Erkenne Dich selbst – in dem Moment. Die Maxime von Delphi

„Gnothi seauton“ (altgriechisch Γνῶθι σεαυτόν) lautet die vielzitierte Formel des „Erkenne dich selbst“, die als Inschrift direkt am Eingang an einer der Säulen des Apollontempels von Delphi die Ratsuchenden spätestens ab Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. empfangen haben soll. Ein antikes Schwellenritual. Darauf zumindest lassen die Schriften der Philosophen schließen, die diese Inschrift von Delphi von Platon bis Aristoteles, von Seneca bis zu Ovid rauf und runter zitieren und auslegen. Bis heute prägt die delphische Maxime unser Denken und Tun, ist Kern aller bildungs- und subjektphilosophischen Ansätze und beeinflusst, ob bewusst oder unbewusst, unser Streben nach einem glücklichen, sinnerfüllten und selbstreflektierten Leben. Welcher Lebensratgeber in der inflationär anwachsenden Fülle der Ratgeberliteratur käme ohne ihn aus?


Atemlos vor der Schönheit der Überreste des antiken Delphi stehend, die mir fast mehr in der Landschaft und der Weite des Blicks als in der Architektur der Bauten zu liegen scheint, kommt mir dieser Spruch, der direkt am Eingang jenes Apollon-Tempels geprangt haben soll, in dem die Pythia berauscht von unterirdischen Gasen ihre rätselhaften Weissagungen an die Ratsuchenden aus allen Stadtstaaten Griechenlands verteilte, einigermaßen schlitzohrig, aber dann auch wieder äußerst weise vor. Umringt von einer Priesterschaar, die die Sprüche der Pythia politisch schlau und je nach Lage mehr oder weniger opportun zu interpretieren wusste, kann man das Orakel von Delphi vielleicht heute eher mit einer einflussreichen Stiftung vergleichen, die neben allerlei Geldgeschäften auch ihre eigene Politik verfolgte.
Bezogen auf das für seinen Lebensweg ratsuchende Individuum, beinhaltet der Rat „Erkenne Dich selbst!“ alles, was ernsthafte Ratgebende eigentlich zu raten berechtigt sind. Alles darüber Hinausgehende würde ja doch zum Übergriff tendieren. Das „Erkenne Dich selbst“ aber motiviert seit der Antike zu den unterschiedlichsten Auslegungen, die allesamt viel mehr über ihre Zeit und die Interpretierenden aussagen als über den Orakelspruch selbst.
In der Antike scheint die Forderung, sich selbst zu erkennen, vor allem auf eine Einsicht in die Begrenztheit und Verletzlichkeit des Menschen zu zielen. Man bezog sich weniger auf den einzelnen Menschen als Individuum, sondern auf sein Dasein als Gattungswesen, das im Gegensatz zu den Göttern eben durch seine Endlichkeit gekennzeichnet ist. Der Spruch sollte in dieser Auslegung vor der Überschätzung individueller Möglichkeiten, vor der Hybris, dem Über- und Hochmut warnen – im Sinne von: „Bleibe in den Dir gesetzten Grenzen.“

Der römische Philosoph Seneca liefert zu dieser Auslegung einen eindrücklichen Kommentar: „Daran erinnert uns das ‘Erkenne dich’ vom pythischen Orakel. Was ist der Mensch? Ein Gefäß, das durch jede beliebige Erschütterung, jeden beliebigen Stoß in Scherben gehen kann. Es ist kein großer Sturm nötig, um dich zu zertrümmern; wo immer du anstößt, droht dir die Auflösung. Was ist der Mensch? Ein schwacher, brüchiger, nackter Körper, von Natur aus waffenlos, fremder Hilfe bedürftig, allem Ungemach des Schicksals ausgesetzt, Futter und Beute beliebiger wilder Tiere, mag er seine Arme noch so sehr geübt haben; aus unbeständigen und weichen Teilen zusammengefügt, nur in den äußeren Umrissen ansehnlich, gegen Kälte, Hitze und Anstrengung empfindlich, aber umgekehrt gerade durch Ruhe und Nichtstun in Gefahr, in Verwesung überzugehen, … von einem ängstlich aufgeregten Schutzbedürfnis, mit unsicherem und unbeständigem Lebensatem begabt, … sich selber eine beständige Quelle der Angst, fehlerhaft und ungeschickt.” (Cons. ad Marc. 11,3).

