Stadt-Passagen: Wovon träumt Deine Stadt?

Walter Benjamin zitiert in seinem „Passagen-Werk“ eine Passage aus dem „Illustrierten Pariser Führer“ über die ersten Pariser Passagen der 1820er Jahre, die besagt, dass eine „Passage eine Stadt, eine Welt im Kleinen“ (S. 45) sei — ein Modell der Stadt, wenn nicht gleich der ganzen Welt.

Einen Nachhall von dieser Vorstellung findet sich selbst noch in der Kaufhausgalerie, dem Warenhaus, das sein Lager den Passant*innen hellerleuchtet zur Schau und gleichzeitig zum Verkauf stellt.

„Rückstände einer Traumwelt“ seien demgegenüber die alten Passagen gewesen, so Benjamin, voller „verborgener Stellen“, an denen „es in die Unterwelt hinabgeht“, „unscheinbare Örter, wo die Träume münden“: „Alle Tage gehen wir nichtsahnend an ihnen vorüber, kaum aber kommt der Schlaf, so tasten wir mit geschwinden Griffen zu ihnen zurück und verlieren uns in den dunklen Gängen. Das Häuserlabyrinth der Städte gleicht am hellen Tage dem Bewußtsein; die Passagen (…) münden tagsüber unbemerkt in die Straßen. Nachts unter den dunklen Häusermassen aber tritt ihr kompakteres Dunkel erschreckend heraus und der späte Passant hastet an ihnen vorüber, es sei denn, daß wir ihn zur Reise durch die schmale Gasse ermuntert haben.“ (S. 1236)

Vielleicht gibt es solche Orte ja doch noch. Meine Mutter fragt mich seit einiger Zeit jedenfalls vor jeder U-Bahnfahrt: „Gehen wir jetzt in die Unterwelt?“ Einer dieser unscheinbaren „Örter, wo die Träume münden“ und „es in die Unterwelt“ hinabgeht, scheint für sie der U-Bahnaufzug Florastraße in Köln-Nippes zu sein.

Welche unterbewussten Träume einer Stadt spiegeln ihre Passagen?

Wofür stehen sie Modell?

Köln träumt…

… nicht nur davon, von uns Kölner*innen geliebt zu werden inklusive der furchtbaren Schneise der Nord-Süd-Fahrt , sondern gleich der ganzen Welt bei der Kommunikation zu helfen:

Buenos Aires träumt

… die göttliche Komödie in der Barolo-Passage

Und von der „Verteidigung des Feminismus“:

Den Haag träumt…

… von der Demokratie. In der Passage befindet sich links das „Huis voor democratie en rechtsstaat

Und das Paris von heute?

Paris träumt…

… von der Renovierung seiner ältesten und gleichzeitig längsten Passage, der Passage du Caire, nach der Stadt Kairo benannt, von 1789 — Zeugin der Französischen Revolution sowie des französischen Ägyptenfeldzugs:

Die Passage du CAIRE, ein Mischwesen, eine Sphinx von Revolution und Kolonialismus.

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