Stadtpassagen: Paris — Kairo. Die Passage du Caire

PARIS, 23. April 2022

Ende 1798 wurde die Passage du Caire in Paris eröffnet. Sie ist die älteste und gleichzeitig längste glasüberdachte Passage von Paris.

Walter Benjamin erinnert mich: „Vor dem Eingang der Passage ein Briefkasten: eine letzte Gelegenheit, der Welt, die man verläßt, ein Zeichen zu geben.“ (Benjamin, Passagen-Werk, S. 140)

Ich werfe meine Postkarte in den Briefkasten. Die Reise beginnt.

Die Passage du Caire besteht aus drei glasüberdachten schmalen Gängen, die im Dreieck angeordnet sind. Durch die Passage werden die Rue du Caire mit der Rue Aboukier, der Rue d’Alexandrie und der Rue Saint Denis verbunden.

Ihre verstaubten, renovierungsbedürftigen Winkel sind nichts im Vergleich mit den Winkelzügen im verzweigten Labyrinth von Walter Benjamins „Passagen-Werk“, in das ich mich während dieser Parisreise einmal mehr begebe. Ein Text-Labyrinth, in dem ich mich nur allzu gern verliere, lesend darin von Passage zu Passage flaniere.

Un temps pour elle – Paris„, verspricht mir aber auch die Passage du Caire, als ich sie betrete — und: „Etiquettes en tous genres„. Zeit für mich und Etikettierungen aller Art. Was hat sie zu erzählen?

Erzählt sie über die „Zweideutigkeit der Passagen“, von der Walter Benjamin spricht? Die „Spiegelwelt“, die „blinzelt“? Das „Blickwispern“, das die Passagen fülle? „Da ist kein Ding, das nicht ein kurzes Auge wo man es am wenigsten vermutet, aufschlägt, blinzelnd schließt, siehst du aber näher hin, ist es verschwunden. Dem Wispern dieser Blicke leiht der Raum sein Echo. ‚Was mag in mir, so blinzelt er, sich wohl ereignet haben?‘ Wir stutzen. ‚Ja, was mag in dir sich wohl ereignet haben?‘ So fragen wir ihn leise zurück.“ (Benjamin, Passagen-Werk, S. 627)

Ja, was mag sich in der Passage du Caire wohl ereignet haben? Ich hangele mich vorwärts und beginne bei ihrem Namen. KAIRO. Warum wurde sie nach der Hauptstadt Ägyptens benannt? Ich recherchiere.

Der Name Passage du Caire wurde ihr aufgrund des Einmarschs der französischen Truppen in Kairo am 23. Juli 1798 gegeben — ein Krieg, der bei Wikipedia immer noch verharmlosend als „Ägyptische Expedition“ etikettiert wird.

Walter Benjamin zitiert im Passagen-Werk einen anderen Krieg. Den Krieg der Straßen gegen die Passagen, dem sich ein Theaterstück von Gabriel Brazier et Dumersan widmet: „Les passages et les rues, ou la guerre déclarée Vaudeville en un acte“. Uraufgeführt wurde es im Pariser „Théâtre des Variétés“ am 7. März 1827. Benjamin fasst die Handlung des Stücks folgendermaßen zusammen:

