Pasáže in Prag

Pasáže lautet das tschechische Wort für Passagen. Biografische Übergänge sind umso schwerer zu bewältigen als eine Passage gern gleich die nächste nach sich zieht. Es gibt Lebensphasen, in denen sich Übergänge in ihrem Auf und Ab bündeln. Soll ich nach oben oder unten gehen, rechts oder links?

Lucerna-Passage in Prag, erbaut zwischen 1907 and 1921 von Stanislav Bechyně und Vácslav Havel, dem Großvater des späteren Präsidenten Václav Havel

„In der allergrößten Not, ist der Mittelweg der Tod“, warnen der Soziologe Oskar Negt und der Filmemacher Alexander Kluge. Zurecht, aber wenn der Mittelweg in ein Kaffeehaus wie das in der Lucerna-Passage führt, würde ich ihn wagen: Abwarten, Tee trinken und sich die Passage mit etwas Abstand von oben anschauen.

In Prag reiht sich eine Passage an die andere. Man kann bei Regen rund um den Wenzelsplatz herum flanieren, fast ohne nasse Füße zu bekommen. Die Prager Passagen  sind in ihrer Dichte ein einzigartiges Phänomen. Inspiriert von Paris und Brüssel, wurden sie auch in Prag zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Kathedralen der Moderne geschaffen, in denen Geschäfte getrieben und dem Mammon geduldigt wurde.

„Kirchenfenster“ für Tesla in der Passage Světozor

Oder ob die Wechselfälle der tschechischen Geschichte etwas mit der besonderen Passagenvorliebe dieser Stadt zu tun haben? Spannend, dass sich der Passagenreichtum Prags rund um den Wenzelsplatz nochmal zu konzentrieren scheint. Auf diesem Platz wurde tschechische Geschichte geschrieben. Auf ihm verbrannte sich 1969 der Student Jan Palach aus Protest gegen den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts und die Niederschlagung des Prager Frühlings. Hier sollte 20 Jahre später die „Samtene Revolution“ ihren Ausgang nehmen.

Wenzel-Statue auf dem Prager Wenzelsplatz

Hoch zu Ross über den einschneidenden Geschichtsereignissen thronend, richtet der Heilige Wenzel seinen Blick kaum hinab zu Bürger*innen und Reisenden, um ihn lieber über die ihm zu Füßen liegende Stadt hinweg schweifen zu lassen. Doch sein herrischer Blick mag trügen. Während der kurzen Regierungszeit des von Legenden umrankten Nationalhelden musste er sich dem ostfränkischen König Heinrich I. unterwerfen, wurde von Gegnern aus den eigenen Reihen bekämpft und schließlich von seinem Bruder Boleslav I. getötet. Vielleicht sützt sich sein Heiligenstatus auf die Einsicht, dass Siege im Leben nicht viel bedeuten.

Die postmoderne Version der Wenzel-Statue in der Lucerna-Passage legt jedenfalls die Interpretation nahe, dass Ross und Reiter*in in manch turbulenter Lebens-Passage Kopf stehen statt fest im Sattel zu sitzen. Wähnt man als stolze*r Reiter*in die Zügel des Lebens fest in der Hand zu halten, ist das Leben längst verreckt. Zumindest aber hängt ihm vor Erschöpfung die Zunge aus dem Hals.

1999 in der Lucerna-Passage installierte Wenzel-Statue von David Cerny

Bei biografischen Passagen denken viele vor allem an das Jugendalter mit seinen Übergängen in Ausbildung, Beruf und Beziehungen. Dabei wird die Dichte der Übergänge im höheren Alter leicht übersehen. Der Übergang in den Ruhestand, der Auszug von Kindern, neue Freiheiten, aber auch zuvor unbekannte Einschränkungen, Krankheiten oder der mit zunehmenden Alter sich häufende Verlust von geliebten Menschen können eine Lebenspassage nach der anderen nach sich ziehen, manche davon miteinander verschränkt, manche verästelt, manche mit prunkvollem Portal, dann aber in einer Sackgasse endend. Dabei spiegeln sich die Übergangserfahrungen der Jugend in denen der fortgeschrittenen Lebensalter — wie die Jugendstil-Reliefs der Lebensalter in der Prager Rokoko-Passage:

Passagen, wie hier die Rokoko-Passage, die sich direkt an die Lucerna-Passage anschließt, sind ebenso wie Lebens-Passagen reich an Spiegeln, die mit einem Mal versteckte Facetten des Selbst zum Vorschein bringen können — mal mehr, mal weniger verzerrt. Passagen sind Zeiten der Selbstbespiegelung, in denen sich die Beziehungen zu sich selbst, der Welt und anderen Menschen verändern.

In der Lucerna-Passage

Manche Passagen wirken majestätisch und gleichzeitig einladend:

Die Adria-Passage, erbaut in den Jahren 1922-25, war ursprünglich Sitz der italienischen Versicherungsgesellschaft Riunione Adriatica di Sicurita. Auf dem Boden mahnen Steinmosaiken an Katastrophen, die uns im Leben zustoßen könnten: Habe ich den Herd ausgestellt? Wird das Haus abbrennen?

Sie erinnerten wohl die Kund*innen daran, was sie beim Abschluss einer Versicherung auf keinen Fall vergessen sollten.

Andere Passagen werden von finsteren Gestalten bewacht.

Die kubistische Architektur, für die Prag berühmt ist, zerlegt nach Manier von Picasso und Braque auch die Passagen in ihre abstrakte Form.

Das Haus der schwarzen Madonna

Ziel war es, das Wesentliche herauszukristallisieren. Selbst die Kleiderhaken fanden sich schließlich kristallin geformt in Reih und Glied.

Café Orient

Ob kubistische Quadratköpfe dazu geeignet sind, Übergänge geschmeidig zu bewältigen, bleibt fraglich.

Den Passant*innen des langen dunklen Tunnels, der das ehemalige Arbeiter-, nun kaputtgentrifizierte Medienviertel Karlín mit seinem Nachbarviertel Žižkov verbindet, kann ein Licht aufgehen:

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Wir alle krabbeln von Passage zu Passage:

Prags Fernsehturm mit Skulpturen von David Cerny

Mal stehen wir uns im Weg.

Mal starren wir in den Abgrund.

Und immer wieder geht es ebenso steil bergab wie steil bergauf.

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