Ganz anders wurde die delphische Maxime von Cicero verstanden, der die Deutung vertrat, dass zwar der Leib hinfällig, die Seele aber unsterblich sei. Folglich versteht er das Gebot als „Erkenne, daß du eine unsterbliche Seele hast.” Das hört sich sehr anders an als die bescheideneren Deutungen, in deren Tonlage auch Sokrates einstimmt. Er hat — wie wir durch Platon erfahren — den Zusammenhang des delphischen Spruchs mit der Erkenntnis des eigenen Nichtwissens verbunden: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Diese berühmte Selbsterkenntnis des Sokrates war nicht dazu gedacht, dass man sich auf diesem Nichtwissen ausruhen konnte, sondern wurde zur Grundlage der Forderung nach stetiger Arbeit an sich selbst und der Einsicht in die eigenen Begrenztheiten, die uns in der gesamten weiteren westlichen Bildungs- und Erziehungsgeschichte weiter verfolgt – Glück und Qual zugleich.

Im Sinne der Qual zeichnet Goethe vor allem die Schattenseiten der Forderung nach Selbsterkenntnis und ständiger Selbstreflexion, der „Rückbeugung“ auf sich selbst, nach, wie zum Beispiel in seinem Aufsatz ‘Bedeutende Fordernis durch ein einziges geistreiches Wort’: „Hiebei bekenn’ ich, daß mir von jeher die große und so bedeutend klingende Aufgabe ‘Erkenne dich selbst’ immer verdächtig vor kam, als eine List geheim verbündeter Priester, die den Menschen durch unerreichbare Forderungen verwirren und von der Tätigkeit gegen die Außenwelt zu einer innern falschen Beschaulichkeit verleiten wollten. Der Mensch kennt nur sich selbst, insofern er die Welt kennt.” 1823 soll er dem Kanzler von Müller gegenüber gesagt haben: „Ich behaupte, der Mensch kann sich nie selbst kennen lernen, sich nie rein als Objekt betrachten. Andere kennen mich besser als ich mich selbst. Nur meine Bezüge zur Außenwelt kann ich kennen und richtig würdigen lernen, darauf sollte man sich beschränken.”
Bei Goethe kommt schon etwas von der Kritik zum Ausdruck, die sehr viel später der Philosoph Michel Foucault gegenüber dem Subjektdenken und dem ins Innere verlagerten Zwang zur Selbstoptimierung formuliert hat.

Angesichts der Schönheit von Delphi stoppe ich den Gedankenfluss des Angelernten und Recherchierten und besinne mich auf einen Hinweis, den mir mein Vater gegeben hat, als wir kurz vor seinem Tod in Delphi waren und gemeinsam staunten. Er war noch in den Genuss humanistischer Bildung gekommen, hatte in der Schule Altgriechisch gelernt, und sagte, dass Γνῶθι σεαυτόν, genau übersetzt, eigentlich „Erkenne Dich selbst – in dem Moment“ hieße. Der Imperativ beziehe sich auf die gerade gegenwärtige Präsenz, nicht Vergangenheit, noch Zukunft, sondern eben genau auf diesen einen gegenwärtigen Moment. Anders als für den jeweiligen Moment, so meinte mein Vater, sei Selbsterkenntnis nicht möglich.
In diesem einen Moment, jetzt, in Delphi, staune ich, über diese mir heute beinahe buddhistisch erscheinende Auslegung, die mir mein Vater da angeboten hat – und bin dankbar für diesen einen gemeinsamen Moment, damals in Delphi.

All diese Geschichte(n) – und noch so viel mehr — stecken in dieser kurzen Maxime, dieser Mikroerzählung, die unzählige Makroerzählungen nach sich gezogen hat und aller Wahrscheinlichkeit nach weiter nach sich ziehen wird.
Man braucht übrigens in Delphi nicht nach der Inschrift zu suchen. Sie ist nicht mehr aufzufinden. Ebenso wenig wie die ebenfalls apollinischen Weisheit Μηδὲν ἄγαν (Mēdén ágan „Nichts im Übermaß“), die direkt neben der Aufforderung zur Selbsterkenntnis gestanden haben soll. Diesen Rat zur mäßigenden Relativierung auf das Gebot der Selbsterkenntnis zu beziehen, wäre mein Deutungsangebot, das ich dem Gewimmel von Deutungen und dem Übermaß rätselhafter Inschriften, die noch heute die heilige Stätte Delphi zieren, hinzufügen möchte. Auch Selbsterkenntnis verträgt kein Übermaß.

P.S.: Dank an die anonymen Autor*innen des Wikipedia-Eintrags https://de.m.wikipedia.org/wiki/Gnothi_seauton und dem Text von Hermann Tränkle: Gnothi seauton. Zu Ursprung und Deutungsgeschichte des delphischen Spruchs. In: Würzburger Jahrbücher für die Altertumswissenschaft, Neue Folge, Bd. 11, 1985, S. 19–31, in denen ich viele der hier zusammengetragenen Deutungsansätze nachgelesen und recherchiert habe.