„Die Partei der Passagenfeinde wird gestellt von M Duperron, marchand de parapluies, Mme Duhelder, femme d’un loueur de carrosses, M Mouffetard, fabricant chapelier, M Blancmanteau, marchand et fabricant de socques, Mme Dubac, rentière – jeder von diesen entstammt einem andern Quartier. Die Sache der Passagen hat M Dulingot sich zu eigen gemacht, der sein Geld in Aktien von Passagen angelegt hat. M Dulingots Advokat ist M Pour, der Advokat seiner Gegner M Contre. In der vorvorletzten (14ten) Szene erscheint M Contre an der Spitze der Straßen. Diese haben ihren Namen gemäße Banner. Es sind unter ihnen die rue aux Ours, rue Bergère, rue du Croissant, rue du Puits-qui-Parle, rue du Grand-Hurleur etc. Entsprechend in der nächsten Szene der Aufzug der Passagen mit ihren Bannern: passage du Saumon, passage de l’Ancre, passage du Grand-Cerf, passage du Pont-Neuf, passage de l’Opéra, passage du Panorama. In der folgenden, letzten (16ten) Szene taucht Lutèce aus dem Schoße der Erde auf, zunächst in Gestalt einer alten Frau. Vor ihr hält M Contre sein Plaidoyer gegen die Passagen vom Standpunkt der Straßen: »Cent quarante-quatre passages ouvrent leurs bouches béantes pour dévorer nos habitués, pour faire écouler les flots sans cesse renaissans de notre foule oisive et active! Et vous voulez que nous, rues de Paris, soyons insensibles à ces empiètemens sur nos droits antiques! Non, nous demandons … interdiction de nos cent quarante-quatre adversaires et quinze millions cinq cent mille francs de dommages et intérêts.« (p 29) Das Plaidoyer von M Pour für die Passagen hat die Form eines Couplets. Daraus: »Nous qu’on proscrit, notre usage est commode, N’avons-nous pas, par notre aspect riant, A tout Paris fait adopter la mode De ces bazars, fameux dans l’Orient. … Quels sont ces murs que la foule contemple? Ces ornemens, ces colonnes surtout? On se croirait dans Athènes, et ce temple Est au commerce élevé par le goût.« (p 29/30) Lutèce schlichtet den Streit: »L’affaire est entendue. Génies des lumières, obéissez à ma voix. (En ce moment toute la galerie se trouve éclairée par le gaz.)« (p 31) Ein Ballett der Passagen und Straßen beschließt das Vaudeville.“ (Benjamin, Passagen-Werk, S. 105)

Der Krieg der Passagen gegen die Straßen wird in diesem Theaterstück von den Passagen gewonnen, und zwar durch den Verweis auf ihre Verwandtschaft mit den Bazaren des Orients, eine neu-modische Variante von Tempel für Kommerz und Geschmack.

Nur indirekt ist damit der Ägyptenfeldzug Napoleons auch in Benjamins Passagen-Werk enthalten. Dass die Bazare im Paris des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts derart in Mode gekommen sind, hängt mit der Kolonialgeschichte Frankreichs zusammen.

Nicht umsonst trug einer der Eingänge der Passage du Caire den Namen „Markt von Kairo“. Die Pariser Ladenpassagen und später die ersten Warenhäuser sollten das Bild eines orientalischen Bazars heraufbeschwören — freilich so, wie es sich die Pariser Bourgeoisie vorstellte. Ob in der Passage du Caire in ihren Anfängen auch die sogenannten „Kolonialwaren“ verkauft wurden, finde ich nicht heraus.

Fakt ist aber, dass dem Pariser „Krieg der Passagen gegen die Straßen“ ein anderer, sehr viel grausamerer Krieg vorausging, dessen Propaganda ihn zur wissenschaftlichen Expedition verklärte — ein riesiger Etikettenschwindel, der bis heute wirkt.

Die Schlacht bei den Pyramiden, Gemälde von François-Louis-Joseph Watteau (1798/99)
 

Der Krieg, den Napoleon auf im Jahr 1798 beginnt, sollte — wenn auch nur für kurze Zeit bevor die Engländer dort wieder das Regiment übernahmen — aus Ägypten eine französische Provinz machen und Frankreich Geld in die leeren Kassen treiben. Krieg, Wissenschaft und Künste gingen dabei Hand in Hand. Begleitet wird das französische Heer nämlich von der Commission des sciences et des arts, einer Expertengruppe von 167 Wissenschaftlern, Ingenieuren und Künstlern.

