen Tag vor. Aufhören mit dem ermunternden Lächeln für die vermeintlich traurige und unruhige Zimmernachbarin. Raus aus der Sitzordnung in der Meditationshalle, wo wir alle wie von selbst jeden Tag den selben Platz einnehmen. Andere Yoga-Übungen als die vertraute morgendliche Übungsabfolge. Nicht mehr so viel Blickkontakt. Es ist für heute nicht so wichtig, wie es anderen geht. Bei mir bleiben. Das kann doch nicht so schwer sein.

Der Gong erklingt. Ich war in der letzten Stunde Sitzmeditation kaum eine Minute bei meinem Atem. Meine Beine, ja meinen ganzen Körper habe ich nicht gespürt. Aber immerhin: Ich habe einen Plan für den heutigen Tag.

Und der wird anstrengend. Unglaublich, wie schwer es mir fällt, dieses Muster zu verändern, welche Gedanken mir dabei durch den Kopf gehen, mit welchen Gefühlen ich konfrontiert bin. Bei jedem Schritt in die ungewohnte Richtung revoltiert mein Gewissen. Wunders, was ich meine, anderen anzutun, wenn ich mich auf mich konzentriere. Das Außen absichern, um mich selbst zu sichern. Interessant.

Abends zum Abendessen beginnt der letzte Akt des Tages. In Vorsorge, abends nicht genug zu essen zu bekommen (im Programm war abends nur ein „Snack“ angekündigt), habe ich hartgekochte Eier mit nach Nilambe genommen. Da die Sorge vor dem Hungrigsein (auch interessant zu beobachten) sich als völlig unbegründet herausstellt, und ich außer der Kakerlake Karl nicht auch noch seine Brüder und Schwestern als Mitbewohner*innen haben möchte, stelle ich die hartgekochten Eier auf den bereits zum Abendessen gedeckten Tisch im Speiseraum. Nicht lange und es erklingt das inzwischen vertrautere „Sister!“. Eier sind nicht genehm. Es werde streng vegetarisch gegessen. Meiner zugegebener Weise etwas wortklauberischen Argumentation, dass in der vegetarischen Küche meines Wissens Eier erlaubt seien, wird kein weiteres Gehör geschenkt. Ich könne die Eier gern allein auf meinem Zimmer essen. Genervt stiefele ich ab und setze mich mit meinen Eiern, auf die ich inzwischen längst keinen Hunger mehr hatte, auf die Terrasse vor meinem Raum.

Da kommt meine Zimmernachbarin. Anscheinend gucke ich so bedröppelt auf diese Eier vor mir, dass sie anfängt zu kichern. Ich verschlucke mich glucksend, kann dem Lachkrampf keinen Einhalt mehr gebieten und lade sie hustend mit einer Geste ein, sich zu mir zu setzen und mir mit den Eiern zu helfen. Immer wieder fangen wir an zu lachen, während wir gemeinsam, inzwischen genüsslich, die hartgekochten Eier mampfen.

Wir brechen das noble Schweigen:

Ob ich geahnt hätte, dass sie während der Nachmittagsmeditation immer wieder gedacht hätte: „Eier zum Abendessen wären heute ein Traum!“?

„Nein, aber ich habe auch nicht geahnt, dass dieser Tag als Komödie enden würde. Ich habe eher mit einer Tragödie gerechnet“, kichere ich.

Das wundert sie: „Dein Lächeln ist immer so beruhigend zuversichtlich.“

Ich kann nicht aufhören zu lachen. Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?