JAMMERN UND ZITTERN. DIE HEILENDE KRAFT DES ANTIKEN GRIECHISCHEN THEATERS

Eleos und phobos — Jammern und Zittern — beschreibt Aristoteles als die beiden wichtigsten heilsamen Affekte, die das Anschauen einer Tragödie auslösen soll. Sie sind zentral für die heilende Reinigung, die Katharsis, die der antiken Tragödie damals zugeschrieben wurde. Von Lessing wurden die Begriffe später in seiner Theorie der Tragödie mit Mitleid (eleos) und Furcht (phobos) übersetzt. Was für eine Beschränkung! Durch eine solche Verinnerlichung der Gefühle wird dem Therapeutikum Theater die Kraft von leiblich zum Ausdruck gebrachten Affekten ja geradezu genommen. Ich glaube, die alten Griechen hatten mit ihrer Auffassung von der heilenden Macht des Theaters eine tiefe Einsicht in Möglichkeiten der Bewältigung von Krisen. In einer Krise oder einer schwierigen Lebenspassage sind Jammern, Klagen und Zittern nach meiner Erfahrung um einiges heilsamer als ein Mitleiden, das keinem wirklich hilft und eine innere Furcht, die dem Zulassen von Trauer im Klagen, Jammern und Weinen und dem Ausdruck von Angst im Schaudern und Zittern geradezu entgegensteht. Traurigkeit und Angst wollen einen leiblichen Ausdruck finden. Weinen und Zittern zu unterdrücken hilft nichts, im Gegenteil.
In letzter Zeit scheint die therapeutische Einsicht in die Heilkraft des Zitterns auch in der westlichen Psycho- und Physiotherapie wieder zu wachsen: Es werden sogar Zitterseminare (neurogenes Zittern) zur Behandlung von physischen und psychischen Traumata angeboten. Ich habe während einer Ayurveda-Kur in Indien erfahren, wie zunächst erschreckend und beunruhigend, aber letztlich lösend Zittern sein kann. Über mein Staunen über die befreiende Wirkung am nächsten Tag lächelte der behandelnde Arzt nur wissend.

Von der Wirkung des Klagens und Weinens zeugen die griechischen Klageweiber ebenso wie die in Griechenland allgegenwärtigen traurigen Klänge der Rembetiko-Musik heute noch. Dachte ich früher, dass ich, wenn ich nur einmal anfinge zu weinen, nicht mehr aufhören würde, so lehrt dieses alte kulturelle Wissen Besseres. Die Traurigkeit löst sich durch das Weinen und Klagen. Und sie hört irgendwann auf. Auch darin waren die antiken Dramatiker klug. Nach der Tragödie schloss sich ein Satyrspiel an, ein Vorläufer der Komödie. Nicht nur das Weinen und Zittern wurde also bewusst durch Kunst angeregt, sondern auch das Lachen danach.

In Epidauros liegt das antike Theater, das mich besonders beeindruckt. Es ist eingebettet in ein dem Gott der Heilkunst Asklepios gewidmetes Heiligtum. Asklepios ist ein Sohn von Apollon, dem Gott des Lichts, der Wissenschaften und Künste. Zum Heiligtum gehört ein Apollon-Tempel und eine Abaton genannte Anlage, in der geschlafen und geträumt wurde. Historisch stellt man sich den Besuch des Asklepios-Heiligtums ungefähr so vor: Zunächst wurde eine kultische Reinigung in einem der Brunnen vollzogen. Dann wurde im Tempel dem Gott Apollon geopfert. Es folgte der Tempelschlaf im Abaton, um im Traum durch den Gott Asklepios zu erfahren, welche Heilmethode für einen selbst die geeignete ist. Im Gespräch mit einem Priester oder einer Priesterin wurde das Heilverfahren geklärt. Es gab Bäder- und Entspannungskuren, aber auch operative oder medikamentöse Verfahren. Für den Zeitraum der Therapie wohnte man im Gästehaus. Zentraler Bestandteil der Therapie war neben dem Tempelschlaf in jedem Fall der Besuch des Theaters und der Bibliothek des antiken Epidauros. Die Luft in Epidauros ist herrlich klar. Dass man hier tief schläft, glaube ich sofort.

In den Thermen von Kyllini kam noch die Behandlung mit Heilschlamm dazu.

Aber auch hier in Kyllini ist das Theater nur einige Schritte vom Heilbad entfernt.

In der modernen Kurklinik von Kyllini, unweit der verfallenden antiken Thermen, konnte ich kein Theater entdecken. Was für ein Rückschritt!