„En passant in andere Räume“? Durch die Mikromuseen des Wiener MuseumsQuartiers

20. MÄRZ 2022

Sie nennen sich LITERATURpassage, TONSPUR_passage, STREET ART PASSAGE VIENNA, KABINETT comic passage, Typopassage Wien, Meteoritenpassage, Brückenpassage, Sternenpassage, PERFORMANCE Passage.

Ann Cathrin Frank, Margit Mössmer, Esther Brandl, Elisabeth Hajek, Nina Wenko: Mikromuseen. Kunst im öffentlichen Raum. Hg. v. Cristian Strasser, Wien 2020, http://www.q21.at

Will man eines der Museen des Wiener Museumsquartiers besuchen, hat man keine andere Wahl als eine Passage zu durchschreiten.

Ebd.

Barocke Gewölbe bilden die Zugänge zum Wiener Museumsquartier, überformen und schützen den Übergang vom trubeligen Stadtraum des inzwischen komplett gentrifizierten Spittelbergs, der Einkaufsmeile Mariahilfer Straße sowie der das Areal des MuseumsQuartiers umgebenden anderen Museen, das Natur- und das Kunsthistorische Museum samt Volkstheater. Das alles lasse ich hinter mir, kehre ihm den Rücken. Auch im Inneren des Raumschiffs MuseumsQuartier bilden Gewölbegänge Zwischenräume, ermöglichen uns Passant*innen so etwas wie einen Gang durch die Waschstraße. Von einem Museum zum anderen, wo Kopf und Leib eingestimmt werden, in einen anderen Modus einzuschwingen: Aufgemerkt. Sie betreten einen anderen Raum, wenn nicht einen „Heterotopos“ (Michel Foucault), dann zumindest einen Raum, der anders sein will. Passagen in „andere Räume“ wollen gestaltet sein, gehören not-wendig zu ihnen, auch wenn und gerade weil sie seinen Rand, seinen Übergang bilden. Einerseits Marginalien zu den Großmuseen im Zentrum des MuseumsQuartiers, betitelt als „Mikromuseen“, ist die Bedeutung dieser Passagen nicht zu unterschätzen. „En passant in andere Räume“, verspricht es das Konzept für diese Passagen. Kunstvoll gestaltet, haben sie je eigene Kurator*innen. Ich denke: Im Zweifel nie für das Zentrum, sondern für die Marginalien, den Kommentar, die Peripherie. Oder wie Joan Didion sagt: „The Center will not hold.“
Ich gehe durch die LITERATURPassage, und es wird ruhig.
Willkommen in der Gegenwart. Ich ziehe mir im Automaten einen Text, öffne den Briefumschlag mit dem Absender „Jenny. Denken. Glänzen. Text. Antwort an: jenny.literatur@gmail.com“ und lese:

Copyright: Mariia Tolmachova

Mariia Tolmachova schickt mir diesen Liebesbrief der etwas anderen Art, vaszillierend – hin und her, vor und zurück – zwischen Publikumsbeschimpfung und – verführung:

„[…] in Your fucking face, und noch weniger will ich Dir einen inspirierenden Brief darüber schreiben, dass wir Menschen nach totaler Verzweiflung heldenhaft fähig sind, von vorn anzufangen. Ich glaube nicht an Anfänge, und ich glaube nicht, dass alles gut wird. Ich glaube nicht, dass Du das, was du gerade durchmachst, überwinden kannst: ich meine, ich weiß es nicht. Eines weiß ich nur: Wir finden uns früher oder später in einem Weltraumvakuum ohne Schutzanzug wieder und wieder verlassen wir es, früher oder später, in einer beliebigen Form. Welche Landschaften sich uns dann eröffnen, hängt von niemandem außer dem Zufall oder, wenn man so will, dem Mut ab. Mach es gut, schönen Tag dir noch, und Dir ebenfalls.“ (Mariia Tolmachova).

Es ist der 17. MÄRZ 2022. Tag 22:

In der STREET ART PASSAGE VIENNA
Ebd.

Das passiert im Hier und Jetzt. Willkommen in der Gegenwart.