DESDE EL SUR AL NORTE. VOM EINNORDEN UND DER SUCHE NACH DEM SÜDEN

8. JANUAR 2017

Wir sind wieder in Chile und fahren langsam Richtung Norden. Momentan stromern wir durch das wunderschöne Colchagua-Tal, ein Weinanbaugebiet in der Mitte Chiles.
Vicente Huidobro (Chile 1893-1948), einer der großen Avantgardisten der chilenischen Literatur, schreibt in seinem Roman „Altazor“ (1917-1931): „Los cuatro puntos cardinales son tres: el sur y el norte“. Übersetzt: „Die vier Himmelsrichtungen sind drei: der Süden und der Norden“.

Wenn man durch das schlanke Chile reist, findet man den syntaktisch korrekten, aber semantisch absurd erscheinenden Satz Huidobros gar nicht mehr so fernab der Realität. Chile ist durchschnittlich 180 km breit und über 4000 km lang. Die zentrale Autobahn hat in diesem langgestreckten Land eben nur zwei Richtungen, und so steht es auch auf den Wegweisern: ‚al sur‘ oder ‚al norte‘. Das ist die Entscheidung, die bei der Auffahrt auf die Autobahn zu treffen ist. Wichtig ist als dritter Punkt nur noch die Straße als Verbindung zwischen Norden und Süden. Andere Himmelsrichtungen werden nicht bezeichnet. Wegweiser nach Westen oder nach Osten heißen entweder ‚al mar‘ oder ‚a los Andes‘, zum Meer oder in Richtung Anden.

Der Satz Huidobros dient Laura Pollastri und ihrer Forschungsgruppe im von ihr 2002 gegründeten Centro Patagonico de Estudios Latinoamericanos der Universidad Nacional de Comahue als Ausgangspunkt ihrer Studien zur patagonischen Literatur.
Statt den eigenen Norden zu suchen (buscar su norte) – einer spanischen Redewendung, die man auf deutsch vielleicht mit ‚sich einnorden‘ übersetzen kann – sucht diese Forschungsgruppe den Süden. Jedoch nicht als Suche nach einer geschlossenen, klar abgegrenzten patagonischen (das automatische Korrekturprogramm meines Tablets ist grausam zu mir: ‚patagonisch‘ will es mir jedes Mal durch ‚pädadogisch‘ ersetzen) kulturellen Identität, sondern als dezidiert offenes Unterfangen, das ‚den Süden‘ als offenes Konzept versteht, mit dem alle eingeladen sind, auch wenn sie nicht in Patagonien, im Süden Argentiniens und Chiles leben, sich mit den Literaturen und Kulturen Patagoniens auseinanderzusetzen. LetrAbierta – offene Schrift – nennen sie deshalb auch die Anthologie mit literarischen Texten von Autoren*innen, die in Patagonien leben. Die Anthologie sammelt Mikroerzählungen und -gedichte, von denen ich Euch ja schon einige übersetzt habe. Auf solche Minitexte haben sich die Mitglieder der Forschungsgruppe spezialisiert. Sie beschäftigen sich mit dieser Textgattung aber nicht nur in ihrer Forschung und ihrer universitären Lehre, sondern auch in öffentlichen Workshops für Kinder ebenso wie für Senior*innen. Weil Laura und ich ein ähnliches Verständnis davon haben, wie wichtig es ist, Brücken zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu bauen, hatte ich an einem dieser öffentlichen Seminare, dem Seminar ‚Abuelos relatores‘ – ‚Großeltern erzählen‘ besonderen Anteil. 2013 habe ich an der Universität in Neuquén den beteiligten Senioren*innen und den Wissenschaftler*innen der Uni das Konzept des Seniorenstudiums der Uni Köln vorgestellt und unser Verständnis kulturwissenschaftlicher partizipativer Alter(n)sstudien erläutert. Die an dem Projekt beteiligten Senior*innen waren begeistert von der Idee, sich an Forschung über das Alter(n) zu beteiligen und zu lernen, wie man forscht. Aber das sei noch ein weiter Weg. Einige von ihnen wollten nach der Teilnahme an dem Projekt nun erst einmal besser lernen, wie man schreibt und liest.

Argentinien hat eine hohe Alphabetisierungsrate von 95%. Selbst die Gruppe der über 65jährigen weicht mit nur 5% nicht vom Durchschnitt ab, im Gegensatz zu anderen Ländern Lateinamerikas. Der Frauenanteil beträgt dabei 61%. Dass einige der am Projekt beteiligten Senioren und Seniorinnen Schwierigkeiten hatten zu schreiben, damit hatte ich nicht gerechnet. Um wieviel bedeutsamer war es dann, ihre Geschichten aufzuschreiben. Die partizipative Alternsforschung erschien mir einmal mehr als Luxusproblem, das diejenigen einbezieht, die auch schon vorher zumindest potentiell die Möglichkeit hatten, sich in den Diskurs einzubringen.

Doch jetzt hat mich der Schreibfluss weit weggetragen – Schuld ist selbstverständlich nur dieses verflixte Korrekturprogramm mit seiner Vorliebe für die Pädagogik.

Vom Suchen des Südens wollte ich schreiben, weil ich mich hier ja gerade nicht einnorden will, sondern den Blick offen halten möchte. Das ist aber gar nicht so einfach, weil für mich Mensch der Nordhalbkugel der Süden Chiles mit seinen Fjorden und der Bergwelt mindestens so nördlich wie Norwegen erscheint, und die Seen mit den Anden im Hintergrund auch im argentinischen Patagonien eher an die Schweiz, Österreich oder Bayern erinnern, also aus heimatlicher Perspektive schon etwas ‚südlicher‘, aber immer noch ganz schön ‚nördlich‘.

Kein Wunder, dass es die deutschsprachigen Auswanderer in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, Sudetendeutsche, Juden und später dann die Nazis in den Süden Chiles und Argentiniens getrieben hat. Was für ein schreckliches Zusammentreffen muss das gewesen sein?

In dem kleinen, von Sudetendeutschen gegründeten, wunderschön an einem Fjord, in dem Delphine über die niedrigen Wellen springen, gelegenen Dorf Puyuhuapi im patagonischen Süden Chiles habe ich in einem alten Schuppen alte Zeitschriften mit Titeln wie ‚Monatsheft für nordische Weltanschauung und Lebensgestaltung‘ gefunden.

Unheimlich. Und fast noch unheimlicher wird es, wenn sich dieser ‚Norden‘ im südamerikanischen Süden wiederfindet.

Da hilft es nur wenig, zu sehen, dass das mentale Gift der „nordischen Lebenshaltung und Weltanschauung“ direkt neben der Klobrille verrottet.

Im chilenischen Süden wird heute noch Bier gebraut, das mit deutschen Namen beworben wird, und es gibt an vielen Häuschen ein Schild, dass man Kuchen kaufen könne. Ja, richtig gelesen: KUCHEN heißt in Chile ‚Kuchen‘ und meint anscheinend vor allem Streuselkuchen.
Wir fahren morgen weiter ‚al norte‘ nach Santiago. Die Temperaturen steigen mit jeden Kilometer – Richtung Norden.

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