Nicht Schreiben oder Schreiben? Wiederholungen mit Differenz in biografischen Passagen von Trauer und Verlust

Wien, 18. MÄRZ 2022
Ich lösche die Frage „Ob Joan Didion mal in Wien war?“, mit der ich diese Textpassage beginnen wollte. Während ich „lösche“ schrieb, korrigierte das Textprogramm das Verb in „lache“. Eine Freundin sagte mir vor Jahren, als ich ihr lachend etwas Trauriges aus meiner Kindheit erzählte: „Das ist nicht lustig“. Nein, war es nicht. Aber nur ironisch-lachend konnte ich es erzählen. Worüber man nicht lachen kann, darüber muss man schweigen? Kein Wunder, dass mir diese Frage hier in Wien in die Tastatur fließt, von wo aus einer der Sätze des Wiener Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein heute als Postkartenspruch in alle Welt geschickt wird:

In Wien scheinen Pathos und Ironie besonders nah beieinander zu liegen. Auch kein Zufall, dass Thomas Bernhards „Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie?“ ein wiederkehrender Soundtrack meiner Wienbesuche ist, jedes Mal aufs Neue, jedes Mal ein wenig anders.

Ich sitze im Café Westend am Wiener Westbahnhof, schaue auf das Treiben der Mariahilfer Straße, trinke eine Melange und denke daran, wie wir auf dieser Straße für Friedhelm noch schnell vor der Ausstellungseröffnung, einen grauen Mantel kauften. „Es ist nicht unmöglich, zwei Mal in der gleichen Straße zu schwimmen„, denke ich. Am 10. MÄRZ 2013 starb er.

Wovon ich nicht schreiben kann, darüber muss ich lesen.

Die amerikanische Schriftstellerin Joan Didion kann über Trauer(n) schreiben. Konnte. Sie starb im Dezember 2021.

In „The year of magical thinking“ (2005, dt. „Das Jahr magischen Denkens“, 2006) schreibt sie gegen den Tod ihres Mannes an. 2011 folgt „Blue Nights“ (dt. „Blaue Stunden“, 2012) über den Tod ihrer Tochter und ihr eigenes Alter(n).

Die Erzählerin schreibt trauernd. Trauert schreibend.

In Graz traf ich in dieser Woche die  Literaturwissenschaftlerin Heike Hartung und hörte ihre Lecture über „Confronting Loss when ‚Life Changes in the Instant‘: Ageism and Successful Aging in the ‚Case‘ of Joan Didion“ (2021).

Ihrer Studie verdanke ich einen erneu(er)ten Blick auf das autobiografische Schreiben über Trauer und Verlust — nicht nur im „Fall“ von Joan Didion.


Schreibend meistert die Ich-Erzählerin — um nicht allzu vorschnell den „autobiografischen Pakt“ (Lejeune) zu schließen, durch den Autorin und Erzählerin gleichgesetzt werden — in Joan Didions „Das Jahr magischen Denkens“ ihre Trauer. Sie schreibt über ihr Ringen, mittels des Schreibens über ihre Trauer und des Lesens von (Fach)-Literatur Kontrolle zurückzugewinnen: „In schwierigen Zeiten, hatte man mir seit der Kindheit beigebracht, soll man lesen, lernen, es durcharbeiten, Literatur befragen. Information heißt Kontrolle“ (Didion, Das Jahr magischen Denkens, S. 56).

So wie sie ihren verstorbenen Mann durch ihr akribisch beschriebenes magisches Denken und Handeln ‚am Leben‘ halten will, scheint der Akt des Erzählens sie ‚im Leben‘ zu halten.

Was die Erzählerin selbst als eine Form „magischen Denkens“ pathologisiert — aus ihrer Fachlektüre über Trauer wohl wissend, dass Trauernde häufig dazu neigen — geht einher mit etwas, das man magisches Schreiben nennen könnte. Als eines der zentralen Stilmittel in Didions Trauerbüchern beschreibt Heike Hartung das Mäandern in Wiederholungen.

In diesen Wiederholungen scheint mir das Magische ihres Schreibens zu liegen. Es sind Wiederholungen, in denen sich im Laufe der Erzählung langsam und fast unmerklich eine Veränderung einschreibt. Die Differenz liegt bisweilen in nur einem einzigen Wort, einer kleinen, kaum merklichen Satzumstellung.

Angelehnt an Jacques Derrida lassen sich solche Wiederholungen als „différance“, als Prozess abweichender und aufschiebender Wiederholungen beschreiben oder mit Judith Butler als Prozess performativer Resignifikation (vgl. ausfürlich zu diesen Theorien: Haller: Dekonstruktion der Ambivalenz, 2011). Man kann nicht identisch wiederholen, wie Derrida nicht müde wurde zu wiederholen. Wenn ich versuche, etwas wiederzuholen, ist es etwas anderes als das Ursprüngliche, das es einmal war. Es ist Zeit vergangen. Es hat sich verändert. Einfacher gesagt: Auch wenn ich wiederholt baden gehen sollte, steige ich kein zweites Mal in denselben Fluss.

„Ich schien einen dieser legendären Flüsse überquert zu haben, die die Lebenden von den Toten trennen, ich schien einen dieser Orte betreten zu haben, wo ich nur von denen gesehen werden konnte, die selbst vor kurzem Leid erfahren hatten. Zum ersten Mal verstand ich die Macht, die im Bild dieser Flüsse steckt, im Bild von Styx und Lethe und dem verhüllten Fährmann mit seinem Stab. Ich verstand zum ersten Mal die Bedeutung der Sati-Bräuche. Die Witwen warfen sich nicht aus Leid auf das brennende Floß. Das brennende Floß stellte vielmehr genau den Ort dar, an den ihr Leid sie gebracht hatte (nicht ihre Familien, nicht die Gemeinschaft, nicht der Brauch, ihr Leid). In der Nacht, als John starb, fehlten uns noch einunddreißig Tage bis zu unserem vierzigsten Hochzeitstag.“ (Didion, Das Jahr magischen Denkens, S. 94f.)