Die Intellektuellen der Zeit jubeln. Eine „Ägyptomanie“ bricht aus. Pariser Bürgerhäuser und -gärten werden mit Sphinghen und Obelisken geziert.

Auch in Deutschland wird der Feldzug gefeiert. Die Romantikerin Karoline von Günderrode schreibt eine Hymne auf ihren Helden Napoleon, der das ‚Licht‘ der Aufklärung nach Ägypten bringen soll:

Buonaparte in Egypten

Aus dem Schoos der Nacht entwindet mühesam die Dämmerung sich,
Und der Dämmerung Gebilde löset einst des Tages Licht.
Endlich fliehet die Nacht! und herrlicher Morgen
Golden entsteigst du dem bläulichten Bette der Tiefe
Und erleuchtest das dunkle Land wo der Vorzeit
Erster Funke geglüht, wo Licht dem Dunkel entwunden.
Früh gelodert im Schutze mystischer Schleier
Dann auf lange entfloh und ferne Zonen erleuchtet. –
Ewig weicht sie doch nicht vom heimischen Lande
Die Flamme, sie kehret mit hochaufloderndem Glanz hin.
Alle Bande der Knechtschaft löset die Freiheit,
Der Begeisterung Funke erwekt die Söhne Egyptens. –
Wer bewirkt die Erscheinung? Wer ruft der Vorwelt
Tage zurük? Wer reiset Hüll und Ketten vom Bilde
Jener Isis, die der Vergangenheit Räthsel
Dasteht, ein Denkmal vergessener Weisheit der Urwelt?
Bonaparte ist’s, Italiens Erobrer,
Frankreichs Liebling, die Säule der würdigeren Freiheit
Rufet er der Vorzeit Begeisterung zurüke
Zeiget dem erschlaften Jahrhunderte römische Kraft. –
Möge dem Helden das Werk gelingen Völker
Zu beglükken, möge der schöne Morgen der Freiheit
Sich entwinden der Dämmerung finsterem Schoose.
Möge der späte Enkel sich freuen der labenden
Der gereiften Frucht, die mit Todesgefahren
In dem schreklichen Kampf mit finsterem Wahn, der Menge
Irrthum, der großen Härte, des Volks Verblendung
Blutige Thränen vergiesend die leidende Menschheit
Zitternd in dieses Jahrhunderts Laufe gepflanzt.

Die Sphinx aus Krieg, Revolutionsromantik, Licht der Aufklärung, Kommerz und Kolonialismus sitzt bis heute in dieser Passage du Caire — auch wenn heute nur noch der Name eines der Geschäfte an sie erinnert.

Die Reliefbilder der alt-ägyptischen Göttin Hathor, die eines der Eingangshäuser der Passage du Caire zieren, scheinen mahnend in die Zukunft zu schauen. Die Göttin der Toten, aber auch des Friedens, der Schönheit, des Tanzes und der Kunst prangert mit ihrem steinernen Blick den Raub von ägyptischen Kulturgütern an, den auch Deutschland Hand in Hand mit Frankreich beging. Die Rückgabe der Nofretete-Büste an Ägypten wird seit 1925 ebenso regelmäßig wie vergeblich eingefordert. Diesen Grabenkrieg um die ägyptische Schönheit beschreibt dir Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy in ihrem Buch „Nofretete. Eine deutsch-französische Affäre 1912-1931“ und stellt die kritische Frage, wie es um die Verantwortung Europas im Umgang mit dem in der Kolonialzeit erworbenen und entwendeten Eigentum steht.

Die Göttin Hathor, Relief an einem der Eingangshäuser zur Passage du Caire

Ist das eine dieser „Zweideutigkeiten der Passagen“, von denen Benjamin spricht, die uns unversehens von der Pariser Passage du Caire über Ägypten nach Deutschland und zurück geführt hat? Und: Hat Hathor gerade geblinzelt oder hat sie nicht?