Metta. Un-bedingte Freundlichkeit und Freundschaft

Am heutigen Tag geht es im Meditations-Retreat um Metta. Metta meint un-bedingte Freundlichkeit und Freundschaft allen fühlenden Wesen gegenüber. In der Metta-Meditation wird eine freundlich-wohlwollende Haltung geübt und die Abwesenheit von Mögen und Nicht-Mögen. Diese Art der Freundlichkeit und Freundschaft beginne zuerst bei einem selbst. Erst wenn wir sie uns selbst gegenüber kultivieren, könnten wir sie anderen geben. Der Gong, drr die Ditzmeditation einleitet, erklingt. Direkt beginnen meine Gedankengirlanden: Wie oft bin ich mir selbst gegenüber so gar nicht freundschaftlich eingestellt! Ist die un-bedingte Freundlichkeit zu mir selbst tatsächlich Bedingung für die un-bedingte Freundschaft zu anderen? Ohne Bedingungen Freundin sein? Allen gegenüber?
In welcher Relation stehen dazu meine Grenzen und Abgrenzungen? Ich beobachte meine Erinnerungsströme.

Der Meditationslehrer zitiert später Thích Nhất Hạnhs Begriff des „Inter-Seins“. Immer befänden wir uns in Relation mit anderen. Ich verliere mich in Gedanken zu diesem Begriff. Ich war meist skeptisch gegenüber den „Inter“-Begriffen, implizieren sie doch die Vorstellung eines klar abgegrenzten Zwischenraums zwischen zwei voneinander abgegrenzten „Identitäten“. Das halte ich für ein illusorisches, ja sogar für ein gefährliches ausgrenzendes Konzept, das den systemischen Verflechtungen und Netzen, in denen wir uns befinden, nicht gerecht wird. Statt Begriffe wie „interkulturell“ oder „intergenerationell“ zu benutzen, spreche ich lieber von transkulturell, transgenerationell.

Das transitorische „durch“ (trans) betont mehr als das „zwischen“ (inter) die Passage, den Übergang, die Graustufen. Stop. Lost in theories.

Zurück zum Atem. Ein. Aus.

Freundlichkeit zu mir selbst? Was machen die Schmerzen in meinen Beinen, meiner Hüfte? Beobachten. Nicht aufregen. Atmen, loslassen, entspannen. Und dann: Tatsächlich. Die Schmerzen lassen nach. Die Beine sinken tiefer ins Kissen. Der Atem wird ruhiger. So kann das gehen?

So könnte es auch mit anderen Herausforderungen gehen? Aber müssen es gleich meine schwierigsten sein, die da in meinen Kopf kommen? Zack, da war kurz Wut und schon schlägt das schlechte Gewissen zu. Stop. Atmen. Un-bedingte Freundlichkeit zu mir und anderen? Ein. Aus. Traurig. Ein. Aus. Es ist, wie es ist. Ein. Aus. Traurig. Wütend Ein. Aus.

Sitzen. ATMEN. Beobachten. Ich werde ruhiger.

Gedanken an schwierige Situationen, erscheinen mir plötzlich als gar nicht mehr ganz so problematisch.

Der lange aufgeschobene Brief an den alten Freund ist jedenfalls im Kopf innerhalb von zwei Minuten geschrieben.
Traurig. Ruhig. Anders.

Immer wieder kommen nun im Verlauf des Tages bei den weiteren Meditationen Gedanken der Dankbarkeit hoch. Meinen Partnern, Freund*innen, Eltern, Lehrer*innen gegenüber. Ich habe viel geschenkt bekommen. Im Kopf schreibe ich E-Mails, die ich in ein paar Wochen später losschicken werde.

Und ich schreibe mein Dauer-Laufband um. Auch hier raus aus der Bivalenz, der Zweiwertigkeit, dem Entweder-Oder. Statt dessen teste ich: „Bin ich sowohl bei mir als auch bei anderen?“

Trotzdem sind da auch immer wieder skeptische Gedanken.

Abends bei der Diskussion scheinen auch die anderen über die Grenzen zwischen der un-bedingten Freundlichkeit und Freundschaft mit sich selbst und anderen nachgedacht zu haben.
Der Meditationslehrer erzählt als Antwort auf unsere Fragen, wie weit man in der un-bedingten Freundlichkeit gehen sollte, eine Geschichte:

Da gibt es im Dschungel eine Kobra, die Metta-Meditation betreibt, und strebend bemüht ist, sich stets freundschaftlich zu verhalten. Aber die Menschen im Dorf haben Angst vor ihr und schmeißen Steine nach ihr. Verletzt sucht sie ihren Meditationslehrer auf, um zu fragen, was sie tun soll.

Er sagt: „Du kannst Dich aufrichten, aber nicht beißen.“

Diese Fabel wird mich von nun an begleiten.

P.S.: Das Foto vom Altar des hinduistischen Schlangen-Gottes Naga stammt nicht aus dem buddhistischen Meditationszentrum. Es ist später in Udayagiri in Südindien entstanden.