Unter Wiederholungen mit Differenz verstehe ich nicht nur eine Schreibweise, sondern sehe in ihnen eine Möglichkeit, mit biografischen Passagen und kritischen Lebensereignissen wie dem Verlust eines geliebten Menschen umzugehen.

Sie entziehen sich dem normativen Narrativ einer Phaseneinteilung, in die ein Trauerprozess im Sinne eines Übergangsrituals psychologisch eingeteilt wird. Zum Beispiel:

1. PHASE: Nicht-Wahrhaben-Wollen –> 2. PHASE: Aufbrechende Emotionen –> 3. PHASE: Suchen und Sich-Trennen –> 4. PHASE: Neuer Selbst- und Weltbezug (Verena Kast: Trauern. Phasen und Chancen des psychischen Prozesses, 1982/2006).

Didions Trauererzählungen verweigern sich — wie Heike Hartung zeigt — den Narrativen sowohl „erfolgreichen Trauerns“ als auch „erfolgreichen Alterns“. Sie verweigern sich auch den stereotypen Alternsnarrativen von Abstieg und Verfall. Damit steigt sie aus den gängigen Erzählmustern von Entwicklungsprozessen im Alter aus (vgl. Hartung, S. 93). Trotzdem zeigt die komplexe Wiederholungsstruktur ihrer Texte, wie in Wiederholungen mit Differenz dennoch Transformation möglich wird. Solche Wiederholungen können ritualisiert werden und sind gleichzeitig offen für Veränderung. Dabei ist die Richtung des Transformationsprozesses jedoch nicht normativ vorgezeichnet wie in den Alternsnarrativen von Erfolg oder Verfall.

Didion schließt „Das Jahr magischen Denkens“ mit einer Erinnerung, die sie ebenfalls zum wiederholten Mal im Buch erzählt:

„Ich denke daran, wie ich mit ihm in die Grotte an der Portuguese Bend schwamm, auf der Woge aus klarem Wasser, und daran, wie das Wasser sich veränderte, die Schnelligkeit und Kraft, die es gewann, als es sich dem Fuß der vordersten Klippe näherte. Das Wasser mußte gerade hoch genug stehen. Wir mußten genau in dem Moment im Wasser sein, wenn die Flut die richtige Höhe hatte. Wir konnten das höchstens ein halbes Dutzend Mal in den zwei Jahren gemacht haben, als wir dort wohnten, aber das ist es, woran ich mich erinnere. Jedesmal hatte ich Angst, die Woge zu verpassen, zurückzubleiben, den richtigen Zeitpunkt nicht zu erwischen. John nicht. Man mußte es im Gefühl haben, wie das Wasser anschwoll und sich veränderte. Man mußte mit der Veränderung gehen. Er sagte mir das. Es ruht kein Auge auf dem Sperling, aber das hatte er mir gesagt.“ (S. 279f.)

Bei aller Coolness, Unnahbarkeit und ironischen Distanz von Didions Stil, die sich bis in ihre werbewirksame mediale (Selbst-)Inszenierung als Céline-Model 2015 widerspiegeln, schreckt Didion nicht vor dem pathetischen Bild eines drohenden Untergangs in den Wogen des Meeres, in den wiederkehrenden Wellen der Trauer zurück. Gleichzeitig versachlicht sie das Bild der Welle. Es wird zum Leit/dbild des Textes und damit — zu einer Frage der Kontrolle. Im Schreibprozess können die leiblich mehr als bedrohlich erfahrenen wiederkehrenden Wogen von Trauer und Leid zum Gegenstand distanzierterer Beobachtung werden — ein Akt der Desidentifikation, der eigene Trauer und Leid nicht negiert, aber doch veräußerlicht und in die Schrift des Textes bannt.

„Leid kommt in Wellen, in Anfällen, in plötzlichen Befürchtungen, die die Knie weich machen und die Augen blind und den Alltag auslöschen. Nahezu jeder, der Leid erfahren hat, erwähnt das Phänomen der »Wellen«. Eric Lindemann, der um 1940 Chefarzt der Psychiatrie im Allgemeinen Krankenhaus von Massachusetts war und Menschen interviewte, deren Familienangehörige im Cocoanut-Grove-Feuer von 1942 umkamen, definierte dieses Phänomen absolut zutreffend in einer berühmten Studie von 1944 als: »Gefühle körperlichen Leidens, die in Wellen auftreten, die jeweils zwanzig Minuten bis zu einer Stunde dauern, das Gefühl einer zugeschnürten Kehle, Erstickungsanfälle mit Atemnot, das Bedürfnis zu seufzen und ein leeres Gefühl im Unterleib, Versagen der Muskeln und ein intensives subjektives Leiden, beschrieben als Angespanntheit oder seelischer Schmerz.«“ (Didion, Das Jahr magischen Denkens, S. 36f.)

Gleich den großen Gesten, mit denen Didions Hände den Subtext zu ihren mündlichen Aussagen im Dokumentarfilm „The Center will not hold“ erzählen (Hände, die mehr zu wissen scheinen als das, was sie dem Interviewer sagt), wogen unter der nüchternen Oberfläche ihres Textes Wellen von Pathos, die die nicht nur von ihr selbst, sondern auch von der Literaturkritik beschworene Toughness, Coolness und ironische Distanz ihres Schreibens unterlaufen.

Pathos und Ironie, Trauer und allmählich zunehmende Distanz können sich verschränken — in Wiederholungen mit Differenz.