(V)ERSCHLOSSENE PASAJES IN SANTIAGO UND VALPARAISO. VON HARTEN GEGENSÄTZEN UND MÖGLICHKEITEN ANDERER ZUGÄNGE

20. JANUAR 2018

Santiago, die Hauptstadt Chiles, habe ich als eine Stadt krasser Gegensätze wahrgenommen: Alte und neue Architektur prallen so unvermittelt aufeinander, dass es mir oft den Atem nahm.

Die Stadtviertel erscheinen mir unzusammenhängend, keine Übergänge, abrupte Grenzen. Verschmiertes Grau, stinkender Schmutz neben nur allzu schmucken Reihenhausgässchen und Edelausgehvierteln. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft weit auseinander, unvermittelt. Wann schnappt sie zu? Jeden Augenblick.
Manchmal halte ich sie kaum aus, die Gegensätze und Brüche, die mir in diesem langgezogenen Chile begegnen. Dann sehe ich keine Pasajes, keine Übergänge, keine Zwischentöne und Graustufen mehr, sondern nur noch unüberbrückbare Gegensätze, Arm oder Reich, schwarz oder weiß, Norden oder Süden.

Die unterschiedlichen Jahreszeiten, die wir hier im Schnelldurchlauf durchfahren, die unterschiedlichen Landschaften und Klimazonen sind nichts gegen die sozialen Gegensätze, die sich in die Gesichter und Körper der Menschen ebenso wie in die der Städte, ihre Stadtviertel und ihre Architekturen einschreiben.

Dann hilft mir kein dialektisches Denken der ‚Aufhebung‘ des einen Poles im und durch den anderen, in dem These und Antithese letztlich zur Synthese einer nächst höheren Entwicklungsstufe führen sollen. Sozialisten und Neoliberale geben sich hier die Klinke in die Hand; die Korruptionsvorwürfe prallen an beiden ab. Die Politik Chiles nach dem Ende der Diktatur Pinochets 1989 ist geprägt durch einen steten Wechsel zwischen linksgerichteten und neoliberalen Regierungsbündnissen. Eine wirkliche Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse bieten auch die linken Regierungen mit ihren Koalitionen aus Christdemokraten, Sozialisten (die hier eher mit unseren Sozialdemokraten zu vergleichen sind) und zuletzt auch der Kommunistischen Partei nicht. Die Sozialistin Michelle Bachelet wechselt sich als Regierungschefin mit dem neoliberalen Sebastián Piñera ab. Die letzte Wahl hat nun wieder Piñera an die Macht gebracht, siebtreichster Mann im Land, der allen Ernstes einmal gesagt haben soll, dass er nicht verstünde, warum es nicht alle Chilenen so machen wie er.

Der Klassenkampf erscheint längst für alle verloren, besiegt von einer globalen Konsumideologie, die auch hier grassiert. Die Adidas-Sportgeschäfte glitzern wie Discos und haben ihre Turnschuhe wie bunte Bonbondosen in endlosen Wandregalen angerichtet. Stevia-Flaschen sind der letzte Schrei, um den Zucker und das Sacharin zu ersetzen. Sie zieren die Tische der hippen Kaffees im Szene-Stadtteil Lastarria, in denen man Bohnenkaffee, Cappuccino und Café Latte statt des sonst in Chile üblichen löslichen Kaffees bekommt. Sie verheißen das süße Leben ohne Sünde. Bestellt man Café con Leche, bekommt man jedoch auch hier noch einen Pott Milch mit einem Tütchen Instantkaffee. Himmel, wie lange hatte ich den nicht mehr getrunken. Ambivalente Gefühle.

Mehr GLU(ck) GLU(ck), wie es das Museumcafé im unter dem Regierungssitz gelegenen Kulturzentrum propagiert, hilft mir ebensowenig dabei, einen Zugang zu finden, wie einmal mehr über einen Ambivalenzbegriff nachzudenken, der die Polaritäten in ein „produktives“ und „kreatives“ Oszillieren setzt, aus dem Neues heraus entstehen kann. Selbst der so schillernd vieldeutige Begriff des Übergangs erscheint mir nur noch als Sackgasse – wenn ich diese Pasaje in Valparaiso sehe, die jeden Abend für die Allgemeinheit geschlossen wird, weil die Anwohner um ihre Sicherheit fürchten.

