Tanz das Labyrinth! In die Mitte von Kreta und zurück


Am Eingang zum Palast von Knossos, ganz in der Nähe von Heraklion, der größten Stadt Kretas, die in der Mitte der Insel liegt, staunen drei Kinder eine Fremdenführerin mit großen Augen an: Sie erzählt ihnen, wie Theseus das menschenfressende Ungeheuer Minotauros, besiegt hat, das — halb Mensch, halb Stier — verborgen im Innersten des Palastes haust. Theseus findet den Weg durch die verwinkelten Gänge, Passagen und Räume ins Zentrum des Palastes, besiegt seine Angst samt Monstrum und kehrt mit Hilfe des Fadens, den ihm die kretische Königstochter Ariadne geschenkt hat, auf dem gleichen Weg, auf dem er hineingekommen ist, wieder zurück zu seiner Ariadne. Der Ariadnefaden hat ihm den Weg durchs Labyrinth gewiesen — so der von Homer überlieferte Mythos.

800 Räume sind in den Ruinen von Knossos noch heute zu erkennen, doch geht die Archäologie davon aus, dass zum minoischen Palast in seinen Hochzeiten im 3. Jahrtausend vor Christus ursprünglich bis zu 1300 Räume zählten.

Aus vier Richtungen gelangt man über verwinkelte Gänge und schmale Korridore, mit Wandgemälden geschmückte Säle, Treppen und von Säulen gerahmte Galerien auf den zentralen Innenhof. Einige der Räume sind durch doppelflügelige Türen voneinander abgetrennt. Wurde eine Tür geöffnet, bildete sich ein Durchgang und verband die Räume miteinander.

Abb. Holzmodell des ursprünglichen Palastes von Knossos, Archäologisches Museum, Heraklion, Kreta

Im Zentrum des Palastes liegt der Thronsaal samt Alabasterthron.

Abb. Thronsaal, Knossos

Die Theseus-Sage und der Palast von Knossos überliefern uns den antiken Mythos vom Labyrinth, in dem der Mensch seinen Lebensweg in Form eines Übergangsrituals findet. Dazu muss man zunächst ins Zentrum der eigenen Ängste finden, um danach gewandelt, sozusagen als „anderer“ Mensch in die Gesellschaft zurückzukehren.


Tanz die Passage!
Sage wie Bauwerk gründen auf dem Symbol des Labyrinths, für das es auf Kreta viele frühe Spuren auf Tontafeln und Münzen gibt.

Kretisches Labyrinth auf einer Tontafel aus Pylos, Rückseite, 7 × 5,7 cm, gebrannter Lehm, Archäologisches Museum Athen
Form des Kretischen Ur-Labyrinths auf einer Silbermünze, Knossos, 125-100 v. Chr., Archäologisches Museum, Heraklion, Kreta

Doch auch diese grafischen Fassungen beruhen auf einer noch älteren Form. Und diese Form wurde getanzt!

Die Grafiken sind also im buchstäblichen Sinn des Wortes Choreografien: in Schriftzeichen geronnener Tanz.

Am Anfang dessen, was in einem mehrstufigen Transformationsprozess schließlich zum Labyrinth der Sage vom Minotauros wurde, steht vermutlich ein Gruppentanz, in dem sich alle Tanzenden an den Händen fassen. Jemand führt den Reigen an. Zunächst langsam schreitend ziehen die Tanzenden dann in immer engeren Kreisen um eine gedachte Mitte. Im Zentrum angekommen, wird die Richtung gewechselt und die Tanzenden kehren auf umgekehrtem Weg zum Ausgangspunkt zurück.

Tonfiguren, Palaikastro, 1350 v. Chr., Archäologisches Museum, Heraklion, Kreta

Da der Weg, dem die Tanzenden folgen, kompliziert ist, wurde der Pfad auf dem Boden des „Labyrinthos“ genannten Tanzplatzes eingeritzt: Furchen oder Steine zeichnen den Weg vor.

Der Religionswissenschaftler Karl Kerenyi deutet in seinen „Labyrinth-Studien“ den kretischen Labyrinth-Tanz als Bewegungsformel für eine Initiation, also für ein Übergangsritual von einer Lebensphase in die andere, ein Reifungsritual oder: eine getanzte Passage.