Ebenso wie in Santiago fällt es mir in Valparaiso zunächst sehr schwer, einen Zugang zu finden. Ich fühle mich auch hier überwältigt von den Gegensätzen und brauche „Übersetzer“ als Vehikel, mit denen ich mir die Städte zu erklären versuche, suche nach anderen Perspektiven, die mir Möglichkeiten aufzeigen, einen Zugang zu finden. Sonst schnappe ich zu, glaube, das Gesehene und Erlebte nicht verarbeiten zu können: Zu viel, zu fremd, zu krass.

In Santiago war es das Museum der Erinnerung und der Menschenrechte, das mir in seinem Detailreichtum, aber trotz seiner vielfältigen Zeugnisse klaren Positionierung ein besseres Verständnis der Diktatur und ihrer Auswirkungen auf das heutige Chile und das heutige Santiago eröffnet hat (https://ww3.museodelamemoria.cl/).

Und eine Tanzaufführung, die wir im Rahmen von Santiago a Mil, einem Festival der darstellenden Künste in Santiago sehen. Der chilenische Choreograph Pablo Zamorano schlägt in Zusammenarbeit mit den Tänzerinnen und Tänzern in dem Stück „Praktiken zu fliegen“ einen großen Bogen der Geschichte des modernen Tanzes in Chile seit der Diktatur und zeigt damit in großer Leichtigkeit und wie im Flug unterschiedliche Weisen der Verarbeitung von gesellschaftsgeschichtlichen Einflüssen im Tanz. Schwer in Worte zu fassen. Vielleicht macht es eine der Szenen deutlich: Eine junge Frau tritt auf, tanzt und parallel dazu sieht man ein Video ihrer Straßenperformances. Und das ist ein tatsächlich ein sehr gegenwärtiges Bild in den Straßen Santiagos: Vor den spiegelnden Fensterflächen der Hochhäuser finden sich Jugendliche zusammen, um Tanzschritte einzustudieren, ganze Choreographien, Breakdance-Elemente, Hip Hop.

Aber Tanzkünste unter freiem Himmel sind nicht die einzige Straßenkunst: Die Hauswände Santiagos, ganz besonders die im Stadtviertel Brasil, sind ein Museum zeitgenössischer Kunst unter freiem Himmel. Ich kann die Schönheit und Kreativität der Wandbilder in Brasil jedoch leider erst im Nachhinein erkennen auf den Fotos, die Chris in dem Stadtteil gemacht hat.

Vor Ort achtete ich fast nur darauf, wer mir als nächster mit sternhagelvoll verdrehten Augen, die Plastikflasche zum Schnüffeln unterm Arm, entgegenwankt. Anscheinend brauche ich den sicheren Rahmen des Museums, und schau mir lieber die Ausstellung im Museum der Schönen Künste über „El bien comun“ an – sinniere im geschützten Raum über das Gemeinwohl, das auf den Straßen in Frage steht. Eine spannende Ausstellung, die zu unterschiedlichen Topoi des Gemeinwohls alte chilenische Gemälde aus dem 19. Jahrhundert mit zeitgenössischer Kunst konfrontiert. Zum Beispiel: Im Eingangsbereich der Ausstellung zeigt ein riesiger Ölschinken die Gründung Santiagos durch die spanischen Eroberer mit ihren schillernden Stahlrüstungen, zeigt, wie sie das Land aufteilen und mit ihm die einheimische Bevölkerung, die nackt und dunkel am Boden den Hintergrund bildet. Dagegen gestellt wird das zeitgenössische Werk „Bajo sospecha“ von Luis Bernardo Oyarzún, mit dem er rassistische polizeiliche Repressionen in Chile anprangert und seine Festnahme ver- und bearbeitet, die nur aufgrund seines Aussehens erfolgte. Schaut mal unter https://fotografiaymovimientossociales.wordpress.com/2017/06/29/bajo-sospecha-una-critica-a-la-estigmatizacion-policial/ .

In Valparaiso habe ich zunächst fast noch größere Schwierigkeiten, mich einzufinden und auf die Stadt einzulassen. Hier finden wir als Übersetzer schließlich drei junge Stadtführer, die gerade ein neues Unternehmen aufgemacht haben und eine andere Art von Stadtführungen anbieten. Die tragende Idee von Ecomapu – so heißt ihr Unternehmen – ist, dass die Stadtführer ihre eigenen Stadtviertel zeigen. Dort, wo sie selbst wohnen, bieten sie Stadtführungen an, die Nachbarn, Sozial- und Kulturzentren sowie Geschäfte ihres Veedels einbeziehen. Veedel, dass sind hier in Valparaiso die „Cerros“, die Hügel. Über fünfzig Hügel zählt die Stadt, die sich vom Hafen aus wie ein Trichter in die Berge erstreckt. Zwei der Hügel sind fest in touristischer Hand, Cerro Alegre und Cerro Concepción. Hier gehen die anderen Stadtführungen entlang. Vor vielen anderen Hügeln wird im Hostal gewarnt: Diebstahl und Raubüberfälle seien an der Tagesordnung. Mit Felipe und Esteban weicht mein Unbehagen. Ich sehe nicht mehr nur die Missstände, die Armut, die zerfallenen Häuser und mich selbst darin als ungerecht privilegierte Touristin flanierend. Ihre Begeisterung für ihre Stadt wirkt ansteckend. Sie erhoffen sich viel davon, dass große Teile der Stadt als Unesco-Weltkulturerbe anerkannt worden sind. Sie hoffen, dass nun renoviert statt abgerissen oder dem Verfall überlassen wird. Und tatsächlich sind schon viele der Stadtaufzüge renoviert, die die Unterstadt mit den Hügeln verbinden – ein Vermächtnis der englischen Einwanderer, die die Kenntnisse der Aufzug-Technik aus ihrem Mienenbau mitgebracht haben.

Die deutschen Einwanderer haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Feuerwehr aufgebaut, und bis heute kommen einige Fahrzeuge der Feuerwehr Valparaisos aus Deutschland. Nach einer Schätzung der Deutschchilenischen Handelskammer leben heute rund eine halbe Million Nachfahren von deutschen Einwanderern im Land. Zwischen zwanzigtausend und vierzigtausend sprächen noch immer Deutsch.

Die Elektrobusse stammen aus der Schweiz.

Während der großen Einwanderungswelle Ende des 19. Jahrhunderts kamen ähnlich viele Schweizer wie Deutsche ins Land. Sie sollten sich, angeworben und von der damaligen chilenischen Regierung mit Land ausgestattet, ebenso wie die Deutschen im Süden Chiles, in Patagonien und Araucanien ansiedeln, um das Land urbar zu machen — Land, das den Mapuche gehörte. Viele gingen aber auch nach Valparaiso, um in der Hafenstadt Handel mit den landwirtschaftlichen Produkten ihrer weiter im Süden siedelnden Landsleute zu betreiben.

Globalisierte Welt – nicht nur ihre Gegenwart, sondern auch ihre Geschichte lässt sich in Valparaiso gut studieren. Valparaiso war ein zentraler Umschlagsplatz, ein wichtiger Hafen, der vor der Eröffnung des Panamakanals im Jahr 1914 Anlaufstelle für all die Goldrauschsucher war, deren Ziel die Westküste Nordamerikas war, die Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas umfahren mussten, und von denen dann nicht wenige schließlich in Valparaiso blieben.
Noch heute ist Valparaiso ein wichtiger Hafen, der jedoch nicht der Stadt Valparaiso gehört, sondern zu großen Anteilen der deutschen Schifffahrtsgesellschaft Hapag Lloyd – auch das ein Zerrspiegel der globalisierten Welt:
Hapag Lloyd, Maersk und Hamburg Süd, als die größten Reedereien der Welt prägen mit ihren Containern das Bild des Hafens von Valparaiso so wie die Touristen die Hügel Cerro Alegre und Cerro Concepción bevölkern.

Begeistert berichten die Stadtführer von den Streetart-Künstlerinnen und Künstlern, die von Valparaiso aus in die Welt ziehen, aber doch immer wieder zurückkommen, wie das Streetart-Paar ‚Un kolor distinto‘, das auch in den Straßen Londons malt.

Oder Inti mit seinen riesigen Wandbildern in Valparaiso und – in Köln.

Ob die lustigen Farben der Streetart den Blick verklären? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass sie mir andere Zugänge erschlossen haben als die abends verschlossene Pasaje Condor, in der kein einziges Grafiti leuchtet, und ich wieder Übergänge sehen konnte, zumindest Graustufen, nicht mehr alles in schwarz oder weiß, sondern eine Kritik an den herrschenden Verhältnissen in schreiendem Bunt.

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