Rite de passage: Neuanfang aus der Mitte des Lebens
Der im Labyrinth symbolisierte Pfad lässt sich als existenzieller Weg deuten, der von einer Lebensphase in die nächste führt. Zur Bewältigung dieses Übergangs ist der Abschied von der vorherigen, überlebten Existenzform erforderlich. Die Passage selbst erfolgt im Zentrum des Labyrinths: Hier löst man sich von seiner Vergangenheit. Die bisherige Seinsweise erlischt, die alte Rolle wird abgestreift. Dann folgt die Umkehr. Ein Neubeginn. Wer das Zentrum durchschritten hat, macht sich transformiert auf den Rückweg und kehrt in einer neuen Rolle in die Gemeinschaft zurück.

Noch heute erinnern griechische Kreistänze wie der Syrtos oder später der Sirtaki an den ritualisierten Labyrinth-Tanz.


Das Labyrinth als Übung
Im kretischen Ur-Labyrinth ist der Weg vorgezeichnet: Wie verschlungen auch immer, führt er auf jeden Fall ins Zentrum. Welchen Weg man im Labyrinth geht, ist keine individuelle Entscheidung. Man folgt den Linien, die in die Mitte führen oder auch denjenigen, die vorweg tanzen. Das Ur-Labyrinth garantierte Orientierung. Verlaufen konnte man sich in ihm nicht.

Theseus hatte es in den verwirrenden Irrwegen des Palastes von Knossos schon um einiges schwerer. Auf ihn lauerte außerdem im Zentrum der Minotaurus, das Ungeheuer, das er besiegen musste. Dazu brauchte er den Verstand Ariadnes, die ihm mit ihrem Faden eine Technik an die Hand gab, mit der er den gefährlichen Weg aus dem Labyrinth zurückfinden konnte.

Im Zuge der Christianisierung der griechisch-römischen Welt wurden die antiken Bildformeln transformiert und christlich umgedeutet. Nun ist es Christus, der in der Mitte des Labyrinths gefunden werden soll. Nicht von ungefähr sind in vielen Kirchen Labyrinth-Mosaike auf dem Boden zu entdecken, die entweder leiblich nachgeschritten, mit dem Finger nachgezeichnet oder auch in Gebet und Meditation imaginativ nachvollzogen werden sollen.

Stilbildend wurde das Labyrinth in der Kathedrale von Chartres, das sich zum Beispiel in der St. Stephans-Kirche in Brühl wiederfindet.

Abb. Labyrinth der Kathedrale von Chartres, CC-BY-SA-3.0

Aber auch im Kölner Dom im Zugang zur Krypta findet sich ein Labyrinth.

Oder vor der Severins-Kirche in der Kölner Südstadt.

Das Symbol des Labyrinths begegnet uns aber nicht nur im Christentum, sondern auch in vielen anderen Religionen und spirituellen Praktiken.

Was sie alle eint, ist die Vorstellung, dass das bewusste Durchschreiten eines Labyrinths eine existenzielle Zeichenhandlung ist, eine leiblich oder kontemplativ vollzogene Übung, ein Bildungs- und Erkenntnisraum für Schwellen- und Übergangssituationen. Auch der Gang des Labyrinths folgt dem Drei-Schritt der „Rites des passage“, wie ihn der Ethnologe Arnold van Gennep beschrieben hat: Aufbruch, Passage im Zentrum, dann Umkehr zum Neubeginn.

Noch heute bietet das Abschreiten oder das Nachzeichnen mit dem Finger oder auch die reine Imagination eines Labyrinths Möglichkeiten der Reflexion und der Infragestellung des eigenen Lebensweges: Soll ich diesen Weg weitergehen? Wohin führt er mich? Führt er mich vielleicht zu weit weg von meiner eigenen Mitte? Was macht mir Angst? Was gibt mir Mut und Vertrauen? Was erhoffe ich mir unterwegs zu erleben? Wer begleitet mich?

Probier es doch mal aus und tanz das Labyrinth!

Dieser Text beruht auf folgenden anderen Texten über die Geschichte und Philosophie des Labyrinths:

Wikipedia-Eintrag „Labyrinth“, https://de.m.wikipedia.org/wiki/Labyrinth

Simon Demmelhuber: Das Labyrinth, br-Wissen, online unter https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/ethik-und-philosophie/labyrinth-102.html

Karl Kerényi: Labyrinth-Studien. Labyrinthos als Linienreflex einer mythologischen Idee. In: Humanistische Seelenforschung. Stuttgart 1996, S. 226-286.